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„Der Zwerg“ und „Petruschka“ an der Oper Köln: Der einzige schöne Mensch unter hässlichen Puppen

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Von: Judith von Sternburg

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Das Leben am Hofe der influencenden Infantin ist eine große Show. Foto: Paul Leclai
Das Leben am Hofe der influencenden Infantin ist eine große Show. Foto: Paul Leclai © Paul Leclaire

Die Oper Köln zeigt 100 Jahre nach der Uraufführung Alexander von Zemlinskys „Der Zwerg“ in der damaligen Verbindung mit Strawinskys „Petruschka“. Von Judith von Sternburg

Klug und unsachlich ist Alban Bergs Urteil, die Tragik in Alexander von Zemlinskys Einakter „Der Zwerg“ sei „fast nicht zum Aushalten“. Es lassen sich neben dem Tod und in einem einigermaßen komfortablen Leben kaum tiefere Ängste anrühren als die, dass man selbst das Monster sein könnte, es aber nicht wüsste, aber alle anderen wüssten es, grausten sich und sparten nicht mit Spott, den man selbst aber für Freundlichkeit halten würde. Man wäre ja glücklich, optimistisch, seiner selbst sicher. Als der Zwerg, der bisher von Spiegeln ferngehalten wurde – nicht aus Schonung, sondern aus Sadismus –, zum ersten Mal in aller Schärfe sein Spiegelbild sieht, stirbt er. Das ist logisch, so viel Schlechtigkeit kann man nicht überleben.

Das Publikum braucht nicht viel Verstand, um zu begreifen, dass natürlich der Zwerg schön ist, dass er überhaupt der einzige schöne Mensch ist in dieser faden Welt. Zemlinsky hilft uns auf die Sprünge, indem er ihm eine Tenorpartie schreibt, die ihresgleichen sucht an Süße und freilich auch an Anspruch. Von Oscar Wilde stammt die Ursprungserzählung, das vielkritisierte Libretto von Georg C. Klaren darf man inzwischen als rehabilitiert erachten. Auch die Oper selbst ist nach Benachteiligung und Auslöschung – Zemlinskys süffige Neoromantik wirkte bald unmodern, dann trieben ihn die Nationalsozialisten als Juden ins Exil, dann zeigte sich die Nachkriegsgesellschaft uninteressiert – wieder im Repertoire angekommen. Hundert Jahre nach der Uraufführung an der Oper Köln wird sie nun auch dort wieder gezeigt, in der Verbindung von 1922: mit Igor Strawinskys „Petruschka“-Ballett von 1911. Dem hässlichen, aber zartfühlenden Menschen stehen die perfekten, aber beinharten Puppen gegenüber.

Es ist fast nicht zum Aushalten, aber im Kölner Staatenhaus 2 hält man es in Paul-Georg Dittrichs Inszenierung dann doch ganz gut aus. Das ist bedauerlich. Die vierte Wand ist ins Publikum weit offen, hinten das Orchester, von dort führen Pia Dederichs und Lena Schmid einen langen weißen Steg in die Zuschauertribüne hinein. Vorne links und rechts weitere Publikumsplätze, nun wie für eine Kabarettaufführung angeordnet (die erste Reihe braucht ein karnevalistisches Gemüt, aber daran mangelt es hier nicht). Das Leben am Hofe der Infantin (die Prinzessin, die den Zwerg geschenkt bekommt und ihm schließlich den Spiegel vorhalten lässt) ist eine große Show, die Prinzessin selbst eine Influencerin, die in ihren Filmchen Schönheitsprodukte anpreist. Kathrin Zukowski spielt das hingebungsvoll und singt dazu mit so beträchtlichem Niveau, dass eine an keiner Stelle zusammengeführte Bild-Klang-Schere entsteht.

Das Ende vom Lied wird sein, dass all die blonden Püppchen – zur Infantin kommt der kraftvolle Damenchor (Leitung Rustam Samedov) – böse altern. Der Zwerg hingegen bleibt, der er ist: Burkhard Fritz als Mensch unter Zombies, den der Oliver-Hardy-Aufzug nicht lächerlich macht. Stimmlich kommt die Partie seinem sowohl lyrischen als auch normalerweise ausreichend heldischen Tenor total entgegen, und das hört man auch, bis sich dann eine ausgeprägte Abendformschwäche zeigt.

Keine Abendformschwäche ist es, dass die Inszenierung sich in Dekorfragen verliebt und an der Kritik an einer oberflächlichen Gesellschaft abarbeitet, was niemals falsch, aber diesmal auch nicht weiterführend ist. Die von Alban Berg beklagte Tragik wirkt wie weggeplappert. Die Musik bleibt groß, und das Gürzenich-Orchester unter Lawrence Renes webt in riesiger Besetzung einen feinen Klang. In der Mischung hätte man ihn gerne dominanter, was erst nach der Pause im „Petruschka“ zu haben ist.

Das von dem Choreografen Richard Siegal am Schauspiel Köln aufgebaute Ballet of Difference tanzt in Flora Mirandas fast klassischen Kostümen und auf dem nun zur weißen Fläche umgebauten Ex-Steg wirklich wie an Fäden. Und in einer eiskalten Munterkeit, Fitness und Schwerelosigkeit, die menschenunmöglich erscheint. Margarida Isabel de Abreu Neto ist in der Titelpartie bezaubernd herzlos. Aber der Zusammenhang zur Oper bleibt viel zu vage – gedanklich, aber vor allem auch visuell –, um gemeinsam doppelt zu überzeugen.

Oper Köln im Staatenhaus 2: 23., 27., 30. November, 4., 6., 8,. 10. Dezember. oper.koeln

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