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Shakespeare-Zombies im Mousonturm. 

Mousonturm Frankfurt

Dieudonné Niangouna im Mousonturm: Wo der Zombie lauert

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Dieudonné Niangounas Überwältigungstheater „Trust/Shakespeare/Alléluia“ im Mousonturm.

Modern, das wussten schon die Humanisten, heißt oft das Wiedergängertum des Alten. Wenn Dieudonné Niangouna mit Resten seiner kongolesischen Theatertruppe Les Bruits de la Rue und frischen Pariser Schauspielern eine ganze Horde Shakespeare-Figuren auf seine Weltbühne treibt und es „Trust/Shakespeare/Alléluia“ nennt, gleicht das vierstündige Stück im Mousonturm Frankfurt einerseits einem Voodoo-Ritual der Besessenen und Shakespeare-Zombies.

Zeitgenössisches Welttheater im Mousonturm

Daher sein quasi-nekrophiler Hamlet mit dem magischen Kristallschädel Yoricks, der, nach einem Prolog aus Pucks Wald- und Traumes-Zauber, als erster aus dem Grab steigt. Mit sich zieht er die andern aus der Morgue mit 15 Totenbahren hervor, die das erste Bild abgibt: Macbeth mit den Hexen und Othello, der Probleme mit dem Vertrauen hat. Den buckligen Gloucester alias Richard III. und King Lear: ein vertriebener Diktator, der sich durch die Metro oder Tube bettelt, gespielt von Niangouna selber mit gebläutem Gesicht. Nach der Pause den Zauberer Prospero und die Gender-Flipperin Viola aus „Was ihr wollt“, gefolgt von Julia Capulet und Ophelia, denen Niangouna katholische Nachtgedanken zum Selbstmord einbläst. Endlich die widerspenstige Katharina, die quasi-schwarze Gotin Tamora aus „Titus Andronicus“ und zuguterletzt die hippe Ägypterin Kleopatra. Jede hat ihre Tirade, so flink veränderlich wie dies Theater auf Rollen von der Bahre bis zur Wanne und zum Klo, dargeboten in bunten Kostümen mit immenser Lust an Lichterprojektionen. Ein Doktor Serges tritt als Seelendoktor hinzu, damit sich der Abszess dramatischer Leiden zuletzt unter Händels „Hallelujah“ kathartisch aufstechen lässt.

Shakespeare im Mousonturm 

Das allein als „Voodoo“ zu sehen, so sehr hier Zombies umherzucken, ist andererseits zu billig. Mythologisches Theater war immer Totenerwachen. In postmodernen Termini ist dieses Welttheater völlig zeitgenössisch: intertextuell, dezentriert, transsubjektiv – ein Wandertheater ohne ortsfeste Strukturen, das viel Anerkennung erfährt. So gesehen hat „Trust/ Shakespeare...“ etwas von Peter Brook, der in der Zeitenkluft 1989 das Epos „Mahabharata“ vom Ganges an den Main schaffte: eine Kultur als Spiegelscherbe der andern. Unverkennbar auch der postkoloniale Aspekt in „Trust“, denn wie Niangouna sich aus Shakespeare den Zauber kolonial-relevanter Figuren wie Othello, Caliban und Tamora ausleiht, erinnert an aktuelle Welt-Literatur von Derek Walcotts karibischem „Omeros“ bis Carlos Fuentes’ aztekisch-hispanischer „Terra Nostra“.

Nationen und die politische Windrose sind seinem überwältigenden Theater zu eng. Und doch, da lauert wieder der Zombie, gleicht seine Handschrift mit oder ohne Shakespeare zugleich den Spektakelstücken und Melodramen im späteren 19. Jahrhundert, als Diven wie Sarah Bernhardt „große“ Shakespeare-Figuren aus ihrem engen Dramenkorsett erlösten: intertextuell, dezentriert, transsubjektiv. Mehr Zirkus als literarisches Theater eben. Was sich ähnlich über „Trust/Shakespeare...“ sagen lässt.

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