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Hans Henny Jahnn: Die letzte Generation

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Von: Judith von Sternburg

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„Der staubige Regenbogen“ in Mainz: Worauf hat sich die Menschheit da eingelassen?
„Der staubige Regenbogen“ in Mainz: Worauf hat sich die Menschheit da eingelassen? © Andreas Etter

Das Staatstheater Mainz stellt Hans Henny Jahnns Stück „Der staubige Regenbogen“ vor

Das Theaterstück „Der staubige Regenbogen“ ist die letzte literarische Arbeit von Hans Henny Jahnn, nach seinem Tod 1959 aus dem Nachlass veröffentlicht, 1981 uraufgeführt und seither sehr selten gespielt. Es ist ein Koloss von einem Text, aber auch eine durchgearbeitete Auseinandersetzung mit der keineswegs abwegigen Angst vor einem weiteren Hiroshima und zugleich dem unbedarften Umgang mit der Gewalt der Atomkraft – dem zentralen Thema in Jahnns letzten Lebensjahren.

Der Titel bezieht sich auf ein unheimliches Farbphänomen während einer atomaren Explosion, „Die Trümmer des Gewissens“ lautete der über Jahre währende zornige Arbeitstitel. Zum skrupellosen Politiker gesellt sich der Fachmann, der davon überzeugt ist, alles im Griff zu haben. Dabei wird er selbst belogen und fallen dem eigenen Sohn die Haare aus, offenkundig durch einen weitgehend geleugneten Unfall. Ein zweites Kind ist so stark geschädigt, dass die Mutter es erstickt, um es nicht den Versuchen eines hochmotivierten Wissenschaftlers auszusetzen, der schon am anderen Sohn experimentiert, unter anderem – Jahnn als Kolonialismuskritiker – unter Ausnutzung eines „jungen Indianers“.

Spätbürgerliche Generationskonflikte stoßen auf eine reale Möglichkeit der Menschheitsauslöschung, so dass eine direkte Verbindung zu den Protesten der „Letzten Generation“ frappiert. „Wir wollen im Wohlstand leben“, sagen die Alten. „Wir sind die ersten, die sich anders einrichten müssen“, sagen die Jungen.

Im Staatstheater Mainz kann man das Stück nun in einer fragmentierten Fassung der Regisseurin Rieke Süßkow kennenlernen. Das Unglück ist wie die körperliche Deformation gewissermaßen weit fortgeschritten, der Handlungsablauf pulverisiert und von Süßkow neu zusammengemischt. Zu sehen ist eine Art Echo, ein Nachhall, der Jahnns langjähriges Ringen mit dem Stoff nicht auslotet, aber die Aktualität erfasst und außerdem trotz einer kuriosen Ausgangslage doch ins Erzählen kommt.

Untergeordnet sind die Menschen dabei dem gigantischen Bühnenobjekt von Mirjam Stängl, einer Art stummelarmigem Aufblaskraken, der sich durch gewaltige Atemstöße allmählich mit Luft füllt. Auch im Ensemble wird vernehmlich geatmet, Mikroports verdeutlichen das und stören zwar wie immer, ermöglichen aber einen offenbar gewünschten Wisperton. Scheinwerfer leuchten die aus dem Halbdunkel scharf hervortretenden Szenen flott aus, die Musik von Philipp Christoph Mayer begleitet die Bewegungen wie im Trickfilm. Das hat Pfiff und führt freilich zu mehr Gekicher, als es den letzten Tagen der Menschheit entspricht. Ebenso wie Sabrina Bosshards Kostüme. Unter zusammengewürftelten Kleidungsstücken stecken die verformten Körper in appetitlichen Nacktkostümen.

Besetzt wurde kreuz und quer, wie im Karneval lacht das Publikum über Männer in Frauenkleidung. In gewisser Hinsicht hängt einem das zum Hals raus, wobei Max Kurth und Holger Kraft als Mütter sowie Sabah Qalo als junge Lucie sich nichts anmerken lassen. Wie überhaupt das glänzende Spiel bei aller Atemtechnik, Rhythmisierung und auch Statik nach und nach Leute aus Fleisch und Blut präsentiert. Trotz des wabbelnden Untergrunds sind sie in der Klemme: Andrea Quirbach als naiver Experte und unglücklicher Vater, David T. Meyer als sein melancholischer Sohn, Antonia Jungwirth als dessen ihm in homosexueller Zuneigung verbundener Freund, Lisa Eder als enthemmter Forscher, Leandra Enders als schamloser Politiker.

In zwei (wichtigen) Randfiguren, dem Redakteur, Richard Zapf, und dem Indigenen, Henner Momann, wird besonders deutlich, wie kursorisch Süßkow in 85 Minuten durch den Stoff huscht. Anders als Jahnn hin zum nächsten, vielleicht letzten GAU. Er ist in Mainz das jähe Ende des Gegickels, des Hoffens, des Redens.

Staatstheater Mainz: 25. Januar, 1., 10. Februar. www.staatstheater-mainz.com

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