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„Die Walküre“ in Bayreuth: Von Gangstern und Bräuten

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Von: Judith von Sternburg

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Die Walküren in der Schönheitsklinik.
Die Walküren in der Schönheitsklinik. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele/dpa © Enrico Nawrath/dpa

Wie peinlich: „Die Walküre“ mit Schießereien, einem grapschenden Gott und der Frage, von wem Sieglinde schwanger ist.

Pardon, anders als gestern prognostiziert, wird es auch in der „Walküre“ nicht ernst. Stattdessen driftet der Bayreuther „Ring“ weiter ab. Die Geschehnisse in Kürze: Hunding hat nach einem Gewitter Ärger mit der Elektrizität in seiner Bruchbude von Haus. Während er mit dem Handwerkskasten unterwegs ist, taucht Siegmund bei der hochschwangeren (!) Sieglinde auf. Sie finden die Pistole Notung im Sockel einer pyramidenförmigen Leuchtskulptur, die schon im „Rheingold“ irgendeine Bedeutung hatte.

Freia hat sich am Ende des „Rheingolds“ tatsächlich das Leben genommen (war ein Cliffhanger). Ihr Sarg steht in Walhall mit Kränzen und Foto, wird aber vornehmlich von Statisten und lautlos kreischigen Gangsterbräuten betrauert, weil der engere Wotan-Clan erstens eiskalt ist, zweitens ja auch nichts von alledem im Text von Richard Wagner steht. Die Befürchtung, dass es sich bei den Gangsterbräuten um die Walküren handelt, bestätigt sich voll und ganz. Brünnhilde schäkert mit dem Papa und wird sauer, als der von ihr verlangt, Siegmund nicht zu helfen. Wotan zieht der schlafenden Sieglinde die Strumpfhose herunter, grapscht ein wenig und tötet nachher Siegmund im Zuge einer ironisch lahmen Schießerei. Hunding lässt er laufen, einer seiner Leute übernimmt wohl die Drecksarbeit.

Die Gangsterbräute lassen sich zu Wagners berühmtem Walkürenritt in einer Schönheitsklinik aufmöbeln. Ihre Pferde haben sich dafür in Servicekräfte verwandelt. Von Brünnhildes Bitte, ihr und Sieglinde zu helfen, sind die Gangsterbräute nicht begeistert, kaum mögen sie von Handy und Illustrierter aufschauen. Sieglinde hat inzwischen entbunden, Brünnhildes Pferd Grane, ein besonnener junger Mann, bringt das Baby herein und nachher Mutter und Kind in Sicherheit. Da sich ein Zwischenvorhang prosaisch schließt, ist Wotan zum Schlussgesang zunächst allein auf der Bühne. Dann erscheint Fricka mit einem Teewägelchen, zwei Gläsern Rotwein und in versöhnlicher Stimmung, aber Wotan hat die Nase voll und verlässt sie.

Valentin Schwarz setzt in der „Walküre“ also den Versuch fort, Richard Wagners „Ring“ zu überschreiben, aber was für eine Art von Überschreibung ist denn das? Es ist eine Mischung aus überflüssiger Vorwegnahme – dass Wotan in der nächsten Folge nur mehr der „Wanderer“ sein wird, ist klar und muss im Vorgriff nicht einen der größten Opernschlüsse aller Zeiten pulverisieren –, Geheimniskrämerei – Sieglindes Baby kann jedenfalls nicht von Siegmund sein – und läppischen Krassheiten. Die Walküren als aufgetakelte Goldilocks nach der Schönheits-OP: Ist das albern, ist das zivil, ist das nicht vor allen Dingen ein ohne Ende peinliches Frauenbild, viel peinlicher als Wagners, und das will etwas heißen? Ohnehin ruft der Abend ständig: Das ist hier alles so fad, so doof, da muss Pep rein.

Die Ideen aus dem „Rheingold“ finden vorerst wenig Anknüpfungspunkte. Die Bühnenbilder gehen jetzt ins etwas Weiträumigere, als würde man die einzelnen Container aus dem „Rheingold“ heranzoomen. In der Walhall-Architektur spielt eine Pyramide eine Rolle.

Zu hören ist nun eine Traumbesetzung für das Zwillingspaar Siegmund und Sieglinde: Klaus Florian Vogt mit seinem lichten Tenor, dessen Naivität über allen Blödsinn hinwegsingt, Lise Davidsen als Weltklasse-Sieglinde mit einem Sopran, der markerschütterndes Volumen und jugendliche Leichtigkeit zusammenbringt. Zusammen mit Georg Zeppenfeld als Hunding ergibt sich ein ideales Trio, auch in der Klarheit der Diktion. Iréne Theorins Brünnhilde kommt gut zurande, klingt auch gut, wenngleich etwas unkonturiert.

Dramatischerweise hat Tomasz Konieczny als Wotan nach verheißungsvollem Beginn einen Bühnenunfall, als sein Sessel auseinanderfällt und er unglücklich stürzt. Konieczny meistert das eisern. Zeppenfeld als Hunding, in der Wotan-Fricka-Szene antichambrierend mit auf der Bühne (reizvolle Idee), hat die Geistesgegenwart, das abgefallene Teil szenisch plausibel beiseitezuschaffen. Nach der Pause kann Konieczny jedoch nicht weitermachen, Michael Kupfer-Radecky (in der „Götterdämmerung“ als Gunter besetzt) ist zur Hand, kann auch szenisch präpariert einspringen und rettet den Abend.

Sofern es etwas zu retten gibt. Selten eine Regie erlebt, die die Musik so verderblich kapert. Wie geschmackvoll – manchmal sehr vorsichtig und etwas matt – Cornelius Meister mit dem disziplinierten Festspielorchester den Walkürenritt regelt, den großen Schluss flankiert, den Kupfer-Radecky ordentlich absolviert, und schließlich auch ohne Feuer und Zauber einen Feuerzauber versucht, geht zum Teil regelrecht unter. Dazu noch mehr lose Enden als nach dem „Rheingold“.

Einige im Publikum nehmen die allgemeine Action gutmütig als Spannung und Ratespiel. Andere lassen fürs Ende doch ein ziemliches Buhkonzert für das noch nicht vor den Vorhang getretene Regieteam erwarten. Der Jubel für Ensemble und Dirigat wieder einhellig.

Bayreuther Festspiele: Folge 3, „Siegfried“, am 3. August. bayreuther-festspiele.de

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