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„Die schmutzigen Hände“ und „Unheim“ am Schauspiel Frankfurt: Was haben die denn für komische Köpfe

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Von: Judith von Sternburg

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Tanja Merlin Graf im „Unheim“. Foto: Felix Grünschloß
Tanja Merlin Graf im „Unheim“. Foto: Felix Grünschloß © Felix Grünschloß

Scharf maskiert, aber unterschiedlich gruselig: Jean-Paul Sartre und Wilke Weermann am Schauspiel Frankfurt.

Großes Premierenwochenende am Schauspiel Frankfurt. Es ist nicht naheliegend, solche Abende gegeneinander auszuspielen, allerdings fällt auf der phänotypischen Ebene auf, welche Mühe auf die Gestaltung der Köpfe verwendet wurde. Ein ulkiger Zufall, wenn man noch die Jahreszeit miteinbezieht.

In Jean-Paul Sartres „Die schmutzigen Hände“ arbeitet Kostümbildnerin Annelies Vanlaere mit nach oben aufgepolsterten und bandagierten Masken zum Überstülpen. Zuoberst schwanken mehr oder weniger (weniger) lustig die Frisuren, darunter die eingewickelten Gesichter wie nach einem sehr schweren chirurgischen Eingriff. Die Maske „steht für die Suche nach dem Allgemeingültigen innerhalb der ,Gruppe Mensch‘“, so das Programmheft mit einem Allgemeinplatz, der kurioserweise angesichts dieser Schau-mich-an-und-wundere-dich-fortwährend-Monsterversammlung nicht einmal zutrifft. Man starrt hin, klar, man gewöhnt sich dran, man würde ja auch eine Schraube für ein Individuum halten, wenn sie nur lange genug ihre Sicht auf die Dinge erläuterte. Man freut sich, wenn dahinter zwischenzeitlich die Gesichter zu sehen sind, und es sind genau die Gesichter, die man dahinter erwartet.

Für Wilke Weermanns „Unheim“ hat Ausstatterin Johanna Stenzel die Figuren in den zweidimensionalen Raum gepresst, so opulent wie flach nun die Papierfrisuren, sämtliche Konturen dick umrandet wie im Comic oder im Computerspiel. Genau darum geht es hier auch.

Sartres „Die schmutzigen Hände“ von 1948 verhandelt hingegen Themen mit großem Ernst, die sich einer Allgemeingültigkeit von vornherein entziehen. Faszinierend: Es geht weniger um das Recht auf politischen Mord als um Fragen von Motivation, Verrat und Gehorsam innerhalb einer (linken) Kampffront. Dass der bourgeoise, zögerliche Mitkämpfer Hugo den aus Sicht des radikalen Flügels zu kompromissbereiten Anführer Hoederer letztlich aus Eifersucht und im Affekt tötet, nicht aus Parteiräson, ist sein Todesurteil. Nach dem Zweiten Weltkrieg und bis in die siebziger Jahre hinein waren das mit Leidenschaft geführte Diskussionen, heute sind sie gruselig aus der Zeit gefallen oder bedürfen einer neuen, beinhart politischen Justierung – ist doch zum Beispiel das Thema der Selbstzerfleischung unter Linken keineswegs erledigt, ebenso wenig die politische Balance zwischen Kompromiss und Geradlinigkeit. Oder die soziale Aneignung: Hugo, der Westentaschensozialist, dem die „echten“ Proletarier misstrauen.

Nun dokumentiert die Inszenierung von Lilja Rupprecht im Frankfurter Schauspielhaus allerdings im Übermaß, dass sie mit alledem gar nichts anfangen will. Dies aber mit Aufwand. Die Bühne von Anne Ehrlich zeigt eine Leuchtinstallation, in die genau ein pochendes Herz projiziert werden kann (Video: Moritz Grewenig), ein aus Laiensicht auf Dauer unheimlicher Anblick, ist das Pochen eines Herzens doch ein erschütternd komplizierter Vorgang, bei dem man sich kaum vorstellen kann, wie er Minute um Minute, Jahrzehnt um Jahrzehnt fortgesetzt werden sollte.

Während aber damit doch existenzielle Triftigkeit signalisiert wird, tändelt unter dem Herzen, auf dem jetzt auch bandagierte Gesichter (bedeutungsvoll) ins Riesenhafte vergrößert werden können (Livekamera: Miguel Graetzer), der Text vor sich hin. Es gibt Situationskomik, die aber lediglich aus einem im Leben vertrauten, aber im Theater doch deplatzierten Was-tun-wir-hier-Eigentlich entsteht. Das „Spielen“ und das „Quatschen“ ist auch bei Sartre präsent, aber während es sich die Figuren gegenseitig vorwerfen, tun sie es nun selbst die ganze Zeit über: spielen Bedeutung, plappern lapidar, ratlos, pathetisch, ironisch Sartres Text daher. Über den man streiten kann, der angreifbar ist, aber gerade darum muss doch klar sein, warum man sich für ihn entschieden hat, auf der großen Bühne mit dem großen Herzen.

Gegen das so oft kritisierte „Als ob“ im Theater stellt dieser Abend ein anderes, doch viel abgeschmackteres „Als ob“: Als ob das ein moderner, aufgeweckter Theaterabend wäre, als ob er zu etwas vordringen wollte, als ob er etwas Ernstes vorhätte mit dem Stück und uns, dem Publikum, vor dem immerhin zweieinviertel Stunden lang auf der Stelle getreten und getänzelt und Zeit herumgebracht wird.

Im Kern geht es bescheiden zu: Der feine Schauspieler Fridolin Sandmeyer als Zauderer Hugo würde zweifellos auch unmaskiert die Spur von Komik im Ernsten zeigen. Auch Matthias Redlhammer als Hoederer zeigt in den Momenten, in denen man ihn lässt, einfach einen Typen, der so oder so denkt. Da interessiert man sich doch für, da hört man doch gleich zu. Lea Ruckpaul als Hugos Frau Jessica belässt es beim Überspannten, Manja Kuhl ist ohne Wenn und Aber die Parteisoldatin Olga, Annie Nowak der stramme Fanatiker Louis. Mark Tumba und Sebastian Kuschmann zeigen ein Muskelheini-Zwillingspaar wie aus dem absurden Theater. Und weil das eben alles nicht sehr viel ist für die große Bühne und weil es nicht das Kammerspiel sein soll, das es mit diesem Ensemble doch wenigstens hätte werden können, gibt es zwischendurch ein paar Songs (Musik: Philipp Rohmer, der auch mit auf der Bühne sitzt). Auch werden die Masken aus- und wieder angezogen.

Zu sehen ist ein Entlanghangeln von Szene zu Szene, irgendwie. Zu ahnen ist eine Sich-Einrichten in einer Idee (welcher?), die sich nach außen nicht erschließt, die aber nicht mehr grundsätzlich in Frage gestellt worden ist. Das passt zum Thema der „Schmutzigen Hände“, aber – wie Hugos Mord – nur zufällig. Das Riskanteste an diesem Abend ist es vielleicht, kapitalistisch ausgedrückt, so viel Kredit auf einmal zu verspielen. Das Premierenpublikum applaudierte sehr freundlich.

Erst recht am nächsten Abend. Wilke Weermanns „Unheim“ ist ein kleiner Gruselspaß in den Kammerspielen. Auch hier ist alles aufwendig gestaltet. Weermann, 1992 in Emden geboren, inszeniert die Uraufführung des Auftragswerks selbst. Das hat nebenbei den Vorteil, dass dem denkbaren Eindruck, man hätte auch mit weniger Spielerei ein gutes Ergebnis erzielen können, von vornherein der Wind aus den Segeln genommen wird. Zumal es tatsächlich um Spielerei geht.

„Unheim“ erzählt eine nur leicht futuristische Horrorgeschichte, in der Menschen, schon ganz durchlässig und pixelig, zwischen Datenmengen abhanden kommen. Dass die Hauptfigur Ira Schriftliches noch auf Papier braucht, macht sie zur Außenseiterin, nachher wird auch sie sich Implantate einsetzen lassen und mit blau blinkernden Augenlidern ihrer nur noch kurzen Zukunft entgegensehen.

Im Zentrum ein klassisches Gespensterhaus, in dem es einige reiche Einzelgänger praktisch finden, mit anderen Personen verschiedene virtuelle Ebenen derselben Villenanlage zu bewohnen. Erst als sich merkwürdige weitere Anwesenheiten bemerkbar machen, wird die Geisterjägerin Ira engagiert. Gut ausgehen wird das nicht, aber bis dahin hat man das Vergnügen mit Figuren, die sich ausgetüftelt wie die Männlein im Computerspiel bewegen und wie die Menschen einer uns noch unbekannten, wenngleich nicht fernen Zukunft. Trotzdem sind sie vertraut: Tanja Merlin Graf ist die schüchterne, vernünftige Ira, Lea Beie, Torsten Flassig, Michael Schütz und Wolfgang Vogler sind Iras Schwester, die Bewohner der Villa und andere. Alle still, scheu und pragmatisch, wie man sich die Zukunft von Norddeutschland aus wohl vorstellen mag.

Neben Sophie A. Herrmanns dezenter „Pixel-Art“ sorgen Weermann und Johanna Stenzel dafür, dass auch oder erst recht im Datenzeitalter die klassischen Mittel des Theaters zum Einsatz kommen: Man sieht, wie die Schneeberieselung arbeitet, die pixelige Kulisse ist eine Laubsägearbeit. Das Theater, sagen wir es so, wehrt sich gegen seine Abschaffung zugunsten virtueller Räume, indem es sie clever nachstellt.

Bei Sartre heißt das Land, dessen Linke sich gegenseitig belauert und mordet, recht shakespearisch Illyrien, Weermann nennt die hypermoderne Wohnvilla Arkadien. So blickt die Zukunft immer zurück. Aber als Ira dort verloren geht, jagt „Unheim“ dem Publikum den gegenwärtigeren Schrecken ein. Nicht größer, aber tiefer.

Schauspiel Frankfurt: „Die schmutzigen Hände“ am 2., 10., 12., 18., 21., 25. November, „Unheim“ am 10., 12., 16., 25. November. schauspielfrankfurt.de

Fridolin Sandmeyer und Lea Ruckpaul in den „Schmutzigen Händen“. Foto: Birgit Hupfeld
Fridolin Sandmeyer und Lea Ruckpaul in den „Schmutzigen Händen“. Foto: Birgit Hupfeld © Birgit Hupfeld

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