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In der Mitte in Rot-Weiß: Oksana, Julia Muzychenko, kapriziös, aber guter Laune. Foto: Monika Rittershaus
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In der Mitte in Rot-Weiß: Oksana, Julia Muzychenko, kapriziös, aber guter Laune.

Theater

„Die Nacht vor Weihnachten“ an der Oper Frankfurt: Großes Glück gehabt

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Weiser Unernst, bezaubernde Musik: Christof Loy und Sebastian Weigle stellen am Opernhaus Frankfurt „Die Nacht vor Weihnachten“ vor.

Obwohl es zur Sache geht und der Teufel mitmischt, liegt eine bezaubernde Gutmütigkeit über dieser Oper, die viele Geschichten erzählt, die böse enden könnten, aber dieses eine Mal wird alles gut, und der problematische Rest verläppert sich. Der Teufelspakt: nützlich, aber langfristig folgenlos. Die promiskuitiv lebende Hexe: Keiner will ihr böse, man kennt sich lang und ist ausgesprochen unspießig. Die Liebe zur kapriziösen Frau: Die Frau ist gar nicht so kapriziös. Das suizidale Moment: Der Mann findet eine gute Alternativlösung (den folgenlosen Teufelspakt) und eine Zarin, die seinen Wunsch (den Wunsch der da noch kapriziösen Angebeteten) erfüllt, ohne mit der Wimper zu zucken. Denn der Schuhschrank einer Zarin ist ausreichend gefüllt.

Ein Grund dafür, dass dieses eine Mal alles gut wird und der problematische Rest sich verläppert, liegt wohl auch in einer, äh, kosmischen Konstellation. Obwohl der Teufel und seine Kumpanin auf Erden sich Mühe geben, den Lauf der Dinge durcheinanderzubringen, sich den Mond in die Tasche stecken und die Sterne ausknipsen, gelingt es ihnen nicht, ihn aufzuhalten. Ein vorsintflutlicher Frühlingsgott und die gleichfalls anscheinend göttliche Jungfrau Koljada werden sich (tanzend) trotzdem treffen, die Wintersonnenwende wird stattfinden können und mit ihr der nächste Frühling, so fern er noch scheinen mag. Allerdings sind der Teufel und seine Kumpanin jetzt auch nicht rasend engagiert. Sie versuchen es mal.

Diesen archaischen Anteil aus der alten Götterwelt nahm der Komponist Nikolai Rimski-Korsakow aus eigenem Antrieb in seine Oper „Die Nacht vor Weihnachten“ auf (im Dezember 1895 uraufgeführt). Der bodenständigere Anteil beruht auf der gleichnamigen Erzählung von Nikolai Gogol. Es mag auch diese Vermengung der Sphären sein, die zur fröhlichen Arglosigkeit der Handlung beiträgt, zu einem gewissermaßen unstrukturierten, undramatischen Drauflos, das musikalisch eine fulminante Abfolge ermöglicht: süße Opernarien von Liebe und Leid, knackige amouröse und freche Ensembleszenen, fromme, weltliche sowie gespenstische Chöre, dazu Tanzmusiken aus dem Dorf und vom Zarenhof, denn der Teufel fliegt den jungen Mann, der die Schuhe der Zarin benötigt, direkt ein.

Rimski-Korsakow griff (wie Humperdinck in einer anderen großen Weihnachtsoper, die sich in der Konkurrenz, und das sagen wir nicht jeden Tag, warm anziehen muss) auch nach Vorhandenem, sowohl für die fidelen jahreszeitgemäßen Koljada-Lieder – hier namentlich zu einer Sammlung ukrainischer Volkslieder – als auch die geistliche Besinnung.

Diese klassische Kunstvolkstümlichkeit funktioniert unmittelbar, zumal Rimski-Korsakow sie delikat orchestriert – vor allem den klirrenden Frost überirdisch funkeln lässt (Kristalle wie Sterne), und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester lässt es unter Generalmusikdirektor Sebastian Weigle auch funkeln und strahlen. Munter und aufgedreht wird es musikalisch, derb wird es im Grunde genommen nie – man könnte schon, Weigle und Regisseur Christof Loy sind sich offenkundig einig darin, es nicht zu tun. Der Komponist sorgt ohnehin für ständige Abwechslung, strapaziert keinen Einfall über, hat lieber noch einen und noch einen. Die beiden längsten, überhaupt die einzigen beiden langen Arien bekommt Oksana, die kapriziöse, dann aber sehr verliebte junge Frau. Ewig will man ihr zuhören, ewig will man dem in engelhafte Höhen getriebenen Sopran von Julia Muzychenko zuhören. Ihre Oksana ist reizend, sie ist eitel, sie will die Schuhe der Zarin, aber dann will sie vor allem den Tenor und Schmied Wakula, und das ist leicht nachzuvollziehen, denn Georgy Vasiliev, auch er bei seinem Frankfurt-Debüt, ist und singt enorm rodolfohaft.

Ja, ein tragisches Ende wäre ihm zuzutrauen (mit Hilfe des Teufels wird alles gut), und eine der schönsten und ulkigsten Zeilen singt Oksana, als sie um den verschwundenen und inzwischen geliebten Geliebten fürchtet: „Und wenn er sich etwas antut oder sich in eine andere verliebt?“ (Was realistisch betrachtet für Oksana auf das Gleiche hinausliefe.) Ein lustiges, aber doch ideales Opernpaar in fantastischer und zugleich nüchterner Umgebung.

Denn die von Loy in Szene gesetzte Frankfurter Erstaufführung dieses (seltsamerweise) kaum gespielten Werks greift über die Maßen plausibel und genüsslich die Kunsthaftigkeit, die Künstlichkeit auf und bringt sie in ein einziges großes Bild: Johannes Leiacker hat einen riesigen weißen Kasten gebaut, der seine Kastenartigkeit nicht verbirgt (man darf die Quader sehen, aus denen er zusammengesetzt ist). Glühbirnchensterne leuchten an den Wänden, der dunkle Monstermond, der sich von der Seite ein kleines Stück hereinschiebt, und eine schwarze Schnuppe an weiter Wand machen aber klar, dass es sich um das Negativ einer Galaxie handelt (zumal zusätzliche Verwirrung im Dorf durch eine Mondfinsternis entsteht). Der schwarze, kosmisch bemalte Vorhang ist das Positiv dazu, heruntergelassen immer wieder, um die Szenenwechsel vorzubereiten, die nicht so stark Sphärenwechsel sind, wie die Musik es anbieten würde. Auch die Lichtverhältnisse, für die Olaf Winter sorgt, entziehen sich dem, am frappierendsten in einer Hexentreff-Szene, die als veritabler Oksana-Alptraum gestaltet ist – der kugelförmige Hexenmeister Thomas Faulkner als Menschenfresser –, aber von Winter in gleißendem Licht gehalten wird.

Klar, alles ist total verschneit, aber es ist auch eine starke Setzung, weil es in Frankfurt nicht dort die eine, hier die andere Welt gibt, sondern sich alles definitiv in diesem stets geschlossenen, ansehnlichen Kosmos abspielt. Einem Kosmos, in dem die Schwerkraft ausgesetzt ist, es gibt nicht im engeren Sinne ein Oben und Unten, dafür aber gepflegte Flugnummern in größerer Zahl (Flugchoreographie und Stuntkoordination, denn hier ist echt was los: Ran Arthur Braun). Der Teufel selbst läuft angeschnallt in der Waagerechten einen Schrank herunter, bei Andrei Popov ist er eh als Tenor und Mensch ein Kraftpaket (singen und dabei Liegestütze machen, kein Problem), das nur achtgeben muss, sich nicht auf den langen Schwanz zu treten.

Dabei dimmen Loy und sein Team das Weihnachtsmärchenhafte zugunsten des wahrhaft Magischen und Menschlichen, denn keine Typen sind zu sehen, und jenseits eines süßen Bären wird es auch kaum possierlich. Stattdessen tummeln sich echte Leute auf der Bühne. Ursula Renzenbrinks Kostüme historisieren ernsthaft nur am Zarenhof, dessen Gesellschaft eine Nuance verwüstet wirkt. Eine süffisant gemütliche Zarin (aus Zensurgründen namenlos), die wunderbar witzige Bianca Andrew, weckt Neugier auf mehr, aber auch diese Szene ist rasch vorbei. Enthält dafür jedoch eine der großen, diesmal ganz klassischen Tanzeinlagen, die alle Stadttheater, die je ganz klassische höfische Tanzeinlagen konzipiert haben, neidisch machen könnte (Choreographie: Klevis Elmazaj). Akribie im Detail durchzieht jede Szene.

In dieser kalten, künstlichen Winterwelt leben also Menschen: An Teufels Seite die quietschvergnügte Enkelejda Shkoza als Wakulas Mutter Solocha mit markantem Mezzo, in ihren diversen Kohlesäcken bald die voreinander zu versteckenden, höchst honorigen Liebhaber in spe: der Bass Alexey Tikhomirov als Oksanas reicher Vater Tschub, Sebastian Geyer als feiner Bariton und Bürgermeister, Peter Marsh als Diakon und wie immer grandios gleißender Tenor an diesem für russische Opernverhältnisse ungewöhnlich tenorintensiven Abend. Nicht einmal ihm, dem Geistlichen, wird die Unsittlichkeit ausführlicher verübelt.

Der Chor (geleitet von Tilman Michael) spielt nicht nur musikalisch eine Hauptrolle in diversen turbulenten und zarten Spielarten, er trägt auch dazu bei, vergnügte, gut gelaunte Menschen zu sehen, den Widrigkeiten des Lebens und Wetters zum Trotz vergnügt, gut gelaunt. Ironie und Selbstironie gehören dazu, aber es ist mehr als das. Es ist die umfassende Grundhaltung, dass tiefer Unernst dem Leben und seiner Kürze perfekt angemessen sein könnte. Auch in einem auflagebedingt nur noch halbvollen Opernhaus ein großes und auch möglichst groß bejubeltes Erlebnis.

Oper Frankfurt: 9., 17., 19., 23., 25. Dezember, 2., 8. Januar. www.oper-frankfurt.de

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