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Matze Vogel im hier auf der Seite liegenden Häuschen.

Staatstheater Wiesbaden

Die Zahlen steigen weiter

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Jetzt am Staatstheater Wiesbaden: „Die Pest“, das Buch des Jahres, als eindrucksvolle Ein-Mann-Schau.

Da Albert Camus’ Roman „Die Pest“ von 1947 in den vergangenen Jahrzehnten ohnehin kein Geheimtipp war, schnellten die Verkaufszahlen weltweit sofort nach oben, als das Coronavirus sich vorarbeitete. Unsereiner benutzt hier noch ein rororo-Bändchen von 1987 mit dem imposanten Hinweis „1 104 000-1 120 000“ (Exemplare nämlich). Camus’ deutscher Verlag berichtete Mitte März, bereits seit Februar sei der Titel wieder zunehmend gefragt, die 88. Auflage gehe in den Druck und zwei weitere seien in Auftrag gegeben. In Frankreich stand das Buch da bereits wieder auf der Bestsellerliste.

Das zeigt, dass das Publikum schneller, alerter und auch pessimistischer sein kann als die Politik in etlichen Ländern. Ländern, in denen man später den Vergleich zur aktuellen Lage vielleicht nicht so vehement zurückgewiesen hat, wie es hierzulande bisher möglich war. Ohnehin ist es nicht die Sterblichkeitsrate, die „Die Pest“ für den Moment so relevant macht. Es sind die Mechanismen, von denen Camus erzählt. Die Verdrängung, die Erkenntnis, das fieberhafte Verfolgen der Zahlen, die Ratlosigkeit, die Dummheit („Dummheit ist immer beharrlich“), die Panik, die ärztlichen Bemühungen, die Gewöhnung. Der Schrecken, dass es immer noch andere Schrecken gibt, weil die Erde sich auch während einer Seuche weiterdreht. Die Hoffnung. Der Rückschlag.

Klein der Mensch, groß die Angst und die Erschöpfung, weil sich dabei alles so zäh, aber andauernd im Kreise dreht. Hierfür hat Fabian Wendling im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden ein noch dazu für diesen Spielort ungewohnt spektakuläres Bild gefunden. Matze Vogel, einziger Akteur, steht in einer naiven Häuschenform, die wie ein Hamsterrad in eine Wand eingelassen ist, sich aber selbsttätig langsam und schier unaufhörlich dreht. Als säße Sisyphos selbst im rollenden Stein fest.

Vogel muss damit klarkommen, verlagert das Gewicht, wechselt die Haltung, redet ohne Unterlass. Sein Dr. Rieux tritt uns als etwas grelle und im Laufe der nächsten 75 Minuten noch greller werdende expressionistische Figur entgegen (Kostüme: Wicke Naujoks). Das Naturalistische lassen Vogel und Regisseur Sebastian Sommer zugunsten eines fantastisch erzählten Alptraums fallen. Manchmal ist es das Bizarre, das die Realität am besten abbildet.

Vogel zelebriert total konzentriert das totale Herausgeschleudert-Werden. Er markiert auch andere Rollen – dass man sie nicht immer zuordnen kann, stört nicht, der Moment ist hier alles –, rechtet beharrlich, spuckt Rötliches, zuckt sterbend, wäscht sich verzweifelt die Hände. Aber wie sich das Kämmerchen unerbittlich dreht, so kommt aus dem Hahn als einzigem Einrichtungsgegenstand nur gelegentlich – und es ist nicht immer die für Rieux beste Gelegenheit – Wasser.

Schneidend lässt Sommer die Lichtverhältnisse (Ralf Baars) wechseln, von ihm selbst kommen die ebenso schwer einzuordnenden Musiken. Mit den zwischenzeitlich flackernden Videos (Astrid Gleichmann) – teils zu schnell fürs Auge, aber man ahnt Unerfreuliches – mixt Sommer um Vogel herum eine brutal eindringende Überforderung. Der Mensch ist auch bloß eine Maus im Labor von Wer-weiß-Wem.

Bei der Premiere nahmen sehr viele Zuschauerinnen und Zuschauer die Mund-Nase-Bedeckung nicht mehr ab, obwohl das an den Plätzen ja erlaubt war, wie Intendant Uwe Eric Laufenberg beim Hereinkommen aus einem Grund, den wir nicht mitbekommen haben, noch einmal mit kraftvoller Stimme ausrief. Aber, wie gesagt, sehr viele entschieden sich für die Mund-Nase-Bedeckung, was vor kurzem noch unvorstellbar gewesen wäre.

Staatstheater Wiesbaden: 28. Oktober, 1., 5., 8., 10., 27., 28. November. www.staatstheater-wiesbaden.de

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