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Die Oper Frankfurt zeigt die Uraufführung von „Blühen“ – Eine Frau stirbt

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Von: Judith von Sternburg

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„Blühen“ im Bockenheimer Depot: Bianca Andrew als Aurelia und Michael Porter als Ken. Foto: Barbara Aumüller
„Blühen“ im Bockenheimer Depot: Bianca Andrew als Aurelia und Michael Porter als Ken. Foto: Barbara Aumüller © Barbara Aumüller

Die furchtbare Verwechslung von Leben und Tod: Die Oper Frankfurt zeigt im Bockenheimer Depot die Uraufführung von Vito Žurajs „Blühen“ nach Thomas Manns „Die Betrogene“.

Das Sterben ist neben der Liebe die wichtigste Domäne der Oper, keine andere Kunstform kommt hier an sie heran, und doch bewegt sich „Blühen“ noch einmal ungewohnt, frisch und mit überwältigender Ernsthaftigkeit auf diesem so vertrauten Gelände. Das liegt alleine schon an den Proportionen, ist doch fast ein Drittel der 75-minütigen Spieldauer ganz dem Sterben gewidmet, während sich die Liebe so hinreißend leicht und wie nebenbei entwickelt hat. Auch ist das Sterben hier das Sterben, nicht so sehr die Erinnerung an gute Tage und der Abschied, sondern die Sache selbst, das Sich-Entfernen von den anderen, die Angst, die verwirrende, aber auch beruhigende Wirkung des Morphiums, das Loslassen der Hände und schließlich des Lebens selbst. Das geht nicht so schnell.

Der slowenische Komponist Vito Žuraj, Jahrgang 1979, lässt uns hören, wie das Leben allmählich weggleitet, immer weniger Musik, immer mehr Geräusch, ein zartes kuhglockenhaftes Klangschalen-Dingdong, dazu der Puls und gelegentlich das Piepen, das zu einem Instrument gehören könnte, das kein Musikinstrument ist. Dabei bleibt das ganz intrikat und komplex, keine Ärzteserienversimplung, aber der Versuch, den Vorgang sinnlich zu machen wie zuvor das Leben und die Liebe.

Dazu kein Wort zu viel. Dafür hat der Schriftsteller Händl Klaus als Librettist dieser von der Oper Frankfurt in Auftrag gegebenen Uraufführung gesorgt, ebenso für eine glasklare Sprache, wie sie Thomas Mann mit Blick auf das Klimakterium der Frau noch nicht zur Verfügung stand – wobei der Schriftsteller sehr weit ging und sich auch fachkundig hatte beraten lassen. Im Libretto herrscht neben der maximalen Straffung jedenfalls auch eine Unverblümtheit, und der wieder zum „fließenden Brunnen“ gewordene Frauenkörper darf nun einfach bluten.

Die Liebe hat dazu geführt, dass die Periode wiedergekommen ist, denkt Rosalie, die in der Oper Aurelia heißt. Tatsächlich aber ist sie an Krebs erkrankt.

„Die Betrogene“ heißt Thomas Manns letzte Erzählung, und es ist diese zutiefst tragische, diese ungeheuerliche, aber auch vorstellbare Verwechslung von Leben und Tod, Aufblühen und Sterben, die in erster Linie in das Musiktheaterstück überführt wurde. Dazu auch die Handlung in verschlankten Zügen: Die 52-jährige Witwe Aurelia hat zwei Kinder, die fast 30-jährige Tochter Anna ist Malerin und hat den – bei Thomas Mann noch relativ selbstverständlichen – Eindruck, durch ihren Klumpfuß am normalen Liebesleben gehindert zu sein. Der viel jüngere Sohn Edgar hat einen amerikanischen Englischnachhilfelehrer, den 25-jährigen Ken, in den sich Aurelia verliebt.

Auch Ken ist angetan, während es in der Novelle nicht bis zum Äußersten kommt, lieben sich Bianca Andrew und Michael Porter in Frankfurt so offen, froh und erwachsen, dass es schier unerträglich ist, wie das Schicksal die beiden auseinanderzieht. Buchstäblich auseinanderzieht, denn zu den Solistinnen und Solisten kommt ein zwölfköpfiges Vokalensemble, das an dieser Stelle nicht grob, aber mit der Kraft von 24 Händen gegen vier in die Handlung eingreift. Nun öffnet sich die Bühne hinten und Alfred Reiter erscheint als Arzt und Todesbote. Alles ist zu spät, die Krankheit fortgeschritten, das Ende eine Frage von Wochen. Bianca Andrews Glück und Gesicht zerfallen vor unseren Augen.

Händl Klaus, auch das klug, verzichtet gänzlich auf die Erzählerstimme, die bei Thomas Mann zum (gehobenen und, so merkwürdig das in diesem Zusammenhang erscheinen mag, ein wenig altväterlichen) Ton beiträgt. Das Vokalensemble bekommt erst in der Schlussszene ein paar Wörter, vorher geht es um Laute und Vokale, eine atmosphärische, naturgemäß unheimliche Begleitung. Dabei ist, ein wunderbarer Einfall, der sich nicht aus dem Libretto ergibt, aber vielleicht aus der auch an dieser Stelle immens vielfältigen, reichen Musik ergeben hat, eine Gruppe ganz individueller Menschen zu sehen – ein Coup der Regisseurin Brigitte Fassbaender oder eine Frucht der ausgezeichneten Zusammenarbeit, wie sie einer Uraufführung geziemt, aber nicht immer gelingt. Spielen die zwölf am Anfang Reise nach Jerusalem? Gerät hier etwas durcheinander, wie im Körper Aurelias?

Die Kostüme von Anna-Sophie Lienbacher passen die zwölf überaus dezent in das Bühnenbild ein, zunächst wie rote Blutkörperchen, dann schwarz wie der Tod mit blutroten Handschuhen. Das Bühnenbild: Martina Segna hat im Bockenheimer Depot Elemente eingebaut, die das Blühen und das Wuchern unaufdringlich illustrieren, hier gibt es merkwürdige blaue Pilze, dort weiße Beutel und mit der Wendung zum Üblen und dem Auftritt des freundlichen Arztes ist hinten eine aufgeplatzte Wand zu sehen, dahinter ein blasiges Gestein oder fleischfarbenes Gewächs. Es ist tatsächlich faszinierend, wie Segna und Fassbaender keinen Tropfen Flüssigkeit benötigen, um das Grauen der Vorgänge stark, ungeschönt, aber nicht ekelhaft zu bebildern.

Die übrigens selbstverständlich zum Widerspruch herausfordernde Frage, ob die Wechseljahre einer Frau das Frausein nehmen – Thomas Mann und Aurelia sehen es jedenfalls so –, tritt völlig zurück hinter der individuellen Ausgestaltung. Musik und Bild erzählen eine Geschichte, die jeder auf sich beziehen wird, die nach Verallgemeinerung schreit und doch ein triftiges Einzelschicksal ist. Es spielt das Ensemble Modern, so dass schon vor der Bühne ausschließlich solistische Stimmen den Ton angeben, Michael Wendeberg hält sie zusammen, aber nur, damit sie im Verein frei sein können. Gut, dass auch der zunächst in einer Deutschen Bahn hängende Akkordeonspieler (von Takeshi Moriuchi, der das Vokalensemble einstudierte, am Keyboard imitiert) noch eintrudelte.

Der Übergang von Geräusch zu Musik, von Melodielinie zu Gemurmel, von menschlicher zu instrumentaler Stimme, auch vom gesprochenen zum gesungenen Wort ist gleitend – was zum Raum passt, der ja auch zugleich ein Innen und ein Außen zeigt –, das Spektrum der Klangerzeugung ist breit. Auffällig dabei die Behutsamkeit, die wachsende Stille. Sterben ist totale Defensive.

Exaltiertheit wird allein (zunächst) der Tochter Anna zugeschrieben, Nika Goric bei ihrem Hausdebüt, die in extreme Höhen muss und eine unerwartete, aber interessante Aggressivität bietet. Der Bariton Jarrett Porter ist ihr scheuer, pubertierender Bruder, Alfred Reiter mit breitem, mildem Bass der keinen Moment lang Hoffnung verbreitende Arzt. Das Liebespaar bekommt sinnliche Liebesmusik: Michael Porter, dessen leichter, fitter Tenor schon als Tamino und David zu hören war (eine enorme Saison für ihn, und man hört auch, warum), und Bianca Andrew, die Aurelias Glück und Sterben mit ihrem warmen, sehr lichten Mezzo ebenso fulminant und lebendig beglaubigt wie als Figur.

Die Regie findet in einer abstrakten Umgebung zu so viel Menschlichkeit, dass es erschütternd ist. Erschütternd auch, wie selten man das auf der Bühne sieht: Menschen.

Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot: 25., 28., 30. Januar, 3., 5., 8., 10. Februar. www.oper-frankfurt.de

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