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„Die Zauberflöte“ in der Oper Frankfurt: Zum Ziele führt nicht diese Bahn

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Von: Judith von Sternburg

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Pamina und Sarastro, Hyoyoung Kim und Andreas Bauer Kanabas. Foto: Barbara Aumüller
Pamina und Sarastro, Hyoyoung Kim und Andreas Bauer Kanabas. Foto: Barbara Aumüller © Barbara Aumüller

Ted Huffman reduziert in Frankfurt Mozarts „Zauberflöte“ gar zu sehr. Dazu schöne hauseigene Musik.

Weniger ist so lange mehr, bis alles weg ist. Das kann in der Oper schon wegen der Musik im Grunde nicht vorkommen, und Schikaneders und Mozarts „Zauberflöte“ zu entrümpeln und ohne Märchendekor zum Wesen dieser Geschichte vorzudringen, ist ein Akt der Vernunft. Aber plötzlich ist nicht mehr genug da, das Schlanke mager, das Unverzierte spröde. Huch.

Man kann Ted Huffman bei seinen Überlegungen vorerst gut folgen. Im Bockenheimer Depot hat der Amerikaner vor fünf Jahren mit einer durchchoreografierten „Rinaldo“-Inszenierung frappiert. Jetzt war es seine Aufgabe, die märchenhafte Alt-„Zauberflöte“ von Alfred Kirchner im Opernhaus, ein Vierteljahrhundert im Frankfurter Repertoire, plausibel zu ersetzen. Also ließ er alle Verwandlungen, Illusionen, Tiere weg, ließ von der Magie nur das Donnergrollen, mit dem sich die Mächtigen anzukündigen pflegen, und stellte dem Zinnober Menschen im Hotelgang gegenüber. Ja, es könnte ein Hotelgang sein. Nein, es ist eine Wohnung, die dem Bewohner fremd geworden ist. Dazu später mehr.

Andrew Lieberman hat ein Kunstwerk aus weißen Wänden, Türen, schneckenhaushaft gebogenen Gängen, spärlicher Einrichtung geschaffen, es kann sich drehen, es ist wie mondscheinbeleuchtet (aber es war nicht der Mond, sondern Joachim Klein), und bis zum Schluss, das ist gut, findet man sich beim Zuschauen kaum zurecht. Tamino sitzt hier in Socken und mit Schlafanzugshose an der Wand. Er hat schlecht geträumt (von einer Schlange, wie wir alle wissen), und drei aufgebrezelte junge Frauen, angeschickert vom Sekt, tauchen auf und können ihn beruhigen.

Alles nur eine Geburt der Fantasie. Die Singspiel-Dialoge kommen, auf Band gesprochen von der Frankfurter Schauspielerin Heidi Ecks, aus dem Off und wie von fern her. Heidi Ecks macht das gut, in einem sanften, fast etwas altmodischen Mozart-Erzählton. Die Figuren auf der Bühne wirken dadurch noch schemenhafter: strenge Herren in Anzügen, einer, der besonders streng wirkt, und einer, der etwas unsicher wirkt, eine weitere glamourös gekleidete Dame, eine junge traurige Frau, drei Kinder in Schlafanzügen, ein Mann in Kanarienvogelgelb. Denn Sarastro, Monostatos, die Königin der Nacht, Pamina, die Knaben oder Papageno sind auch mit der Hilfe von Raphaela Roses Kostümen kinderleicht zu erkennen. Aber jetzt müsste sich aus dem Schmalen, Konzentrierten heraus natürlich eine Menge ergeben, aber es ergibt sich nur wenig.

Wenn Ecks spricht, erstarrt das Geschehen weitgehend, das ohnehin angesichts der offenkundigen Spielfreude des jungen (komplett hauseigenen) Ensembles verwirrend statisch bleibt. Sobald hingegen Bewegung hineinkommt, ist es so hinreißend, dass man ahnt, was hier los sein könnte und müsste. Wenn zum Beispiel der Chor (des Jahres, einstudiert von Tilman Michael) von Papagenos Glockenspiel – „das klinget so herrlich“ – verzaubert wird und ohnmächtig heiter fortgewirbelt wird (Choreografie, ach, wäre doch mehr davon zu sehen: Pim Veulings). Wenn die makellos singenden Knaben, drei Kinderchormädchen (Luise Rahe, Zoe Nettey-Marbell, Emma Ruhe), über die Bühne toben, wenn Papageno mitmischt, Danylo Matviienko, agil, elastisch, unverschämt in Stimme und Wesen. Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass das den anderen Figuren ebenso möglich wäre. Zu hören ist es immerhin.

Michael Porters wunderbar leichter und lichter Tenor kommt ohne Druck aus und wirkt doch kernig und stabil, dazu ist er ein sympathischer, aber eben sehr verhaltener Tamino. Hyoyoung Kim (aus dem Opernstudio) gibt Pamina einen würdigen Hang ins Elegische. Ihre Opernstudio-Kollegin Karolina Bengtsson präsentiert sich nachher als fitte Papagena. Mit schön individuellen Klangfarben treten die Damen auf, Monika Buczkowska, Kelsey Lauritano und Cláudia Ribas. Erneut überzeugt Theo Lebow mit einer markanten Darbietung, hier als Monostatos, wie schade, dass die Regie nicht mehr aus diesem gewitzten Sängerdarsteller machen mag.

Überhaupt findet die Inszenierung – eine Haupttücke – kein Verhältnis zu den waltenden Mächten und Antagonismen. Was sind das für Leute, worauf sind sie aus? Anna Nekhames hat in der Premiere nicht nur Schwierigkeiten, die Königin-der-Nacht-Bravourarie, die sie gewiss aus dem Effeff beherrscht, optimal zu erwischen. Sie muss auch als Figur verhuscht bleiben. Andreas Bauer Kanabas’ Sarastro tritt dauerhaft mit den Händen in den Hosentaschen auf, hätte aber doch gewiss mehr im Portefeuille, stimmlich ist er profund, wenn auch die letzte Nachtschwärze fehlt.

Hängt die Flüchtigkeit damit zusammen, dass die Regie auf etwas anderes zusteuert? Gegen Ende des übrigens auch zeitlich schlanken Abends (etwa zweieinviertel Stunden Musik, dazu eine Pause) tauchen zwei weitere Menschen in den Gängen auf: ein betagtes Ehepaar (Micha B. Rudolph und Corinna Schnabel), in dem sich durch die Kleidung Tamino und Pamina in der Zukunft ahnen lassen (im Geschehen bleibt das Behauptung). Er ist dement, sie geht ihm so geduldig zur Hand, dass es jeden, der je mit Demenz zu tun hatte, nicht kalt lassen wird. Die Idee, dass es die Musik ist, die seinem Erinnerungsvermögen ein wenig Halt gibt, leuchtet ein, macht „Die Zauberflöte“ freilich zum austauschbaren Beispiel je nach Musikgeschmack.

Wenn es nicht möglich war, Heidi Ecks’ Einsätze szenisch spannender zu flankieren, wäre es besser gewesen, noch Text abzuknapsen. Nun wird sich das Publikum zuweilen die nächste Musiknummer herbeiwünschen. Auf Dauer stellt die zurückhaltende Bebilderung Mozarts Musik nicht aus – dies gewiss die Absicht –, sondern nimmt ihr den Fluss. Dabei sorgen Steven Sloane und das Opern- und Museumsorchester für einen exquisiten, dynamischen, sinnlichen Klang.

Man könnte sagen, dass einer Schikaneder-Mozart-Koproduktion nicht wie einem durchschnittlichen Barockopernlibretto beizukommen ist. Aber der Abend fällt ja in seiner gegenwärtigen Gestalt auch hinter Huffmans „Rinaldo“ zurück. Das Publikum jubelte dem „Opernhaus des Jahres“ nach Möglichkeiten zu, nur gegen das Regieteam erhob sich auch ein Murren und Buhen, das nicht nur der Erinnerung an den Vorgänger geschuldet gewesen sein dürfte.

Oper Frankfurt: 7., 15., 21., 30. Oktober, 5., 10., 13., 19. November. www.oper-frankfurt.de

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