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Katherina, Lisa Eder, soeben zwangsverheiratet worden. Foto: Andreas Etter
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Katherina, Lisa Eder, soeben zwangsverheiratet worden.

Staatstheater Mainz

„Der Widerspenstigen Zähmung“ in Mainz: Da kommt sie nicht mehr raus – oder doch

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Wie sich das heute machen lässt: Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ am Staatstheater Mainz wendet sich von der Komödie zur Tragödie und zurück

Das wird noch bitter, erst ahnt man es, dann sieht man es, und obwohl wir hören wollen, müssen wir fühlen. „Der Widerspenstigen Zähmung“ sei nicht Shakespeares bestes Stück, heißt es während des Stücks, in dem es häufiger um beste Stücke geht. Damit ist dann aber etwas ganz anderes gemeint.

Im Grunde zeigen sich nur zwei Möglichkeiten, heute mit dieser Geschichte fertigzuwerden. Die eine, schwierig, bestünde darin, uns irgendwie davon zu überzeugen, dass es zwischen Petruchio und Katherina eben doch die große und alle misogyne Theorie und skandalöse patriarchalische Praxis sprengende, beiseiteschaffende Liebe ist. Die andere besteht in der Flucht nach vorne: zeigen, dass es zwar erst derb und lustig ist – vor der Zwangsehe, die Katherina wirtschaftlich und rechtlich allen Spielraum nimmt –, dann aber nur noch derb und nicht mehr lustig. Je weniger lustig es ist, desto realistischer kommt es einem vor.

Es nimmt sogar eine glasklare Wendung in die Tragödie, das, was nicht Shakespeares Zeitgenossen, aber wir heute unter einer Tragödie verstehen. Katherina versteht das und erklärt es auch. Sie ist in einer Shakespeare-Komödie gefangen, das ist schlimm für sie, denn Shakespeare-Komödien laufen auf Hochzeiten hinaus, Shakespeare-Tragödien auf Todesfälle.

Damit es hingegen heute eine Komödie bleiben kann – erläutert Katherina nicht, aber sie sorgt dafür –, dürfen die Männer in diesem Fall den Abend nicht überleben. Es geht nicht anders. Nur Gremio, Ulrich Cyran, hat sich beizeiten in eine Witwe verwandelt und kommt davon. Jetzt steht er bei den anderen beiden Frauen, Katherina und Bianca, und sagt: Ups. Der Vater, der seine Töchter nett und beinhart verkauft hat, Rainer Frank als gemütlicher Altrocker im aufgeknöpften Gevatter-Tod-Kostüm, ist hingegen verloren, ebenso die drei Bräutigams: Petruchio, dem Klaus Köhler so viel Modernität und Ironie mitgibt, dass man ihm erst auf die Schliche kommen muss, Hortensio, den Simon Braunboeck einen Simpel und Mitläufer sein lässt, sogar Lucentio, der doch auch bei Mark Ortel ein wahrhaft liebender Mann zu sein scheint. Das letzte, was sie im Leben tun, ist das Erzählen von zotigen Männerwitzen reihum. Es ist nicht auszuschließen, sogar wahrscheinlich, dass solche Witze kursieren, auf solche Witze kann man nicht kommen, als normaler Mensch. Pech für die Witzbolde, dass das Inszenierungsteam aus Frauen besteht und eine Schauspielerin, Gesa Geue, die ausgerechnet die angepasste Bianca spielt, Zusatztexte verfasste.

Am Staatstheater Mainz wird dafür gesorgt, dass jeder vernünftige Mensch diese Männer verabscheut und dass ihnen dann zur allgemeinen Erleichterung etwas Fatales in den Drink getropft wird. Allgemeine Erleichterung angesichts eines vierfachen Giftmordes? Der Abend geht insofern an die Substanz.

Aber der Reihe nach. In Rheinland Pfalz gilt seit Kurzem „2G plus“, wobei die Anzahl der Getesteten einerseits begrenzt wird – bei zugleich voller Saalbelegung –, andererseits je nachdem Folgen für den Ablauf hat. Bei der sehr gut besuchten Premiere im Kleinen Haus waren lediglich acht Getestete im Publikum – imposant wenige und viel weniger, als es hätten sein dürfen –, so dass Intendant Markus Müller eingangs die Maskenpflicht während der Vorstellung aufheben durfte. Wird da ein gewisser ethisch-moralischer Druck erzeugt, sich impfen zu lassen, um das Miteinander für alle wieder angenehmer zu machen? Durchaus.

Die Bühne von Bettina Kirmair besteht vornehmlich auf mehreren rosafleischfarbenen Vorhängen hintereinander, lebhafte Vorhänge, die die von ihrer Männlichkeit berauschten Männer zunächst an- und einsaugen wie ein Monster-Organismus. So wollen wir es einmal ausdrücken. Die Männer sind in der Inszenierung von Stephanie van Batum daraufhin total in Panik. Katherina hat das Sagen, Lisa Eder, grandios der Freiheit und Frechheit hingegeben, eine Nibelungenlied-Brünnhilde, eine archaische Göttin und aktuelle Bitch (im Trash-Kostüm von Janine Dollmann), die noch dazu nicht auf den Mund gefallen ist. Sie bekommt kecke Einlagen, ebenso wie ihre Schwester Bianca, die ihr Weltbild analog zu heutigen konservativen Weltbildern mit dem Trotz derer verteidigt, die die Gegenargumente kennen.

Hier wird mit Klischees gespielt, mehr noch in der vom Vater moderierten Herzblatt-Show, bei der sich die Junggesellen um Bianca bewerben können. Das leichte Überdrehen der Schraube macht es lustiger und übler zugleich. Der ganze Abend ist eine grelle Offensive – dahinter die Theorie, vorne aber das Theater, auch Shakespeares flotte Verse –, mit der das Ensemble noch dazu glänzend gelaunt viel anzufangen weiß. Ein Vorstoß auf uraltes Kampfterrain, nur dass die Frauen nicht stillschweigen.

Der Hashtag Metoo wird aufgerufen, aber er nutzt dermaßen nichts, dass es beunruhigend ist. Wie auch die bizarr gezeichneten Männer unangenehm glaubwürdig sind. Es soll penetrant sein und ist penetrant, zwei temporeiche Stunden lang bis zum Komödienende.

Staatstheater Mainz: 13., 19., 26. Oktober, 5., 6. November. www.staatstheater-mainz.com

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