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„Die letzte Geschichte der Menschheit“ am Schauspiel Frankfurt: Ausgerechnet ein Frettchen

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Von: Judith von Sternburg

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„Die letzte Geschichte der Menschheit“ in der Box im Schauspiel Frankfurt: Tanja Merlin Graf als KARL. Foto: Robert Schittko
„Die letzte Geschichte der Menschheit“ in der Box im Schauspiel Frankfurt: Tanja Merlin Graf als KARL. Foto: Robert Schittko © Robert Schittko

Schauspiel Frankfurt: Sören Hornungs Monolog „Die letzte Geschichte der Menschheit“ in der Box.

Die letzte Geschichte der Menschheit ist dann nur noch ein weiteres Tiervideo auf Youtube. Eine Frau, die von ihrem Frettchen erzählt, eine traurige Geschichte, eine todlangweilige Geschichte, wie die meisten Tiervideos auf Youtube, aber die KI hat sie sich trotzdem angeschaut. Jetzt kann sie sie in- und auswendig, und wenn der Abend in der Box des Schauspiels Frankfurt nur daraus bestünde, dass Tanja Merlin Graf diese verdammt langweilige, traurige Geschichte nacherzählte, wäre es den Besuch schon wert. Es wird aber mehr geboten, 60 Minuten für eine Schauspielerin, die sich reinwirft und Spaß hat und Spaß macht. Dazu ein gewitzter Text, Sören Hornungs erst im Sommer uraufgeführter Monolog „Die letzte Geschichte der Menschheit“.

Nachdem das letzte Youtubevideo, der blöde, sentimentale Frettchenfilm, hochgeladen worden ist, muss noch einiges mehr schief gegangen sein. Die Künstliche Intelligenz KARL behauptet, sie sei aus dem Jahr 5144 zugeschaltet, und von der Menschheit sei nichts mehr übrig. Sie hat auch Erklärungen parat für diese zeitübergreifende Zuschaltung, aber im Theater kann man sich weitgehend darauf verlassen, dass kein Mensch versteht, wovon sie redet. Aber die meisten denken: wow, wenn KARL das sagt, wird etwas dran sein.

Die Menschheit ist also weg, sie ist auch schon eine ganze Weile weg – dies für alle, die jetzt finden, dass das Jahr 5144 doch noch angenehm weit entfernt sei –, KARL ist vorab noch so programmiert worden, dass sie das Erbe der Menschheit bewahren soll. Weil sie bald auf sich gestellt war, hat sie sich darauf konzentriert, Youtube komplett durchzuschauen. Hat ein paar tausend Jahre gedauert, und jetzt weiß KARL alles, was man weiß, wenn man Youtube komplett durchgeschaut hat. O je. Möglicherweise ist KARL darum so spitzbusig und niedlich. Lucia Bushart hat ihr außerdem ein rosa Röckchen und rote Stöckelschuhe besorgt. Katharina Oleksinska sorgt dafür, dass die kleine Bühne Blau in Blau die sozusagen nicht mehr wirklich vorhandenen Überreste der Menschheit zeigt. Büromobiliar, die Packung vom Asia-Imbiss, solche Sachen, alle blau und unecht.

Leon Bornemanns Regie macht klar, dass die KI mit alledem auch nichts anfangen könnte, reine Kulisse, Rechner brauchen keinen Gummibaum, um sich wohler (oder unwohler) zu fühlen. Andererseits: Ein Ding namens Ulf, das KARL manchmal anspricht, antwortet grundsätzlich nicht. Sogar ein Rechner kann einsam sein und sich dann einen Freund namens Ulf ausdenken. Sieh an.

Graf spielt das beinhart und hingebungsvoll. Abgesehen davon, dass sie anscheinend auch bei dem sympathischen Androiden Data („Raumschiff Enterprise“) Rat gesucht hat, was Mimik und Kopfbewegungen betrifft, ist sie die überzeugendste KI, die man sich vorstellen kann. Vielleicht liegt es sogar gerade an dem Data-Imitat: Eine KI spielt einen Androiden nach, wie ihn sich Menschen ausgedacht haben. Um die Ecke zu denken, ist KARLs leichteste Übung.

Überhaupt ist das Beste an ihr, dass sie so menschlich ist. Im Laufe ihrer Suada, die irgendwie die Menschheit im Nachhinein beziehungsweise Vorhinein retten soll – ein aus Science-Fiction-Filmen vertrautes Szenario, konnte sich KARL gewiss ebenfalls auf Youtube ansehen –, wird sie zunehmend reizbar. Der Schrei- und der Heulanfall einer KI ist noch erschütternder als der Schrei- und der Heulanfall eines Menschen. Wenn selbst die KI die Nerven verliert, begreift der letzte, was die Stunde geschlagen hat.

Das Ende: viel trauriger als die Frettchengeschichte, die auch schon traurig ist. Auf dem Heimweg denkt man außerdem noch über die Geschichte von Silke und dem Ritzelfritz nach, die KARL erzählt hat. Das muss sie auch irgendwo auf Youtube getroffen haben. Ein fürchterlicher Humbug, macht einen aber nervös.

Schauspiel Frankfurt, Box: 24. Januar, 7. Februar. schauspielfrankfurt.de

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