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„Die Vielhundertjährigen“ im Mousonturm: Wer braucht da noch ein echtes Hirn?

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Von: Marcus Hladek

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Fünf, durchs Wurmloch geschlüpft. Foto: Silke Briel
Fünf, durchs Wurmloch geschlüpft. Foto: Silke Briel © Silke Briel

„Die Vielhundertjährigen“ von Caroline Creutzburg und Rene Alejandro Huari Mateus im Frankfurter Mousonturm.

Was ist es, das vier Frauen und einen Mann zwischen 65 und 87 auf die große Bühne im Mousonturm spült? Die Besetzung lässt vermuten, dass es in Caroline Creutzburgs Stück „Die Vielhundertjährigen“ (Koproduktion mit Sophiensäle Berlin) um das Altern geht, verknüpft mit einer Geschichte, die es als Thema universalisiert und interessant für alle macht. Und genau so ist es.

Schon mal dran gedacht, dass sich seit der Zeitenwende zwanzig Hundertjährige je am Ende und Anfang des Lebens gekannt und berührt haben könnten, was uns per Handschlag-Staffette zu Augustus oder Christus zurückbrächte? Die Fiktion hinter „Die Vielhundertjährigen“ liegt leicht anders. Das Senioren-Quintett im Stück, kostümiert (von Artemiy Shokin) in bequemen Latschen, Sneakers und bunt-diversen Stilen (grauer Anzug, lila Trainingszeug, zerrupfte Hippietextilien, blaubeige Steppweste, orange Hosenträger), überspringt die Äonen zwischen uns und ihnen als Besuch aus ferner Zukunft.

Fiktional schlüpfen sie durch ein Wurmloch auf unsere Bühne, eins jener spekulativ-physikalischen Versatzstücke der Science Fiction, und erzählen uns dann in knappen Dialogen von sich. Physische Hirne sind künftig out oder werden umhergetragen. Das Altern scheint überwunden, biblisches Alter wieder die Regel. Und der Mensch der Zukunft nutzt die DNS seiner Zellkerne als Computer und Wissensspeicher. Letzteres basiert sogar auf heutiger Wissenschaft: unsere spiegelsträngige Erb-Helix, die Desoxyribonukleinsäure (DNS), wurde schon für Rechenvorgänge genutzt.

Eine Allegorie vom Alter

Nun spielen die Darsteller keine gewöhnliche Genre-SciFi der Zeit seit 1940 durch. Ihr Plot gleicht älterer literarischer Fantastik, sei es im Stil eines Paul Scheerbart oder von Mary Shelley. Alte Menschen im SciFi-Plot erzählen im Zweifel halt doch eine Allegorie vom Alter und Altern, besonders in der Reibung mit der beschleunigten technischen Entwicklung.

Mögen die Gänge der Fünf auf der Spielfläche mit ihren pastellgrünen Plastikstühlen und drei unbegreiflichen, konisch spitzen Kieshaufen vor einem Makulaturpapier-Streifen zum Draufschreiben („Ausgrabungsstätte Silicon Valley“, „Festival-Nackt-Bade-See“ – Bühne: David Reiber Otálora) wenig akrobatisch anmuten. Mag der Sprechtext memorierbar kurz sein, und mögen die von René Alejandro Huari Mateus choreografierten Bewegungen auffällig langsame Spiralfiguren in den Raum malen. Eines wird gleichwohl deutlich.

Diese Alten erschaffen sich vor unseren Augen Wunsch-Zukünfte. Da passieren wundersame Druckvorgänge auf Fingerdruck im Nichts, und das Digitale ist ein großes Thema. Nicht umsonst kommt „digital“ vom lateinischen „digitus“, Finger, und ist der Finger-Zähllaut „tik“ einer der frühesten des Menschen (sagt der Populationsgenetiker und Linguist Cavalli-Sforza). Auch der schwere Körper wird für diese Fünf, die sich beim realen Vornamen nennen, in die Schwebe gebracht. Das Altern erlangt Selbstbestimmtheit und Wandlungsfähigkeit.

Kurz, das Altern „hackt“ hinkünftig Zeit und Identität. Wer’s nicht glauben mag, überzeuge sich im Mousonturm davon.

Mousonturm , Frankfurt: 10. Dezember. www.mousonturm.de

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