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Deutsch lernen mit Pegida

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Von: Ulrich Seidler

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Karim Daoud, Niels Bormann, Maryam Abu Khaled, Ayham Majid Agha, Hussein AL Shatheli, Kenda Hmeidan in Winterreise ???? ?????? VON
Karim Daoud, Niels Bormann, Maryam Abu Khaled, Ayham Majid Agha, Hussein AL Shatheli, Kenda Hmeidan in Winterreise ???? ?????? VON © Ute Langkafel MAIFOTO

Regisseurin Yael Ronen begibt sich am Berliner Gorki-Theater auf eine ziemlich ernüchternde "Winterreise" durch Deutschland. Ihre Reisenden können vom Hotel aus eine Pegida-Demo beobachten.

Am Berliner Gorki-Theater gibt es seit Januar ein zweites Ensemble, das Exil-Ensemble. Es wird unter anderem von der Bundeskulturstiftung sowie mit Lottomitteln finanziell unterstützt und besteht aus sieben professionellen Schauspielern, die nicht in ihrer Heimat leben und arbeiten können: Aus Syrien kommen Kenda Hmeidan, Mazen Aljubbeh, Hussein Al Shatheli und der Oberspielleiter Ayham Majid Agha, aus Palästina Karim Daoud und Maryam Abu Khale. Die siebte, die Afghanin Tahera Hashemi, befindet sich im Mutterschutz, was eine schöne Nachricht ist. Spielsprache ist vor allem Englisch und Arabisch, es wird übertitelt.

Die Gorki-Intendantin Shermin Langhoff sieht sich mit dem zunächst auf zwei Jahre begrenzten Projekt in einer Tradition etwa mit dem Zürcher Schauspielhaus, das während der Nazi-Diktatur Theaterleute engagierte, die aus Deutschland fliehen mussten. Es erlebte als „Emigrantentheater“ eine künstlerische Blütezeit, Stücke von Bertolt Brecht wurden uraufgeführt.

Und ein Brecht-Gedicht wird denn auch vorgetragen bei der Premiere von „Winterreise“, dem ersten Exil-Ensemble-Stück im Gorki. Es klingt fast wie eine Gründungsurkunde: „Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab:/ Emigranten./ Das heißt doch Auswanderer. Aber wir/ Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluss/ Wählend ein anderes Land. Wanderten wir doch auch nicht/ Ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer/ Sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte./ Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da/ Aufnahm.“

Fast noch falscher als Emigranten-Ensemble wäre die Bezeichnung Flüchtlingsensemble, weil, so Langhoff: „Flüchtling ist kein Beruf“. Die engagierten Künstler stehen nicht als Flüchtlinge auf der Bühne, sondern als Schauspieler.

Klingt einleuchtend, wird aber von der Regisseurin Yael Ronen sofort auch wieder unterlaufen. Authentische Biografien sind Quell und Spielmaterial ihrer Stückentwicklungen. Klar sind das Schauspieler: Schauspieler mit sicheren Mitteln und herrlicher Präsenz. Aber das Stück handelt nun einmal von ihnen persönlich. Von einer winterlichen Busreise durch Deutschland. Ein Busreise, die Gelegenheit bot, die eigene Geschichte und die Situation, in die man gemeinsam geraten ist, durchzuarbeiten und zu reflektieren.

Die dabei entstehenden Texte kann man zur Gewinnung von Humor, Pathos und Poesie immer noch verfremden, tauschen oder zuspitzen. Eine ähnliche gruppenanalytische Busreise hat Yael Ronen 2014 mit ihrem grandiosen Balkan-Konflikt-Stück „Common Ground“ unternommen.

Also Vorsicht ist geboten, wenn die Figuren mit dem authentischen Vornamen angesprochen werden. Zum Beispiel Niels. Niels Bormann muss wie schon bei „Common Ground“ wieder den Deutschen spielen, an dessen Beispiel die Abenteuer der kulturellen Differenz slapstickhaft abgearbeitet werden. Die Obergrenze der Toleranz ist diesmal erreicht, wenn Niels erfährt, dass Hussein bis zu dreimal duscht – am Tag. „Nein, nein, das ist krank! Die Menschen in Deutschland duschen nicht öfter als zweimal die Woche.“

Niels hat die Busreise organisiert. Noch bevor es losgeht, werden in den Anweisungen des Busfahrers die skurrilsten und abstoßendsten Klischeeneurosen Deutschlands offenbar. Die erste Station ist Dresden. Niels schwant immerhin, dass es wohl doch keine gute Idee war, die Bilder vom zerbombten Dresden als Anschauungsmaterial zu verwenden: „Ich wollte mit etwas anfangen, dass sie kennen und das ihnen Hoffnung gibt.“ Sehr einfühlsam.

Außerdem ist Montag! Die Reisenden können von ihrem Hotel eine Pegida-Demo beobachten. Das hebt nicht gerade die Laune – schafft aber Gelegenheit für Monologe, die die angstbesetzten Erinnerungen an die Demonstrationen gegen Assad aufsteigen lassen, und auch für einen kabarettistischen Schnellkurs in Deutsch und Staatsbürgerkunde mit Hilfe von Pegida-Schildern. Die Reise führt unter anderem ins KZ Buchenwald und in ein im Abriss befindliches US-Armeegelände in Mannheim. Dazwischen immer wieder schön aufgenommene Wintertristesse: Schneegriesel, Asphalt, Menschenleere (Video: Benjamin Krieg). Die Themen setzen sich bei diesen Motiven wie von selbst: Gefängnis, Lager, Folter, Ruinen, Krieg, Flucht, Fremdheit und Verlassenheit – und bekommen so eine spürbare Gegenwart, identifikatorische Anknüpfungspunkte.

Es ist schade, dass es diesmal wenig zum szenischen Miteinander kommt. Nicht nur mit den Einheimischen treten die Reisenden nicht in Kontakt, auch untereinander passiert nichts, was sich dramatisch verwerten ließe. Die einzelnen Erzählstücke werden vor allem formal durch die Videobilder, Grafiken und den permanenten Soundtrack zusammen gehalten. Dies allerdings sehr gekonnt. Großer Jubel jedenfalls für die Spieler und die Regisseurin, und Applaus auch für die Sache und ihre Unterstützer.

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