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Die Menschen auf der Bühne und ich – Augenblicke des Glücks

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Von: Arno Widmann

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Der traditionelle Zuschauerraum in Reih und Glied sagt nichts darüber aus, was sich dort tatsächlich ereignet. Ereignen kann.
Der traditionelle Zuschauerraum in Reih und Glied sagt nichts darüber aus, was sich dort tatsächlich ereignet. Ereignen kann. © afp/(Symbolbild)

Musik, Theater und die Notwendigkeit, aus der Rolle zu fallen.

Es war ein Klassikkonzert in der Berliner Waldbühne. 2005. Meine Mutter würde im Dezember 85 Jahre alt werden. Jetzt war es noch Sommer und wir saßen zusammen auf den besten Plätzen. Auf der Bühne: Placido Domingo, Anna Netrebko und Rolando Villazon. Auf Youtube kann man sehen, wie die beiden Herren die Netrebko umgarnen und Lehárs „Dein ist mein ganzes Herz“ in eine heitere ménage à trois verwandeln. Ich war Zeuge, wie meine greise Mutter neben mir in einen Rausch geriet.

Nachdem das Konzert zu Ende war, warteten wir eine Weile. Ich wollte nicht im Menschengedränge hoch zum Ausgang gehen Meine Mutter schwärmte und sang. Nun, sie sang mehr nach innen. Als junge Frau hatte sie eine Gesangsausbildung gehabt, hatte aber schon vor meiner Geburt – sie war damals 25 Jahre alt gewesen, mit öffentlichen Auftritten aufgehört. Sie erzählte mir später, mein Vater sei eifersüchtig gewesen, er wollte nicht, dass hunderte Männer sie anstarrten. Keine Ahnung, ob das stimmt.

In ihrer Familie konnten alle singen. Ihre Brüder, ihr Vater, zwei Tanten waren Sängerinnen. Viele Stunden meiner Kindheit hatte ich auf einem Fußbänkchen sitzend mit ihr in der Küche zugebracht, während sie kochte und Verdi, Puccini, Lehár, Strauss, Offenbach – „Holde Nacht, oh Liebesnacht“ – sang. Wir lernen vom meisten zunächst die Wörter und sehr spät erst oder auch nie, die Dinge, die sie meinen.

Niemals sang meine Mutter Mozart, niemals Wagner. Auch später, als ich ihr beim Abtrocknen half, sang sie. Wenn ich es ebenfalls versuchte, bat sie mich aufzuhören. „Du kannst keinen Ton halten.“ Kein Wunder, dass heute meine ganze Liebe denen gilt, die genau das können. Ich wuchs auf mit dem vor keiner Höhe zurückschreckenden kräftigen Sopran meiner Mutter, der natürlich im ganzen Haus zu hören war. Das genierte sie nie. Sie wusste, dass sie eine schöne, eine beneidenswert schöne Stimme hatte.

Jetzt aber in der Waldbühne war sie 84 Jahre alt und konnte selbst den Ton nicht mehr halten. Also sang sie nicht – aber ihr Körper sang. Die Musik, die Performance, das Liebesspiel der Sänger mit der Sängerin, hatte jeden ihrer Muskel wiederbelebt. Sie ging beschwingt, fast tanzend nicht nur zum Ausgang der Waldbühne, sondern auch noch die drei- vierhundert Meter bis zu den Taxen. Sie lachte und erzählte immer wieder, was wir gerade gesehen hatten. Nicht dieselben Sätze, sondern jedes Mal anders. So ging es im Taxi noch weiter. Bis sie sich zur Ordnung rief und aus dem emotionalen Exzess sich zurückzog in die Etikette: „Vielen Dank, Arno. Das war wirklich ein sehr schöner Abend.“

Ich bin 76 und bin Lehrling am Maxim Gorki Theater in Berlin. Zu spät, um noch irgendjemandem nützlich zu sein. Aber nicht zu alt, um nicht doch noch fast täglich etwas dazu zu lernen. Die Chance, ein wenig mit zu bekommen von seiner Vorbereitung, vom Drumherum, lässt das Angebot auf der Bühne, die Vorstellungen etwas zurücktreten. Aber immer wieder gibt es Aufführungen, die mir so sehr gefallen, dass ich die manchmal gar zu komplizierte Vorgeschichte ihrer Entstehung vergesse und mich freue an dem, was ich sehe und höre.

Aber dazu jetzt nichts. Ende Oktober sah ich „Ein Bericht für eine Akademie“ nach Motiven von Franz Kafka. Eine Inszenierung von Oliver Frljic vom Februar 2019. Ich hatte sie noch nicht gesehen. Die Geschichte vom Affen, der vom Zivilisationsprozess erzählt, der ihn zu einem ordentlichen Mitglied der Gesellschaft folterte. Das ist witzig und ergreifend, klug und – wo es sein muss – auch gemein. Natürlich ist es wunderbar, wenn der Autor Franz Kafka dem Affen klarmacht, dass er schließlich seine Erfindung sei. Den Affen hindert das nicht, ein Eigenleben zu führen.

Das ist alles sehr gut. Aber dann passiert etwas, da kann man sich nicht mehr hinstellen und den Daumen in die Höhe strecken oder nach unten halten. Der Affe, dargestellt von Jonas Dassler, zieht sich aus. Er steht nackt auf der Bühne, läuft herum, fläzt sich in einen Sessel, steht wieder auf. Nackt. Nicht dünn, nicht dick. Kein Muskelpaket. Es ist ein ganz normaler Männerkörper. Mit einem Mal verlässt er die Bühne, läuft auf dem Gang herum. Er sagt irgendetwas. Ich habe vergessen, was. Es ist der Text, den er auswendig gelernt hat, der Text seiner Rolle.

Jetzt bleibt er vor der fünften Reihe stehen und sagt: „Lassen Sie mich doch bitte mal rein.“ Es ist eng. Ich sitze in der vierten Reihe und spüre, wie sein Hintern meinen Rücken berührt. Die beiden jungen Frauen neben mir sind begeistert. Wie der ganze Saal es ist. Jetzt sagt er: „Helfen Sie mir doch bitte hoch.“ Nun steht er auf der Rückenlehne des Platzes neben mir und geht jetzt – von den ausgestreckten Händen der Zuschauer gehalten – von Rückenlehne zu Rückenlehne bis vor zur ersten Reihe. Er springt auf den Boden. Der Saal rast vor Begeisterung. Er geht auf die Bühne. Die Handlung geht weiter.

Ich bin begeistert. Wie – so bilde ich mir ein – wir alle. Wovon? Jonas Dassler hat uns etwas gezeigt. Er nahm uns damit – vielleicht nur für einen Moment – die Furcht davor, wir selbst zu sein. Er hatte seine Rolle. Er spielte sie großartig. Er war auch noch der zivilisierte Affe, als er nackt war. Aber als er sagte „Lassen Sie mich doch bitte mal rein“, da war er nicht mehr die Figur „Rotpeter“, sondern Jonas Dassler.

Mindestens aber spielte er in diesem Moment ihn. Er hatte uns gezeigt, dass man hinaustreten kann aus seiner Rolle, dass man der sein kann, der man ist. Ich mag meinen Körper nicht. Ich mochte ihn nie. Jetzt schon gar nicht. Aber als Dassler ganz selbstverständlich seinen Körper zeigte, ihn nicht mehr in seiner Rolle versteckte, übertrug er etwas von diesem Selbstbewusstsein auf mich. Und viele andere. Auch auf – so bilde ich mir ein – auf meine Sitznachbarinnen

Auf dem Heimweg fielen mir die Waldbühne und meine Mutter ein. Ich glaube, ich habe sie jetzt erst verstanden. Ihr war die Vorstellung damals in Kopf und Glieder gefahren, hatte sie beinahe – ich übertreibe - hüpfen und springen lassen. Ein ganz klein wenig hatte sie auch wieder gesungen. Genau so war es mir im Theater ergangen. Es war ein Moment des Glücks. Der Befreiung, könnte man auch sagen. In solchen Augenblicken tun sich Möglichkeiten eines anderen Selbst auf. Es ist da draußen und es ist zugleich auch in einem. Ein Schritt und man wäre dort. Ich bin ihn nicht gegangen. Vielleicht aber ist, dass ich so von meiner Mutter und mir erzähle, doch dieser Schritt-

Man denkt bei politischem Theater gerne daran, dass es uns anstiftet, das Richtige zu tun, uns einer gerechten Sache anzuschließen oder dem Chef endlich die Meinung zu sagen. Das ist alles okay. Aber es ist nichts im Vergleich zu jenem uns in den Körper schießenden Glück, das meine Mutter mit Placido Domingo und ich mit Jonas Dassler erlebte.

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