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Andreas Vögler, Melanie Straub in „Die Reise nach Kallisto“.
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Andreas Vögler, Melanie Straub in „Die Reise nach Kallisto“.

Schauspiel Frankfurt

„Die Reise nach Kallisto“: Die irdischen Bedürfnisse der Raumstreitkräfte

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Michel Decars „Die Reise nach Kallisto“ in den Frankfurter Kammerspielen.

Im Raumschiff Zimorodok I, das in den Frankfurter Kammerspielen auf dem Weg nach Kallisto ist, dem vierten Mond des Planeten Jupiter, sieht es ziemlich kuschelig aus, nicht steril, wie man es erwarten könnte. Federkissengepolstert ist vieles, die Kissen weiß wie frischer Schnee. Es gibt eine Mikrowelle und dazu ein großes Angebot an Nahrung in Tüten. Im ersten Stock zeigt die Bühne Max Lindners einen Ruheraum (wahlweise eine Sauna), daneben eine Aussichtsplattform mit atemberaubenden, auch atemberaubend farbenfrohen Blicken in den Weltraum. Die sechs Kosmonautinnen und Kosmonauten (es ist ein Schiff der russischen Raumstreitkräfte) scheint die Aussicht freilich eher wenig zu interessieren. Dafür erinnert bald manches – heimliche Treffen, offene Eifersucht, peinliche Liebesgeständnisse – an die WG, in der man selbst während des Studiums wohnte.

Dafür geht’s friedlich zu

Die Corona-Umstände führten dazu, dass das Schauspiel Frankfurt in den Kammerspielen an zwei Abenden hintereinander Science-Fiction-Stücke zur Uraufführung brachte. „Eternal Peace“, eine Stückentwicklung von Alexander Eisenach, ist erzählt mit leichter Hand, aber vor der dunklen Folie einer im Jahr 2114 gründlich zerstörten Erde. „Die Reise nach Kallisto“ des 1987 geborenen Michel Decar interessiert sich nicht für dystopische oder moralische Fragen, auch nicht für den Zustand des Planeten Erde. Es sind private Probleme und Bedürfnisse vor allem sexueller Natur, die mit den sechs Figuren durch den Weltraum reisen. Sie müssen notgedrungen zusammen leben und arbeiten, sie sind außerdem verflixt lang aufeinander angewiesen. Dafür geht’s allerdings recht friedlich zu.

Robert Gerloff hat „Die Reise nach Kallisto“ in Frankfurt einfallsreich und liebevoll in Szene gesetzt, er hat damit einem eher harmlosen Text aufgeholfen. Der gleich zu Beginn eine große inszenatorische Herausforderung bietet: Kolja bittet Sonja, bei einem Experiment mitzumachen, sich einfach hinzustellen nämlich, während er bis zwei zählt. Dann sagt er „Eins“ – die folgende Regieanweisung sieht eine Pause von „mindestens 20 Minuten“ vor.

Kolja, Nils Kreutinger, starrt. Und starrt. Sonja, Melanie Straub, beginnt irgendwann mit kleinen, ungeduldigen Handbewegungen. Und Choreografin Zoë Knights lässt die anderen präzise Auftritte absolvieren, lässt sie in Zeitlupe aus einer Bodenklappe auftauchen und schauen, in Zeitlupe in den Ruheraum gehen – dann wieder rückwärts. Und wieder vorwärts. Dem schaut man erstaunlich lange mit Interesse zu; auch, weil man irgendwann merkt, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler ganz leicht schwanken, als stünden sie tatsächlich in einem fliegenden Objekt. Chapeau.

Aber nach dieser feinen Pantomime müsste halt was kommen. Und zwar ein bisschen mehr als sechs Figuren, die gut in eine milde, menschenfreundliche Komödie passen würden.

Raumschiff-Pilotin Jelena, Agnes Kammerer, ist nur außen kühl, innen glüht sie für Kolja. Co-Pilot Boris, Sebastian Reiß, ist sieben Mal durch die Piloten-Prüfung gefallen und möchte in Wahrheit Schriftsteller sein. Einen Arbeitstitel hat er schon: „Stress im Weltall“. Chef-Ingenieurin Natascha, Tanja Merlin Graf, hat möglicherweise versucht, sich umzubringen, ist aber trotzdem erstaunlich gut drauf und bereit, jeden mal in die Kabine zu lassen. Astrobiologe Ilya, Andreas Vögler, hat zwei Wellensittiche dabei, Frau und Kinder auf der Erde (stört ihn nicht). Kernphysikerin Sonja nimmt ihre Arbeit sehr genau und schwärmt im Stillen, aber stille Wasser ... Und Geochemiker Kolja scheint komplett auf seine Arbeit und seine Sorgen konzentriert – ständig hört er die Außenhaut knirschen und ächzen –, wird aber zum Raumschiff-Gigolo und ist fortan gut gelaunt.

Wenn es auf der „Kallisto“-Bühne ein Türenschlagen gäbe wie in wohlbekannten Komödien, könnte man Michel Decars Stück noch eindeutiger diesem Genre zuordnen. Der Autor will sich nicht dafür entscheiden und muss es auch nicht. Aber jedes Mal, wenn der Blick der Zuschauerin nach rechts oben wandert, zum Sternenhimmel, zu Sternhaufen, -nebeln, Galaxien, wünscht man sich, dass „Die Reise nach Kallisto“ mehr als eine Nettigkeit wäre.

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