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„Die Wahlverwandtschaften“: Und dann ist sie schon gestorben

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Von: Sylvia Staude

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Sie könnten eigentlich auch Schachfiguren sein: Ottilie (v. l.), Otto, Eduard und Charlotte. Foto: Thomas Aurin
Sie könnten eigentlich auch Schachfiguren sein: Ottilie (v. l.), Otto, Eduard und Charlotte. Foto: Thomas Aurin © Thomas Aurin

Lisa Nielebock braucht im Frankfurter Schauspiel kaum 70 Minuten für Goethes „Wahlverwandtschaften“.

Die große Bühne des Frankfurter Schauspielhauses bleibt an diesem Abend leer und dunkel. Doch, die meistverschobene Premiere dieser immer noch von der Corona-Pandemie bestimmten Saison, die Premiere der „Wahlverwandtschaften“ nach Goethe findet an diesem Abend tatsächlich statt. Aber Regisseurin Lisa Nielebock hat ein Kammerspiel inszeniert, ein Quartett, mit dem sie dem Publikum nicht nur im übertragenen Sinn nahezukommen versucht.

Die große Bühne bleibt also leer. Dafür ragt ein Steg schräg und etwas ansteigend über die ersten acht, zehn Zuschauerreihen. Die nicht besetzt sind, denn von diesen Plätzen aus müsste man sich den Hals verrenken. Es ist ein schlichter, hellgrauer Steg (Bühne: Oliver Helf), aber Charlotte – es muss, kennt man seinen Goethe einigermaßen, Charlotte sein, die ihre Anlage plant – zeichnet mit schwarzer Kreide Bögen, Linien, Kreise auf den Boden. Schaut, überlegt einen Augenblick, setzt dann noch eine Linie und noch einen Bogen. Am oberen Rand der Spielfläche sitzt Ottilie, still, aber manchmal schaut sie über ihre Schulter nach hinten. Am unteren steht Otto. In der Mitte nähert sich nun als erstes Eduard Charlotte, findet ihre Planung zu „eng“, weil er bereits die Absicht hat, seinen Freund Otto einzuladen, bei ihnen zu wohnen.

Sehr ausführlich sprechen, argumentieren nicht nur Eduard und Charlotte im Roman von Johann Wolfgang von Goethe. Aber Regisseurin Nielebock kommt mit kaum 70 Minuten aus, hat sämtliche Nebenfiguren weggelassen, reduziert die Dialoge auf das Minimum, mit dem sich noch verstehen lässt, was zwischen diesen vier Personen passiert – sicher auch verstehen lässt, wenn man den Roman nicht kennt.

Denn es ist eine allzu bekannte Geschichte: deutlich älterer Mann verliebt sich in blutjunge Frau – Ottilie ist noch in der Ausbildung, Charlotte holt sie aus dem Pensionat, in dem sie unglücklich ist -, will sie um jeden Preis haben. Er nennt es sich ihrer „bemächtigen“. Der Preis ist hoch am Ende der „Wahlverwandtschaften“, doch lange Zeit scheint eine Lösung nahezuliegen: Denn hat Charlotte nicht Gefallen gefunden an Otto, und umgekehrt? Können sich also die in der Ehe Verbundenen nicht einfach trennen und den beiden anderen zuwenden?

Goethe hat einen Begriff und ein Experiment aus der Chemie auf seine Charaktere angewendet: In dieser Inszenierung ist es Otto, der auf einer Gitarre zupft und Charlotte erklärt, wie ein A und B sich aufgrund größerer Anziehung durch ein C und D scheiden und dem jeweils anderen zuwenden, gemeinsam mit dem nun neuen Partner erklingen können. Es braucht also nur für ein D für Charlotte gesorgt werden. Eduard ist stolz und glücklich, auf diese Idee gekommen zu sein.

Heiko Raulin ist in den Frankfurter „Wahlverwandtschaften“ ein attraktiv, leicht ergrauter Eduard, Typ Charmeur und Sonnyboy. Manja Kuhl eine ernsthafte, ihren Mann schnell durchschauende Charlotte. Eine kleine Bewegung genügt ihr, um zu zeigen, wie sie innerlich gleichsam stöhnt. Marta Kizyma ist der Typ blonder Schmollmund, aber dies ganz unkokett. Alles würde sie für Eduard tun. Sie weiß, wie viel Zucker er in den Tee nimmt, sie wehrt sorgfältig alle Zugluft ab, denn er ist doch so empfindlich. Und wenn er eine Schrift kopiert haben möchte, schreibt sie die ganze Nacht wie eine Wilde. „Das ist meine Handschrift!“, kann er am Ende nur erstaunt und beglückt rufen. Schließlich Otto, Torsten Flassig: In seiner Ernsthaftig- und Geradlinigkeit passt er in der Tat zu Charlotte.

Bis auf Otto, in Jägergrün, tragen die Figuren jeweils ein weißes Kleidungsstück (Kostüme: Ute Lindenberg): Eduard eine weiße Hose zu dunkelblauem Pulli, Ottilie eine weiße Bluse zu schwarzer Hose, Charlotte einen weißen Flauschpulli zu eierschalenfarbener Hose. Das ist darum relevant, weil diese hellen Kleidungsstücke bald erste leichte, dann erhebliche Spuren der schwarzen Kreide tragen. Dann mehr und mehr auch die Gesichter der Vier. Otto zerreibt einen Stift unter der Sohle, schmiert es Charlotte auf die Handflächen. Ottilie schreibt, siehe oben, wie in einem fiebrigen Anfall (und Eduard gesellt sich dazu). Alle sind sie am Ende gezeichnet von dem schwarzen Pulver, vom gleichen Element.

Sind sie sich ähnlicher, als sie denken? Oder sind es die sichtbaren Spuren ihrer Verletzungen – und Fehlentscheidungen?

Durch die extreme Verschlankung des Textes zu manchmal kaum mehr als einer Inhaltsangabe stechen einerseits Sätze heraus – vor allem Eduards -, die man nicht anders als krass bezeichnen kann. So bezeichnet er sein Leben mit Charlotte, sein Leben bis zum Kennenlernen von Ottilie wegwerfend als „nur Zeitvertreib“. So bezeichnet er das Kind, seinen Sohn, als „eine Torheit“. Als es ertrinkt, bewegt ihn das keinen Augenblick. Und versteht er nicht, warum es die beiden Frauen so bewegt – mehr: in die Verzweiflung stürzt.

Weniger als 70 Minuten für „Die Wahlverwandtschaften“? Regisseurin Nielebock nimmt den Roman tatsächlich nur als Versuchsanordnung, stellt sein Skelett hin, zeigt die wichtigen Entscheidungen (die das Herz jeweils fatal mitentscheidet, wenn es sie nicht überhaupt alleine trifft). Von den ersten Minuten an ist dieser Abend die Ankündigung einer Katastrophe, vom ersten Drängen Eduards an, seinen Freund Otto zu ihnen zu holen in die Zweisamkeit. Sehr drängen, gar mühevoll argumentieren und überreden wie bei Goethe muss er nicht, keine Zeit.

Das Skelett dieses Abends steht stabil, die Schauspielerinnen und Schauspieler sind stark – aber es bleibt, besonders am Ende, der Eindruck einer unnötig erscheinenden Hast, die automatisch Lakonie mit sich bringt. Das Kleinkind ertrinkt, Ottilie ist verzweifelt – laut wird der Abend übrigens keineswegs im Übermaß –, dann liegt sie schon, still, Charlotte fragt, ob sie was gegessen hat und erkennt, dass „sie stirbt, sie stirbt, sie stirbt“.

Schauspiel Frankfurt: 26. Juni, 8., 9. Juli. www.schauspielfrankfurt.de

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