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Nadja Stefanoff als Agathe, gefangen in ihrem eigenen Unglück.
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Nadja Stefanoff als Agathe, gefangen in ihrem eigenen Unglück.

Mainz

„Der Freischütz“ am Staatstheater Mainz: Die Verstörten

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Das Staatstheater Mainz mit einer so zarten wie klugen, einer Maßstäbe setzenden Lesart des „Freischütz“.

Wer sich noch an Peer Boysens ungemein originellen Gespenster-„Freischütz“ von 2003 erinnert – eine Pointierung damals: der Eremit als Fadenzieher des Ganzen, das ihm nämlich dazu diente, Agathe in seine Arme zu treiben, irre, gute Idee –, der muss das Staatstheater Mainz für einen Ort halten, an dem Carl Maria von Webers Oper besondere Liebe und Sorgfalt zuteil wird.

Denn nun kommen auch Regisseur Alexander Nerlich und Dirigent Hermann Bäumer mit einer Lesart, die weit herausragt aus dem insgesamt ja ambitionierten Feld der „Freischütz“-Interpretationen. Sie ragt weit heraus durch eine Bedachtheit, die nicht im Kopf stecken bleibt, sondern sich auf der Bühne sehen und hören lässt. Durch das geglückte Zusammenspiel der Kräfte der reizvollen Oberfläche, des finsteren Abgrunds sowie der sehr menschlichen Sicht auf die Dinge. Der Mensch will auch einmal tanzen, er will auch einmal froh sein, er ist weiß Gott nicht gut, aber kein gebürtiger Bösewicht.

Es handelt sich, nebenbei gesagt, um jene „Freischütz“-Produktion, die das Leben von Schülerinnen oder Schülern verändern könnte. „Freischütz“-Freundinnen und -Freunde bleibt ohnehin nichts anderes übrig, als sich um Karten zu bemühen, denn hieran müsste sich in einer gerechten Opernwelt mancher künftige „Freischütz“ messen lassen.

Im Zentrum von Nerlichs Inszenierung steht ein naheliegender, aber selten beachteter und schon gar nicht spannend ins Bild gesetzter Gedanke. Unaufdringlich, aber tiefgreifend ernstgenommen wird nämlich die Zeitangabe für die Handlung, „kurz nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges“. Zu sehen darum keine bräsige, saturierte Jägerchor-Gesellschaft, sondern eine lebhafte, aber in ihrem Inneren erschütterte, in ihrem Äußeren robuste Schar Überlebender.

Es zeigt sich ein Nachkriegsfrauenüberschuss, blasse, früh gealterte Frauen, die für das festliche Ereignis die Reste ihrer opulenten böhmischen Kopfputze angelegt haben. Nicht nur Kaspar, auch Max ist Veteran. Die Eingangsszene, in der der Bauer und Schützenkönig Kilian, Dennis Sörös, den unterlegenen Jäger Max, Alexander Spemann, foppt, ist so fein ausgesponnen, wie man sie vermutlich noch nie gesehen hat: Kilians Gutmütigkeit, Max’ Arroganz und Verstörtheit, die sich eben nicht nur auf den glücklosen Tag bezieht; dann das Reingrätschen des herrlich wurschtigen Fürsten Ottokar, Brett Carter, der dem Bauern kurzerhand den Preis wegnimmt und ihn dem Jägerburschen anheftet; Max, der Kilian die Auszeichnung zurückgibt, und die rasche Versöhnung zwischen den Männern, beide Spielbälle der Umstände – Kilian der Hierarchie, gegen die er nicht mal mucken darf, Max der ihm nachhängenden Gewalt im Krieg. Seine Traumatisierung wird durch kurze Lichtwechsel stark herausgestellt. Die gesprochenen Dialoge sind auffällig gut durchgeführt, opernhaft gewichtig und doch natürlich.

Die historisierenden Kostüme sehen aus, als sei entweder von oben schwarze Farbe über sie gegossen worden oder als seien sie von unten in bunte Farben getaucht worden, eine geniale Lösung von Zana Bosnjak, um das Zerrüttete, Zerstörte trotzdem ansprechend theatralisch zu vermitteln. Entsprechend die Bühne von Wolfgang Menardi, altes Herbstlaub am Boden, auf der Drehbühne eine bei näherer Hinsicht improvisierte Treppe, die Girlanden schwarz (ein paar schüchterne schwarzrotgoldene Banner nehmen Künftiges vorweg).

Sämtliche Bilder entstehen auf dem und rund um das Treppengerüst – die schreckliche Wolfsschlucht befindet sich sozusagen mitten im Heim des unbescholtenen Försters Kuno, Stefan Stoll – und in der Allgegenwart eines androgynen Samiel. Für die Tänzerin Alessia Ruffolo hat Jasmin Hauck eine fantastische, akrobatische, Spiderman-hafte Bewegungssprache entwickelt. Samiel ist mehr Ariel als Mephistopheles, ein luftgeistiger Dämon, der einen von hinten anspringt, mit dem man in ein kurzes, stummes Ringen geraten kann. Logisch trotzdem, dass Kaspar, Derrick Ballard, in der Wolfsschlucht selbst dem Teufel seine Stimme gibt. Denn ob dieser Samiel einen Plan hat, steht dahin. Nein, es steht nicht dahin, er hat keinen. Er ist einfach da, wie das Schlimme da ist, und wartet nicht ohne Neugier und Aufmerksamkeit, was die Menschen daraus macht.

Auch Agathe und Ännchen lässt er nicht in Ruhe, deren Depression beziehungsweise Hyperaktivität auf eine subtile Weise dunkler grundiert ist, als es in einer Situation aus heiterem Himmel angemessen wäre (auch sie, vermutet Nerlich im höchst konstruktiven Programmheft, sind Opfer des Krieges). Ein ungleiches Paar in einer in Stücke gegangenen Welt: Nadja Stefanoff als fast statuarische Germania und Gespensterbraut, Julietta Aleksanyan als goldiges, verzweifeltes Mädchen aus einem Tim-Burton-Film. Aber auch hier wächst das Konzept der zwischenmenschlichen Situation nie über den Kopf. Vor allem wird erzählt, mit großer Zartheit erzählt.

Die vorzügliche Textverständlichkeit im Gesang passt dazu, überhaupt die von Bäumer sorgsamst austarierte Musik (im Programmheft schildert er seine Recherchen zu Webers Orchesterordnung und Lautstärkereglung). Spemann muss etwas drücken, aber sein gleißender Tenor überzeugt ebenso wie Stefanoffs großformatiger Sopran, Aleksanyans innigliches Zwitscher-Pendant und Ballards angenehmer, die Figur Kaspar keinesfalls vergröbernder Bassbariton. Auch in den kleineren Rollen wird trefflich gesungen. Der Chor (geleitet von Sebastian Hernandez-Laverny) glänzt in großer Besetzung und visueller wie stimmlicher Bewegtheit.

Denn der „Freischütz“, wie Intendant Markus Müller eingangs erklärte, ist die erste große, vollbesetzte neue Opernproduktion, die seit 20 Monaten auf der Bühne des Hauses realisiert werden konnte. Dass das genau in einem hochdramatischen Moment geschieht, in dem womöglich alles wieder auf der Kippe steht, machte es umso ergreifender, was Müller über die Hygiene-, Test- und Impfaktivitäten am Haus berichtete. Und den Abend machte es umso kostbarer.

Staatstheater Mainz: 28. November, 21., 8., 21. Dezember. www.staatstheater-mainz.com

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