+
Die Schaufenster-Bungalows der Mitarbeitersiedlung „Diamante“.

Berliner Festspiele

„Diamante“ in Berlin: Die Plotmaschine

  • schließen

Die Berliner Festspiele zeigen das Sechs-Stunden-Epos „Diamante“ von Mariano Pensotti.

Wer kennt es nicht, das Gefühl, eine Figur in einer zusammengeschusterten Seifenoper zu sein. Mitspieler tauchen auf, die aus den unteren Schubladen einer Klischeefabrik gepurzelt sein könnten. Der Lebenslauf nimmt Wendungen, als würde das verantwortliche Schreibbüro verzweifelt auf sinkende Quoten reagieren. Handlungsstränge werden mit beleidigender Willkür ausgeleiert oder abgeschnitten, aus Kosten- oder Organisationsgründen, die man selbst weder kennt, noch beeinflussen kann. Oder es wird anderswo vielfach abgenudelte Gebrauchtware an den roten Faden der eigenen Geschichte geknotet. Das Leben – ein banales Epos, das aus aneinandergereihten Längen und unwillkommenen Drehpunkten besteht und dann zu kurz gewesen sein wird. Die Fiktion ist auch keine Rettung, weil es auf Erden bekanntlich alles schon gegeben hat, was man sich ausdenken kann. Bleibt die Erzählweise. Sie macht das Leben vielleicht doch interessant. Sie sucht den Kern im Rohmaterial und schleift ihn zum Edelstein ab. Oder?

Das Haus der Berliner Festspiele präsentiert mit dem 2018 bei der Ruhrtriennale zur Uraufführung gekommenen „Diamante“ von Mariano Pensotti in erster Linie eine Erzählweise – und dann eine Geschichte. Der von den Sitzreihen befreite Zuschauersaal bildet zusammen mit der Bühne eine mit Kunstrasen ausgelegte Fläche: Das ist ein Teil der von der Öl- und Bergbaugesellschaft Goodwind im Dschungel von Argentinien betriebenen Mitarbeitersiedlung „Diamante“. Wie in einem Pionierlager stehen da zehn Bungalows, allerdings mit großen Schaufenstern, dazu kommen ein Auto, eine Bühne und ein zentraler Platz mit der Büste des Gründers: Emil Hügel, ein dicker Deutscher, der als Kind seine Ferien in Schweden verbracht hat – was inspirierend in seine kapitalistische Utopie eingeflossen ist.

Alle sind versorgt, werden überwacht und beschützt gegen die Armen außerhalb der Siedlung und müssen etwa eine Choreografie für den Frühsport und mindestens ein Musikinstrument beherrschen. „Diamante“ steht vor seinem 100. Jubiläum, das mit Pomp gefeiert wird. Hinter den Kulissen schmiert der Konzern ab in eine wirtschaftliche Krise, die schnell in die Lebensläufe der Bungalowbewohner ausgreift und private Krisen nach sich zieht.

Erzählt wird das Ganze in drei Teilen, die aus synchron stattfindenden, parallel gespielten, jeweils ein paar Minuten dauernden Kapiteln bestehen. Die Zuschauer können ein Höckerchen nehmen und sich in einer beliebigen Reihenfolge von Station zu Station begeben. Die Szenen werden so lange geloopt, bis jeder Zuschauer Gelegenheit hatte, jede Szene zu sehen – es ist auch genug Raum, um ein paar Blicke in benachbarte Bungalows zu riskieren und so mit der Perspektive zu spielen. Klingt komplizierter, als es ist, zumal es vor der Veranstaltung eine Einführung gibt und der fiktionale Rahmen im Handout nachzulesen ist.

Die Handlung steht also weitgehend still, bis alle Einzelgeschichten erzählt sind und springt in den beiden Pausen zwischen den Hauptteilen. Das geht nicht anders, wenn man die Dinge nicht nacheinander, sondern gleichzeitig erzählen will, also so, wie sie im Leben nun einmal passieren. Das Problem ist, dass Pensotti seine unübersichtliche nicht-sukzessive Erzählstruktur mit sehr übersichtlichen Inhalten befüllt. Die Figuren müssen auf kurzer Strecke wiedererkennbar sein, ihre dreistufige Entwicklung darf sich nicht mit Differenzierung aufhalten, zumal Pensotti offenbar den Anspruch hat, jede Figur vom Saulus zum Paulus werden zu lassen. Das geht dann schnell ins Reißbrettartige und führt zu Produktenttäuschungen, zumal man in der ersten Runde so viele aufgestapelte Informationen vorgesetzt kriegt, nur damit diese Stapel im Folgenden umgestupst werden können: Die pubertäre Violinistin wird zur Voodoohexe, der integere Barkeeper zum Verräter, der Sicherheitsmann zum Banditen, die liberale Politikerin zur Machtpuppe, der verdrogte Hippierocker zum Prügelknaben, der Theaterregisseur zum Wahlkämpfer, der verwaiste Bauernsohn zum Kapitalistenmonster. So in der Art.

Um gedankliches Ergänzungsfutter anzubieten – und die Plotmaschine auf die Relevanzhöhe zu hieven, die das in Richtung Utopieskepsis, Gesellschaftskritik, Apokalyptik und Postkapitalismus gepushte Setting verspricht, greift Pensotti auf simple Titeleinblendungen zurück. Hier kann er autoreflexiv und ironisch werden, Hintergründe und Fußnoten einschieben, Kommentare abgeben, Subtexte und Figurengedanken ausformulieren, Metaphern ausdeuten oder Handlungsstände aktualisieren. All das, was ein Erzähler in einem Roman so tut. Nur, dass Pensotti sich kurz fassen und prägnant bleiben muss, also nicht weiter ausdifferenzieren und abwägen kann. Weil der Abend doch auch so schon sechs Stunden dauert.

Die gehen wie beim sogenannten Binge-Watching zwar ziemlich schnell vorbei, hinterlassen aber auch das schale Gefühl, Lebenszeit verloren zu haben – oder sich mit Problemen und Banalitäten von anderen unterhalten zu haben, statt sich mit den eigenen so lange und intensiv zu beschäftigten, bis sie vielleicht doch interessant werden.

Haus der Berliner Festspiele:22.-24. November. www.berlinerfestspiele.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion