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„Die Zeit, die Stadt und wir“ in der Schauspiel-Box: Einmal ganz abtauchen

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Von: Andrea Pollmeier

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Rosanna Ruo in „Die Zeit, die Stadt und wir“.
Rosanna Ruo in „Die Zeit, die Stadt und wir“. © Jessica Schäfer

„Die Zeit, die Stadt und wir“ am Schauspiel Frankfurt gibt Jugendlichen das Wort, die die Erfahrung machen, ausgegrenzt zu werden.

Wie ein Fremdkörper nähert sich die Taucherin von der Seite. Ihre langen Schwimmflossen platschen umständlich über den Boden. Sie wirkt eingezwängt und eindeutig fehl am Platz. Für das Gefühl, im Hier und Jetzt aus unterschiedlichsten Gründen nicht dazuzugehören, haben Regina Wenig (Regie) und Martina Suchanek (Bühne und Kostüm) in dem am Schauspiel Frankfurt uraufgeführten Stück „Die Zeit, die Stadt und wir“ ein sprechendes Bild gewählt. Der sperrige Gummianzug, der den Körper umhüllt, verhindert erkennbar, sich frei zu fühlen. „Abtauchen“ ist dann ein willkommener Ausweg.

Der Rückzug in die Isolation ist nicht nur in Pandemiezeiten eine Strategie, der Menschen immer wieder folgen, wenn sie sich in ihrer Umgebung nicht akzeptiert oder wahrgenommen fühlen. Beispiele, wann sich Jugendliche ausgegrenzt fühlen, hat das divers zusammengesetzte junge Ensemble des Schauspiels im Kontext der Neueröffnung des Jüdischen Museums recherchiert. Die im Sommer 2021 geführten Interviews bilden die Grundlage des Stücks, das jetzt in der Box für Jugendliche ab 14 Jahren als Klassenzimmerstück gezeigt wird.

„Abtauchen“, das salopp genutzte Wort, ist in diesem „Young & Expert“–Projekt wörtlich genommen worden. Wer sich verstecken möchte, verschwindet hinter einer bühnenbreit ausgespannten Plastikfolie, die – mit blauem Licht angestrahlt – wie eine bewegte Wasserfläche die sichtbare Welt von unsichtbaren Bereichen trennt. Hierhin zieht man sich in Momenten zurück, wenn Gefahr in Verzug ist oder man sich übersehen fühlt.

Das geschieht beispielsweise im Klassenraum. Erzählt wird von einer Lehrerin, die erstaunt feststellt: „In diesem Jahr haben wir gar keine jüdischen Schüler:innen“. Dass diese Glaubenszugehörigkeit nicht zwingend äußerlich erkennbar ist, bedenkt sie nicht. Die freie Schauspielerin Rosanna Ruo und Lenz Moretti, Mitglied des Studiojahres Schauspiel, schlüpfen in die Rollen u.a. von Daniel, Benjamin, Asya, Daria, Thulfiqar und beschreiben in aufeinander folgenden Sequenzen von ihnen erlebte Alltagsszenen. Wann hat man beispielsweise instinktiv die Straßenseite gewechselt oder sich von Lehrenden übersehen gefühlt. Diesen oft rassistisch und antisemitisch geprägten Erfahrungen gibt die Inszenierung nuancenreich Ausdruck.

Schauspiel Frankfurt, Box: 12., 26. März, 9., 23. April. www.schauspielfrankfurt.de

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