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„Die Tanzstunde“ im Rémond: Lieber komfortabel unglücklich?

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Von: Katja Sturm

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Madeleine Niesche und Ralf Stech, hier noch hadernd. Foto: Helmut Seuffert
Madeleine Niesche und Ralf Stech, hier noch hadernd. Foto: Helmut Seuffert © Helmut Seuffert

Lebensberatung mit Mark St. Germains „Die Tanzstunde“ im Rémond-Theater im Zoo

Alles ist grau: Der Boden, das Schlafsofa, die an eine Ziehharmonika erinnernden Wände, und auch das Leben von Senga Quinn (Madeleine Niesche) fühlt sich gerade so an. Die Tänzerin hat sich bei einem Unfall am linken Knie verletzt. Kreuz- und Innenband sind gerissen, was erst mal eine einschränkende Orthese erfordert, aber nicht zwingend das Karriereende der begeisterten Musicaldarstellerin bedeuten muss. Doch die für die bestmögliche Regeneration notwendige Operation will die Geschädigte nicht riskieren: Eine Allergie gegen Narkosemittel könnte sie das Leben kosten. Was ist das allerdings noch wert, wenn der wichtigste Inhalt fehlt?

Wenn Männer tanzen sollen

Mitten in die Misere platzt ein ungebetener Gast. Ever Montgomery (Ralf Stech) will bei einer Ehrung, die ihm zuteil werden soll, zumindest kurz mal pflichtgemäß aufs Parkett und dort nicht als kompletter Versager wirken. Also hofft er, dass ihm die unbekannte Nachbarin eine schnelle Lektion erteilt. Die fällt, das darf man sagen, anders aus, als von ihm erwartet.

„Die Tanzstunde“ heißt das Zwei-Personen-Stück des Amerikaners Mark St. Germain, das jetzt im Frankfurter Fritz Rémond Theater Premiere hatte. Wirklich viel bewegt sich das Pärchen unter der Regie von Heinz Kreidl nicht. Zumindest nicht im sichtbaren Sinne. Es geht zwei Stunden lang vielmehr darum, ob man bereit ist, sich zu ändern, aus seiner Komfortzone herauszukommen und Neues zu wagen.

Der Lebensratgeber beginnt mit heftigen Wortgefechten, die sich daran entzünden, dass Ever Autist und kein bisschen empathisch ist. Gefühle seiner Gegenüber kann der äußerst steif und distanziert daherkommende Wissenschaftler weder erkennen noch erwidern, und so sagt er frei heraus, was er denkt. Die Treffer schmerzen, und Senga pariert entsprechend hart und trocken. Niesche und Stech geben ihr Bestes, die Pointen wirken zu lassen.

Weder Senga noch Ever will zurückweichen, doch bei dauerhaften Belastungen bekommen Schalen Sprünge. Familiengeheimnisse werden ausgepackt, Sehnsüchte und Schwächen preisgegeben. Das erweckt auch beim Publikum Sympathien. Nicht nur der Alkohol sorgt für zunehmende Lockerheit. Wer hätt’s gedacht, man kommt sich näher. Obwohl: Da ist schon wieder ein Problem. Körperkontakt kann der Professor für Geowissenschaften überhaupt nicht haben.

Wenn’s moralisch wird

Wie viele Beziehungen verliert auch die auf der Bühne, die Tom Grasshof trotz aller Tristesse elegant hergerichtet hat, mit der Zeit an Esprit. Es kommt, nach für Außenstehende humorvollem Beginn, schnell zu einem Bruch. Nach der Pause ist die Nüchternheit zurückgekehrt, damit auch wieder die Vernunft. Doch es hat sich etwas geändert. Das moralisierende Thema drängt sich allzu sehr ins Rampenlicht. Immerhin wird bei allen gut gemeinten Predigten endlich und scheinbar hemmungslos getanzt.

Fritz Rémond Theater, Frankfurt: bis 23. Oktober. fritzremond.de

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