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Still nach unten abheben. Foto: Maciej Rusinek/FOTOLOFT
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„Der Himmel über meinem Kopf“

Die AMP Dance Company im Gallus-Theater: Wolkenwärts oder hinein in die Grammatik des Ich

  • VonMarcus Hladek
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Der Abend „Der Himmel über meinem Kopf“ mit der AMP Dance Company zum Saisonstart im Frankfurter Gallus-Theater

Als Saisonstart am Frankfurter Gallus-Theater verspricht „Der Himmel über meinem Kopf“, ein Tanzabend der AMP Dance Company aus Frankfurt, zugleich ein Neustart in post-pandemische Zeiten zu sein. Intendant Winfried Becker frohlockte in seiner kurzen Publikumsadresse schon einmal über den „vollsten Saal seit anderthalb Jahren“. Zu sehen sind die sieben Choreografien von AMP-Mitgründerin Marika Ostrowska-Geiger (47 Minuten vor, 24 nach der Pause). Am Montag beginnt mit dem Tanzfestival „Solocoreografico“, laut Planung, eine fast normale Spielzeit.

Gleich der Beginn der Himmels-Reise macht das Publikum zu Wolkenguckern. Alle sieben Tänzerinnen und Tänzer liegen oder sitzen in Stück 1, „End. Less Space“, zu gelösten Gitarren- und Rhythmusklängen (Filip Piskorzynski) entspannt in sandfarbenen T-Shirts zu Capri- und Chinohosen auf der leeren Fläche „unter“ den Wolken: Video-Wolken der Rückwand, denen die Kamera langsam näherrückt.

Theaterleute mögen da an Hamlet denken, wie er Polonius einredet, droben am Himmel ein Kamel, nein: ein Wiesel, nein: einen Wal zu sehen. Laut Florian Geiger, dem zweiten AMP-Gründer, dient das Wolkenstarren der tänzerischen Selbstvergewisserung, fast wie bei Descartes, der sich vom denkenden Ich zu Gott und Welt rationalisierte. Geigers Tanz-Cartesianismus macht das Körper-Ich zum Nullpunkt eigener Welt-Koordinaten: „Ist der Himmel über mir, so habe ich die Erde unter mir. Getrennt werden sie vom Horizont. Ich sehe sie beide vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner Existenz.“

Von solchem Raum zum Traum, vom Affekt zu aufstrebender Imagination ist es hier nur ein Katzen- oder Tänzersprung. Wenn das Finale „Up!“ das Wolkengucken wieder aufgreifen wird und alle sieben von ihrer Himmelsschaukel ab- und fantasiert emporspringen (konkret geht eine nach dem andern still ab, den Blick verklärt nach oben), ist die Reise aus. Einzig für „Up!“ trägt das Septett Weiß, fast wie das pure Licht in Dantes Himmel. Was so lange kitschig wirkt, bis man die Allegorik durchschaut.

Konturen, die sich verpixeln

Zwischen beiden Himmeln liegen fünf je von Video-Großaufnahmen der Gruppe getrennte Stücke, die uns Pandemie-Geplagten von verlorener Sicherheit erzählen. Hatte das Auftaktstück ganz als Bild funktioniert, legt Mar Sánchez Cisneros im Solo „Friction“ (Reibung) als Stück 2 alles in den Tanz: sehr elegant und, nach einem leichten Dancefloor-Beginn, ernst, down-to-earth und wie alle Stücke barfuß. Dass sich ihre Konturen vor der hellen Rückwand reizvoll verpixeln, wiederholt sich noch mehrfach.

Es folgt das in Rotlicht getauchte Ensemblestück „Red Rain/War“, das mit Marschtritt, viel Chor und Bewegungen wie im Rugbytraining zu beschleunigter Musik operiert. Dem Individuum kommt das Kollektiv mit Druck. Ein anstrengendes Stück quer durch den Raum ist das, weshalb das Trio „First Person, Singular“ danach auf weniger kraftraubende Akte der Muskelspannung und des Ausbalancierens setzt. Im Zentrum steht das Ich als grammatikalische Fiktion, unter Kuratel gestellt als flankierte Tänzerin: wie ein Palastportal vor Blendlicht.

Bald nach der Pause bringt „Ty i ja“ (polnisch für „Du und ich“) in weichen und fließenden Bewegungen, weiten Schwüngen und schönem Schreiten einen Hauch Ausdruckstanz auf. Vor dem Finale „Up!“ wendet „All we ever wanted“ das Ensemble einander spielerisch und gereift zu: emotional, vertrauend, affektbetont und Arm in Arm bis zum Fadeout.

Eine vielversprechende Arbeit, die post-Covid unsere entwöhnten Sinne rezivilisiert.

Gallus-Theater, Frankfurt: bis 2. Oktober. Tanzfestival „Solocoreografico“ vom 4. bis 9. Oktober. gallustheater.de

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