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"Sausen lassen, was saust", schreibt Joyce. Hier folgt ihm und verquirlt sich das Ensemble.

Berlin

Dieses Theater will alles auf einmal

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Eine Übung in Unmöglichkeit: Sebastian Hartmann inszeniert in Berlin "Ulysses" von James Joyce.

Einmal setzt sich Ulrich Matthes auf den nackten Bühnenboden, um einen Auszug aus jenem Kapitel bei Homer vorzutragen, in dem von Odysseus’ Besuch im Reich der Toten erzählt wird und also der Reise in die Vergangenheit samt all den unerledigten Ängsten und Hoffnungen. Matthes spricht diese Verse dankenswerterweise sehr zurückgenommen, völlig auf die Sprache vertrauend, auf die szenische Stille, das Gesamtarrangement. Hinter ihm ist eine Folie hergerichtet, auf der Linda Pöppel mit ihrem nackten Körper zuvor ein Schlammbild erschaffen hatte. Man glaubt ein Kruzifix zu erkennen, vielleicht schlicht ein Menschenbild. In ihrem dunkelschwarzen Schlammgewand hockt sie nun vor ihrem Kunstwerk, hört den Versen zu. Staunt. Schweigt. Und kurz, für Sekunden nur, ist einem, als habe dieser Abend seinen Kunstschleier gelüftet, als blicke man ihm ins Getriebe. Und siehe: Es sind die großen kleinen, alles umstürzenden und alles errichtenden Fragen, die diese vier Stunden bewegen. Der Tod. Die Liebe. Des Lebens Sinn, des Leidens Schrecken. Kein Wunder, dass diese Inszenierung derart aus den Fugen ist, sich um keine Konventionen des Spielens und Erzählens schert, sondern Szenen, Worte, Bilder übereinander schichtet. Dieses Theater will alles, und es will alles auf einmal.

Sebastian Hartmann hat James Joyce’ vor gut hundert Jahren erschienenen Roman „Ulysses“ inszeniert, den Funkelstein unter den als unspielbar gehandelten Büchern. Gerade das mag den Regisseur und sein bestens aufgelegtes Ensemble gereizt haben, sich an eine Fassung zu wagen, die alle Erwartungen an eine nachvollziehbare Handlung und fixierte Figuren konsequent unterwandert.

Wer das tausendseitige Buch nicht studiert hat, wird sich entsprechend vergeblich mühen, Zusammenhänge zu erkennen. Aber auch jene, die es gelesen haben, werden sie nicht erkennen. Was hilft es schon, hier eine der bei Joyce zentralen Figuren wie Leopold Bloom und Stephen Dedalus, dort die berühmten Shakespeare-Anspielungen zu erkennen. Der Bildungsbeflissenheit, der offenkundig tief sitzenden Kulturtechnik, die Kunst durch Verstehen und Theoretisieren bannen zu wollen, zeigen Hartmann und die Seinen die achselzuckende Schulter.

Die Inszenierung setzt Szene neben Szene, lässt Monologe auf Tänze folgen, spielt Orgelklänge ein, macht das Licht rot, die Stimmung düster und lässt aus dem Himmel zwei riesige schwarze Kugeln herabfahren. Meteoriten vielleicht, Endzeitkugeln, hermetische Zeichen der Anschlusslosigkeit. Der mäandernde Bewusstseinsstrom, in den Joyce die Welt stürzt, ist bei Hartmann ein szenisches Gestrüpp, durch das kein Messer der Deutung sinnstiftende Wege zu schlagen vermag. Entweder, man lässt sich von diesem von den Logiken der Intuition gesteuerten Kunstkosmos aufsaugen, oder aber man sitzt ratlos wie vor den Zeichen einer vergessenen Sprache.

Das aber ist das Schöne, schön Unerhörte und schön Vermessene dieser Inszenierung: dieser umstürzlerische, beinahe naive, aber ungemein bildsatte Glaube an die Kräfte der Kunst selbst, die das Unmögliche als Alternative zur Wirklichkeit erklärt.

Mitunter ist es ein einzelner Satz, der einem deshalb ins Bewusstsein schneidet. „Sie hatte ja so schöne Augen“, spricht Benjamin Lillie. Manchmal reicht einer, um alles in eine sonderbar abschüssige Komik kippen zu lassen: „Der springende Punkt ist bloß, man muss wirklich dran glauben“, sagt Judith Hofmann.

Gerade diesen Roman auf die Bühne zu bringen, ist folglich bereits als Versuch ein Statement: Seht her, im Unmöglichen ist die Hoffnung auf ein Anderssein verborgen. Ja, nur ist das in dieser Allgemeinheit ein abstrakter, letztlich formelhafter Glaube. Einerseits. Andererseits: Es gibt diese zähen Monologe, die silbenreichen Szenen ja nur, um jene seltenen, dafür aber umso intensiveren Momente heraufzuführen, in denen sich das Dasein verdichtet. Oder noch anders: Diese stete Abwesenheit jeglichen Sinnzusammenhanges ist auch ein Zeichen seiner Anwesenheit – hinter all den Splittern und Scherben liegt der Wunsch, das Innerste des Inneren zu enthüllen. Die Welt von ihrer Rückseite her begreifen, das Leben vom Unvorstellbaren aus.

In der vierten Stunde, wenn man längst zwischen Dämmern und Fiebrigkeit schwankt wie Odysseus einst auf seinem Schiff durch die Meerenge von Skylla und Charybdis (bei Joyce das neunte und zentrale Kapitel), tritt Bernd Moss an die Rampe und improvisiert einen herrlichen Vortrag über die Quantenphysik, die „spukhafte Verschränkung“ der Elektronen, die einem auch zu erzählen vermag, dass hinter dieser fest geformten Welt eine andere, unentdeckte liegt. Das ist das Land, das sie hier bereisen. Und wie bei Joyce das Erzählen „unter sich immer ändernden Formen“ vonstatten geht, so stürzen sie sich hier quer durch die Spielweisen. Alles ist erlaubt, nur nicht das Realistischtun, der Verrat an die schiere Tagesaktualität.

Der Zuschauer darf sich hierbei an die Anweisung halten, die „Ulysses“ gibt: „Sausen lassen, was saust.“ Das Verstehen kommt später, vielleicht. Und kommt es nicht, bleiben diese Bilder, aufzuheben für die Träume, die Erinnerungen, die unmöglichen Hoffnungen.

Deutsches Theater Berlin: 28. Januar, 18., 25. Februar. www.deutschestheater.de

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