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„Die Kluge“ und „Der Zar...“: Auch Strolche und Könige sind nur Menschen

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Von: Judith von Sternburg

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Die Kluge und der König, er ist irgendwie oben, aber sie sagt offensichtlich an. Foto: Barbara Aumüller
Die Kluge und der König, er ist irgendwie oben, aber sie sagt offensichtlich an. Foto: Barbara Aumüller © Barbara Aumüller

„Der Zar lässt sich fotografieren“ und „Die Kluge“: Ein extrem kurzweiliger Frankfurter Weill/Orff-Doppelabend.

Es ist immer noch ein Hammer, wie sich die Corona-Lockdowns in den Opernspielplänen niederschlagen. Zu international, personenreich und langfristig die Verabredungen, um das in ein paar Monaten wieder zurechtzurücken. Ein aus der Not geborener Knaller war seinerzeit auch der aktuelle Doppelabend am Frankfurter Opernhaus. Keith Warner sollte im Mai 2021 Mussorgskys „Boris Godunow“ inszenieren, daraus wurde nichts. Aber auch der schlankere und mit Miniaturchor auskommende Ersatz-Abend – geplant, das ist immer noch von Interesse, im bereits gebauten „Boris Godunow“-Bühnenbild – kann erst jetzt aufgeführt werden.

Ein Projekt, das weit davon entfernt ist, wie eine Verlegenheitslösung zu wirken, im Gegenteil. Das Musiktheater, nach den Museen, die millionenschwere Gemälde nach Übersee versenden müssen, vermutlich der langsamste Zweig des Kulturbetriebs, demonstriert, wie man mit rasender Geduld zum Ziel kommt.

Zwei kurze, prickelnde Opern über Wahrheit, Macht und womöglich auch Liebe, die eine viel unbekannter als die andere, in dieser Kombination überaus originell. Kurt Weill wollte mit der Buffo-Oper „Der Zar lässt sich fotografieren“ auf ein Libretto von Georg Kaiser vor allem die gemeinsame, ebenfalls kurze Oper „Der Protagonist“ abendfüllend aufpäppeln. Nach der Uraufführung 1928 wurde sie häufiger nachgespielt, um in und nach der NS-Zeit in der Versenkung zu verschwinden. Der Zar taucht im Pariser Fotoatelier der reizvollen Angèle auf, deren Studio aber von einem antizaristischen Terrorkommando überfallen worden ist, das im Fotoapparat eine Pistole montiert und mithilfe einer „falschen Angèle“ ein todsicheres Attentat plant (wann halte schon einer so still wie beim Fotografieren). Die falsche Angèle und der Zar turteln heftig, sind entsprechend nicht bei der Sache, die zudem auffliegt. Der Terrorzelle gelingt die Flucht, und der Zar lässt sich fotografieren.

Während Weill erst nach Paris, dann in die USA floh, arbeitete Carl Orff (fünf Jahre vor ihm geboren, 32 Jahre nach ihm gestorben) in NS-Deutschland weiter, und auch „Die Kluge“, im Februar 1943 in Frankfurt uraufgeführt, durfte gespielt werden. Kaum zu glauben, wenn hier der Niedergang des Rechts, der Sieg von Lug und Trug, die Ohnmacht jener, die die Wahrheit sagen, allenthalben angeprangert werden. „Denn wer viel hat, hat auch die Macht, und wer die Macht hat, hat das Recht, und wer das Recht hat, beugt es auch! Denn über allem steht Gewalt.“

Mag sein, die einen haben die richtigen Schlüsse gezogen (es gibt Berichte über Proteste wie auch über maßlosen Applaus), die meisten aber müssen gedacht haben, jemand anderes sei gemeint. Etwas Bolschewistisches, Stalinistisches, Amerikanisch-jüdisch-Kapitalistisches, zum Beispiel. Dauerhaftes Lügen zeitigt Wirkung. Das Werk selbst (auf einen Text des Komponisten): eine Perle von einem Volksmärchen, in dem die Titelheldin die Dummköpfe, Schufte und bornierten Machthaber nach allen Regeln des Verstandes vorführt.

Manchmal sieht man „Die Kluge“ mit Orffs „Der Mond“ zusammen. Die neue Verbindung ist aber großartig. Der noch subtiler arbeitende Weill wie der noch wirkungsvoller arbeitende Orff haben Musiken von rasantem Unterhaltungswert geschrieben. In Frankfurt ist das gut zu hören, auch wenn Yi-Chen Lin, Kapellmeisterin an der Deutschen Oper Berlin, im (dem Ohr vertrauteren) Orff sogar ruhig für noch mehr Zack sorgen könnte (dafür fliegt das „Als die Treue ward geboren“-Ensemble allerdings schon schier auseinander, das Transparente hat seine eigenen hohen Ansprüche). Die Weill-Rarität mit ihren komplexen Jazzelementen lässt keine Wünsche offen.

Enggeführt sind Text und Szene in beiden Fällen. Beide Opern funktionieren wie Sprechtheaterstücke, wenn die Regie es will, und sie will es glücklicherweise. Keith Warner (Regiemitarbeit: Katharina Kastening) hat in Boris Kudlickas Bühnenbild zudem einen grauen, runden White Cube zur Verfügung, in dem vielerlei denkbar ist und angespielt wird. Erst recht bekommt das der „Klugen“, die doch oft als jenes Märchen stilisiert und hübsch gemacht wird, über das sie so deutlich hinausweist.

Die runde Rückwand dient als Projektionsfläche, hier lassen sich Fenster öffnen, aus denen im „Zar“ die als Tode maskierten Choristen heraussingen (tatsächlich hätte es übel enden können, auch wenn rein gar nichts passiert). Rundum Angèles Porträtfotografien bis hin zu den letzten US-Präsidenten, in der Mitte der Platz fürs neue Bild und für lebende Zaren-Bilder-Assoziationen: die adrette, dann die gemordete Familie. Angèle, von Kaspar Glarner extravagant nach der Entstehungszeit der Oper eingekleidet, ist die fabelhafte Ambur Braid – was von der ersten Minute an klarmacht, dass stimmlich große Oper besetzt wurde, und was sofort für eine glamouröse Exaltationen sorgt. Sie und ihr Gehilfe, AJ Glueckert, vernehmen bebend, dass der Zar ins Atelier kommt. Eben noch so sehr Künstlerin und Profi und schon ganz krumm vor Untertänigkeit in spe. Juanita Lascarro ist dann die quicklebendige und ablenkbare „falsche Angèle“ im von Peter Marsh scharf angeführten Killerkommando, in dem sich auch die übrige Belegschaft doppeln wird. Wie immer im Einakter geht es Schlag auf Schlag, da ist auch schon der Zar, Domen Križaj, als Mann und gepflegter Bariton attraktiv genug, die rasche erotische Entgleisung mit der falschen Angèle plausibel zu machen.

Die Fallhöhe aus einem Thriller und einem folgenlosen Unfug wird gerade ohne weitere Überspitzung klar. Warner zeigt in beiden Runden Menschen mit einer geradezu ungeschützten Sympathie und Offenheit. Mögen die meisten hier, fast alle lügen, posieren, ihren Vorteil auf Kosten anderer suchen und auf Schurkereien und Mordtaten aus sein – das Kunstwerk präsentiert all das unverdrossen, gutgelaunt und mit entwaffnender Ehrlichkeit.

Die Bobbys, die den Anarchistentrupp nicht schnappen werden, sind das Verbindungsstück zur „Klugen“. Zu Dietrich Volle und Iain MacNeil (auch als Bodenturner gefragt, das sieht man nicht alle Tage) gesellt sich Andrew Bidlack (eben noch der falsche Gehilfe) zum haltlosen Trio der Strolche. Aber auch die Hauptfiguren maskieren sich in einer Welt, in der man nie wissen kann: Mikolaj Trabka, der junge König und ein feines Tenorpendant zum Zaren, legt zunächst graues Haar und langen Bart an. Elizabeth Reiter, die Kluge, taucht in immer neuen Anläufen als größer werdende Spielpuppe auf, bis sie den veritablen Schwellkopp abnimmt und ganz sie selbst ist: eine freche und furchtlose Frau im gelben Regenmantel und mit dürren Zöpfen. So begierig ist sie aufs Rätselraten, dass der König nicht schnell genug machen kann. Zur Inspiration liest er noch einmal ein bisschen in der Zeitung nach und gewinnt nicht nur das Herz der Klugen, sondern auch der Redakteurin.

Das Paar, nachher beim Schachspielen zu sehen, ist zeitlos, auch wenn sich der König gerne als Ludwig von Bayern gibt (wie eine britische Fantasie von Deutschland). Um sie her singt der arme dumme Bauer, Patrick Zielke im Originalbauernlook, eines der schönsten Auftrittslieder überhaupt (ach, hätt er seiner Tochter nur geglaubt) und recken sich Maulesel- sowie Eselsköpfe mit langen Hälsen lustig ins Bild. Auch Alfred Reiter als Kerkermeister und Henker in Personalunion zeigt, wie sehr Warner Menschen über Konzepte stellt. Alles sitzt, alles ist reinste Lebendigkeit.

Selbst in der Premiere am hierfür allerdings riskanten Ostersonntag noch ein paar freie Plätze. Die Auflösung des Corona-Staus bringt eine echte Premierenflut, geht aber hier nicht auf Kosten der Qualität.

Oper Frankfurt: 15., 23., 29. April, 4., 7., 11., 13. Mai. www.oper-frankfurt.de

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