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„Dionysos Stadt“ in der Frankfurt-Offenbacher Sommerbau-Version. Foto: Jörg Baumann
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„Dionysos Stadt“ in der Frankfurt-Offenbacher Sommerbau-Version.

Frankfurt

„Dionysos Stadt“ im Mousonturm-Sommerbau: Ihr Griechen, Meister aller Barbarei

  • VonMarcus Hladek
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Zehn Stunden Antike-Spektakel: „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping im Sommerbau am Kaiserlei.

So wörtlich wurde „Satyrspiel“ selten genommen. Neun Stunden zwanzig nach dem Beginn von Christopher Rüpings „Dionysos Stadt“ um 14 Uhr bolzen sechs der acht Darstellerinnen und Darsteller auf Kunstrasen: je drei Weiblein und Männlein mit und ohne Bockshörner, geschwänzt, in Sportzeug, tragen ihr „Satyrspiel“ im Fußball aus. Vierzig Minuten geht das so, unterbrochen vom Starren in den Himmel und einem Text Jean-Philippe Toussaints über Zinedine Zidane.

Der „Sommerbau“ am Kaiserlei-Kreisel, ein Gemeinschaftsprojekt von Mousonturm und Frankfurt LAB, ist ein kühnes Gebilde aus Gerüststangen mit Windschutzwimpeln bis zum 3. Logenrang, in der Mitte die sechseckige Bühne mit drei Zugängen. Das Satyrspiel „Was hat das mit Dionysos zu tun?“ dreht sich um nur einen Moment: ein Fußballer nennt des andern Schwester im WM-Finale Berlin 2006 eine Hure, der gibt ihm eine Kopfnuss und bekommt, im letzten Spiel seines Lebens, die „schwarze“ Karte der Melancholie.

Als „Satyre“ nach viel schwerer Kost nimmt man das gern hin, zumal schon die griechische Literatur mit einer Hure begann. Solcher Schimpf flog nämlich der schönen Helena um die Ohren. Dem Satyrspiel voraus gehen Menschheitsdämmern (Teil 1: „Prometheus“), der Trojanische Krieg (2: „Ilias“, „Troerinnen“), eine Familienfluch-Soap im Vorabend-Stil („Orestie“), eingestreut ein Deus ex machina und ein Industriekran als Theatermaschine.

Vieles fällt weg, dafür findet sich nach all der sphärischen Theatermusik plus Matze Pröllochs Live-Drums und Udo Jürgens’ „Griechischem Wein“ doch noch ein guter Song. Dass „Burning Down the House“ von Talking Heads als Atriden-Betriebsanleitung in die letzte Pause fällt, passt.

Nachdem Nils Kahnwald im Publikumsprolog die Anwesenden gewitzt eingestimmt hat (die Raucherbank ist erklärt, den ausgehängten 50-Euro-Schein fürs Bleiben holt sich ein „Zuschauer“ später), zeigt Rüping „Prometheus“, diese Urgestalt der Tragödie von Aischylos, als Startpunkt für „Dionysos Stadt“ (zuerst gezeigt an den Münchner Kammerspielen 2018, hier die Frankfurt-Offenbacher Fassung). Zu denken ist das eher „nach“ dem Original, gespielt in Übersetzungen Heiner Müllers und John von Düffels mit zusätzlichen Texten wie Müllers Prosa „Befreiung des Prometheus“.

Aus dem kaukasischen Fels, an den der Titan (Benjamin Radjaipour) auf Zeus’ Geheiß geschmiedet wird, wird bei ihm ein Käfig, der am Kran mit dem Darsteller in der Höhe schweben wird. Wo Müller Prometheus über Jahrtausende weiß zukoten lässt, bis er die Adlerscheiße liebt und es den antiken Arbeiterhelden Herakles braucht, ihn zu befreien (es folgt der Suizid der Götter), lässt Rüping Milch regnen. Figuren fallen reihenweise, den Hermes aber ersetzt Rüping durch Zeus, dem Majd Feddah, oft in Arabisch, mittelmeerische Präsenz gibt: vollbärtig, schwitzend, jovial, despotisch, Pistanzien knackend, was später auch seinem Hektor, Aigisth und Thyest frommt. Maja Beckmann tritt als kuhgestaltige Io zunächst in einer Pastorale mit Herdentieren auf, bevor sie sich beim Propheten als Urmutter des Zeus-Beseitigers profiliert.

Troja in Trümmern

In Teil 2, „Troja: der erste Krieg“, flipfloppt Troja als Quadrat-Burg am Kran auf und ab. Stadtplanmäßige Quadrate am Boden werden bald zu Trümmern zerfallen. 3D-Videos und Drums heizen Konzert-Bombast und Schlachtenlärm an. Jochen Noch rezitiert zunächst den Schiffs- und Völker-Katalog, was eine kohärente Folge von Momenten auslöst: Patroklos’ Tod bewirkt Achills Zorn (Wiebke Mollenhauer), der führt zum Schleifen von Hektors Leiche um die Burg, was Achills Tod naherückt.

Auch der Weg von Homers stolzen Troerinnen zu Euripides’ Sklavinnen ist im Stellvertreterkrieg der Götter kurz. Leider bleiben diese „Troerinnen“ schwächer, als drängen der frühe Pazifismus und Internationalismus von Euripides – „Ihr Griechen, Meister aller Barbarei“ – nicht durch.

Statt Aischylos’ „Orestie“ ganz zu spielen, streicht „Orestie: Verfall einer Familie“ das Erinnyen-Finale und greift lieber zu drei Stücken des psychologisch-realistischen Euripides, dem menschenfressenden „Thyestes“ Senecas als Einschub und Sophokles’ „Elektra“. Umgekehrt gibt er die Hochzeit Elektra – Pylades dazu, einen Orestes im Alien-Kostüm, eimerweise Blutbäder auf offener Szene und eine Szenerie (Jonathan Mertz, Kostüme: Lene Schwind), die untragisch-bürgerlich und völlig heutig ist: Küche, Badewanne, Sitzecke, Bar, Ehebett, Topfpflanzen.

Sein Mischmasch rekreiert die blutige „Familiensaga“ als Soap-opera mit Serienjingle und Video-Vorspann. Nicht zuletzt wird Party mit Publikums-Trinkspielen gefeiert, solange Todesurteile, Todesfallen und Traumatisierung es nur zulassen. Umso unglaubhafter wirkt Apolls Deus-ex-machina-Auftritt mit dem Generalpardon. Ein wildes Gebräu, das Zidanes Satyrn umso willkommener macht.

Mousonturm Frankfurt im Sommerbau Kaiserleipromenade (Offenbach): 7., 8. August. www.mousonturm.de

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