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„Die tote Stadt“ aus Köln: Ausrine Stundyte als Marietta, hinten Burkhard Fritz als Paul.
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„Die tote Stadt“ aus Köln: Ausrine Stundyte als Marietta, hinten Burkhard Fritz als Paul.

Oper via Stream

Der Mann war’s

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Tatjana Gürbaca inszeniert in Köln „Die tote Stadt“: Musikalisch großes, szenisch kleines Kino.

Da an den Theatern, anders als beim ersten Lockdown im Frühjahr, geprobt wird und das nach allen Abstandsregeln, erhöht sich das Aufkommen an Premieren-Liveübertragungen und konnte zum Beispiel die Oper Köln einen besonderen Termin einhalten: Auf den Tag hundert Jahre nach der Uraufführung von Erich Wolfgang Korngolds „Toter Stadt“ (gleichzeitig in Köln und Hamburg) hatte Tatjana Gürbacas Inszenierung Premiere – im gut etablierten Ausweichquartier Staatenhaus, denn die Kölner Oper kämpft nicht nur mit der Coronaproblematik, sondern auch mit einer langanhaltenden Gebäudesanierung. Seit neuestem will die Oberbürgermeisterin zur übernächsten Spielzeit außerdem die Intendantin auswechseln – 2022 klingt, als wäre es weit weg, ist es für eine Opernplanung aber nicht.

Viele Schwierigkeiten und Hürden also, dazu noch nervtötend zusammenbrechende Technik bei der Übertragung am Freitagabend. Andererseits: eine echte, große Premiere.

Das grabenlose Orchester im Staatenhaus diesmal (hygienisch abgetrennt) rechts von Stefan Heynes Bühne, die eine große, kreisrunde Bartheke vorstellt. Hier saßen gelegentlich Leute und ließen sich nicht anmerken, was sie über das dachten, was sich in der Mitte vor ihnen abspielte.

Projektionen und Fantasien

Die Figuren der Geschichte bewegten sich also wie auf einem Präsentierteller oder auf einer Bühne, zweiteres etwas passenderweise. Die Vorhänge dazu wie glattes hellblondes Haar, das auch einige Statistinnen zu Beginn trugen, lebende Bilder, eine Madonna, ein Kind darunter. Die Tote, deren Haar der Witwer als Reliquie verehrt, war dann allerdings wie im Text brünett. So zog Gürbaca uns von vornherein in ein Geflecht aus Projektionen und Fantasien, das merkwürdig unverbindlich bleibt. Darunter Männerfantasien, die dem trauernden Paul selbst unzulänglich vorzukommen schienen. Rasch verscheuchte er sie, als die Tänzerin Marietta wie ein Ebenbild seiner toten Frau Marie eintraf.

Zur Ruhe konnte er auch mit ihr nicht kommen, zur Ruhe konnte ebenso wenig die Inszenierung kommen, und das galt nicht nur für die aufgepeitschten Theater-im-Theater-Szenen, für die Korngold seine Musik ekstatisch aufdreht. Es galt auch für die Traurigkeit Pauls, für eine Traurigkeit, die alles schwarz malen will, aber Gürbaca machte lieber noch ein paar weitere Deutungsangebote. Will Paul selbst Marie sein? Vielleicht. Hat er sie ermordet? O ja, dazu gibt es diverse Videobeweise.

Auch Robert Carsen interessierte sich vor zwei Jahren an der Komischen Oper in Berlin für die pathologische Seite von Pauls Verhalten, und auch er ging davon aus, dass Paul seine Frau getötet hat. Es war schon damals nicht einleuchtend, vor allem musikalisch nicht. Die Gesprächsfilme in der Pause deuteten übrigens an, dass sich die Sängerin der Mariette/Marie und der Sänger des Paul offenbar selbst von ganz unterschiedlichen Fantasien tragen ließen (sie denkt, sie sei die Schwester von Marie, die deren „Verschwinden“ recherchieren will, er denkt, das sei überhaupt alles eine Fantasie).

Burkhard Fritz und Ausrine Stundyte (die fantastische Salzburger Elektra 2020) hinderte das nicht an einem hochintensiven Spiel, wenn auch in die Beliebigkeit verschiedenartiger Deutungsangebote hinein. Stimmlich beide großdimensioniert, dabei originell und eine überzeugende Option für zwei brutal schwierige Partien: Fritz wirkte zunächst viel zu heldentenorhaft, die lyrischen Höhen schien er mit Gewalt zu erreichen. Auf Dauer waren seine Reserven unerschöpflich, eine imposante Vorstellung. Auch Stundytes Sopran war weit entfernt von der fast soubrettenartigen Leichtigkeit, mit der die Marietta oft angegangen wird. Tatsächlich war die hochdramatische Durchschlagskraft eine echte Setzung.

Auch wenn sich ein technisch übertragener Abend musikalisch kaum beurteilen lässt (die Bilder ebenfalls natürlich ausschnittshaft, der Blick ständig gelenkt): Dass das Gürzenich-Orchester unter Gabriel Feltz bezaubernd aufblühte, war gut zu erahnen.

Wer ein Ticket für die Premiere hatte, bekam nach den Übertragungsmakeln ein Video-on-Demand zur Verfügung gestellt. Eine gute Idee, wie es auch eine gute Idee ist (wiewohl schade), das Video nicht kurzerhand online zu stellen. Dem Inflationären des Streamens und der Erschlaffung durch unentwegte Verfügbarkeit lässt sich damit stilvoll begegnen. Es ist wichtig, einmal wieder pünktlich sein zu müssen.

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