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„Die Wahlverwandtschaften“: Goethe im Takt des Techno

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Von: Marcus Hladek

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Amouröses Kreuz-und-quer-Funken, hier mit Marie Bonnet und Mathias Znidarec. Foto: Benjamin Weber
Amouröses Kreuz-und-quer-Funken, hier mit Marie Bonnet und Mathias Znidarec. Foto: Benjamin Weber © Benjamin Weber

Eine etwas beliebige Version der „Wahlverwandtschaften“ in Darmstadt.

Zwei, nein: drei Vorzüge hat diese von Heike M. Goetze inszenierte und ausgestattete Bearbeitung eines langen (todlangweiligen?) Goethe-Romans, dessen Text die Regisseurin selbst bearbeitet hat. Erstens liefert sie mit Daniel Scholz, Marie Bonnet, Edda Wiersch und Mathias Znidarec als Eduard, Charlotte, Ottilie und Hauptmann Otto eine in ihrer Art kraftvolle Interpretation, die sich im Kammerspiel des Darmstädter Staatstheaters den Teufel um Pennäler-Ideen von Werktreue schert. Zweitens erinnert diese Umsetzung in aller Bild-, Farb- und Künstlichkeit äußerlich an Peter Steins 1969er Regieklassiker „Torquato Tasso“. Drittens lässt sich antiquarisch bis lästernd gut darüber schreiben. Womit die Satteltaschen fürs erste gefüllt wären. Hoch zu Ross und losgeprescht!

War da noch was? Ach ja, der Roman von 1809. Seine Handlung wird hier aufs Liebesquartett plus Babypuppe und Badewannen-Gewässer nebst leerer Landschaft am Panoramafenster reduziert. Ein adliges Paar mittleren Alters gibt sich auf dem Landschlösschen noblen Hobbies hin: er im Prince-Charles-Stil per Gartenbau und Baukunst, sie per endloser Teezeremonie im Quasi-Kimono. Aus edler Langeweile holen sich Edi und Lotte noch einen Freund in Not und die junge, in Darmstadt sehr Lolita-hafte Nichte Ottilie ins Boot.

Bald funkt es amourös kreuz und quer, wie vom Titel angedeutet. Wahlverwandtschaft war 1809 ein chemischer Begriff: eine Bindung raubt der andern Bestandteile. Bei Goethe verheißt das ein Bäumchen-wechsel-dich von Liebes-Natur und Ehe-Ordnung oder „geistigen Ehebruch“ mit Rhetoriken der Erfüllung und Entsagung, Kindstod und Sich-zu-Tode-Hungern. Goethe dachte auch an die alte Ordnung und die neue „dämonische“ Revolution. Interessanterweise lieferten sich Byron, Shelley, Mary Godwin und Doktor Polidori 1816 am Genfer See ein Stelldichein, das wie ein Gothic-Echo auf Goethes Konjunktiv-starrende Swinger-Vision wirkt.

Alle Romanfiguren, außer dem meist nackten Znidarec als Otto, tragen Blumenmuster. Leben im Ornament? Auffällig sind Eduards und Charlottes Gesichtsmasken, die starr-lebendig den Abstieg ins natürliche Leben andeuten. Goethe macht Eduard zum „reichen Baron im besten Mannesalter“ oder alten Sack von Adel. Viel spricht dafür, dass Goetze uns in ihm den „Olympier“ Goethe zeigt und das Goethehaus am Frauenplan kennt. Goethe baute sich dort ein römisches Treppenhaus, stellte Abgüsse etwa der monumentalen Juno Ludovisi auf und mythologisierte im Bildprogramm seinen Herzog als Jupiter und sich als Apoll. Bei Goetze thront Eduard im Stil der Zeit und verkörpert dasselbe Prinzip; die Pyjamahose mit Zebrastreifen steht für den Wohnbereich (Goethes bürgerliche Hälfte), das Silbrige und die Octavian-artige Kurzfrisur deuten den „Olympier“ an. Charlotte steht immer dabei und ergänzt das Ehejoch um ihre Livia/Juno-Figur.

Lüster und ruinöse Ecke

Dass der Vergleich nur so und so weit trägt, ist klar. Immerhin erstrahlt die Bühne, breit und zweigeteilt ähnlich der Frauenplan-Fassade, zwischen klassischem Stilwillen und Billigmaterial. Wirkt der Rahmen des Panoramafensters erst wie der Teil einer modernistischen Villa, so erkennt man bald die Holzmaserung und fühlt sich ans Goethehaus erinnert (Reliefs aus Gips, Gewölbe aus verputzten Latten, Wandbilder auf Papier). Sofa und Wanne stehen an den Garagensäulen, links geht alles in eine ruinöse Ecke mit Graffitimalereien, Betondecke und Laubhaufen über. Über allem: ein Kristalllüster. Ein Apfel erinnert an den Sündenfall, Ottilies Kindkleidchen deutet das unschuldig „himmlische Kind“ zur dem Sex-Talk hingegebenen Gestalt um. Den Modernismus der Aufführung betonen die Kopfhörer fürs Publikum, die das Geschehen in eine visuelle Hörspiel-Partitur mit Klingel- und Glockenlauten, Techno und Naturgeräuschen (Fabian Kalker) verwandeln.

All dem konnte der Kritiker wenig abgewinnen. Spätestens unter Ottilies dreckiger Lache wurde das Künstliche penetrant und setzte sich die Einschätzung durch, dass eine Vorlage wie die „Wahlverwandtschaften“ im Takt des Techno überstarken Drall ins Beliebige zeigt.

Staatstheater Darmstadt, Kammerspiele: 27. Mai, 3., 19., 30. Juni. www.staatstheater-darmstadt.de

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