Ist wenigstens die Verletzung echt? Oder spielt Lucie auch das?
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Ist wenigstens die Verletzung echt? Oder spielt Lucie auch das?

Rémond-Theater

Die Frau vom Inspektor

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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„Alles was Sie wollen“: Die Ebenen purzeln ordentlich und charmant durcheinander im Rémond-Theater.

Sollen wir am Ende glauben, dass Lucie und Thomas sich wirklich kriegen? Also küssen & kriegen in der Bühnenwirklichkeit des Stückes, das da „Alles was Sie wollen“ heißt und auf der Bühne des Frankfurter Rémond-Theaters gegeben wird? Denn Lucie ist Dramatikerin – Steuerberater Thomas hat die richtige Bezeichnung für das Tun seiner Nachbarin recherchiert –, sie packt alles, was sie privat erlebt, in Theaterstücke – sehen wir also 1:1, was sie just erlebt? Denn nun hat sie einen fabelhaften Mann, eine schöne Wohnung, genug Geld – das Leben ist so langweilig, dass ihr nichts mehr einfällt.

Ganz kurz packen die Franzosen Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière zuletzt ein Stück ins Stück. Aber vor allem packen sie die Entstehung eines Stückes ins Stück. Dank eines Wasserschadens lernt die mittlerweile hoffnungslos schreibgehemmte Lucie ihren Nachbarn Thomas kennen. Er rät ihr, sich halt mal was auszudenken. Nachdem das keine Option zu sein scheint, rät er ihr, ihrem Mann was vorzuspielen – dass sie einen Liebhaber hat, zum Beispiel.

Das ist natürlich wahnsinnig konstruiert, denn wer im wahren Leben so gut lügen kann, müsste sich eigentlich auch eine Dramenhandlung ausdenken können. Aber die beiden Autoren spielen charmant und witzig mit den Erwartungen des Publikums: Vielleicht muss Lucie ja gar nicht so doll lügen? Ja, ihr Mann (im Stück: nicht vorhanden) ist aufmerksam und rücksichtsvoll usw. usf., aber er scheint doch auch viel weg zu sein, auf Dreh. Jeder im Haus weiß, dass er der Inspektor ist in einer beliebten TV-Serie. Und sie die „Frau des Inspektors“, die zufällig schreibt.

Das Rémond-Theater kooperiert bei „Alles was Sie wollen“ mit der Komödie am Kurfürstendamm. Und das in allen Theaterdingen routinierte, aber auch putzmuntere Ehepaar Nora von Collande und Herbert Herrmann erledigen fast schon den Rest: Sie als Lucie und Kostümbildnerin, er als Thomas und Regisseur. So schlägt man der Pandemie ein Schnippchen.

Eine fesche Pariser Altbauwohnung hat Stephan Fernau entworfen, sogar eine alte Telefonzelle gibt es darin – diese französischen Intellektuellen und ihre Deko! Kochen können sie außerdem nicht, die klugen Frauen, dafür wissen sie, was Temporaladverbien sind. Lehrerin?, rät Thomas zuerst. Banker?, rät Lucie. Na ja, Steuerberater ist fast dasselbe. Sowieso kann sie nichts anfangen mit Menschen, die beruflich mit Zahlen zu tun haben. Aber dann ruft sie doch wieder unten an: „Hier ist Lucie, ich habe Hunger!“ Nora von Collande ist eine hinreißende Schwierige, die kein Blatt vor den Mund nimmt, Herbert Herrmann ein sympathischer Problemlöser. Beide setzen die Ping-Pong-Pointen passgenau.

Allerdings brauchen das tapfere Fritz-Rémond-Theater und sein Chef Claus Helmer nun auch mutige Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich „Alles was Sie wollen“ ansehen gehen.

Rémond-Theater, Frankfurt, 22. bis 29. November. www.fritzremond.de

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