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„Der Vorfall“ in Mainz: Das große Tabu

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Von: Judith von Sternburg

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Hannah von Peinen als Sandra, rechts Linda, Katharina Hackhausen. Foto:Andreas Etter
Hannah von Peinen als Sandra, rechts Linda, Katharina Hackhausen. © Andreas Etter

Deirdre Kinahans Stück „Der Vorfall“ in Mainz erzählt von einer Frau, die ihren Vergewaltiger wiedertrifft.

Das Theaterstück „Der Vorfall“ der Irin Deirdre Kinahan von 2018 folgt genau der Schablone eines solchen Vorfalls. Aber während man noch denkt, wie schablonenhaft das alles vor sich geht, ahnt man, dass es eben genau so ist. Darum ist das die Schablone. Die Figuren kommen nicht raus. Die Menschen im Leben kommen nicht raus.

Die Vergewaltigung, der Vofall, liegt schon viele Jahre zurück, Sandra hat nie darüber gesprochen, ist verheiratet und glücklich. Manchmal hat sie Panikattacken, das Ehepaar hat sich damit eingerichtet, Ray ist verständnisvoll. Als der Verkauf von Sandras Elternhaus ansteht, kehren beide in ihre alte Heimat zurück, die Immobilienmaklerin, Linda, ist eine Bekannte von früher. Sie hat den Mann geheiratet, der damals einer der Täter war. Eddie. Sandra erkennt ihn nicht gleich, dann erkennt sie ihn. Jetzt kommt die Schablone: Eddie leugnet zunächst alles, dann leugnet er, dass es eine Vergewaltigung war. Ray und Linda sind zuerst auch ungläubig, Linda länger als Ray. Ray haut Eddie eine runter, aber es trifft ihn schwer, dass er nichts davon wusste, dass Sandra all die Jahre geschwiegen hat. Linda ist in erster Linie, ist ausschließlich damit befasst, Sandra zum Schweigen zu überreden (die Familie, der Ort, es wäre eine Katastrophe, Eddie und Linda haben zwei Töchter).

Linda bekommt aber auch eine Wutanfall gegen Männer, man kann nicht behaupten, dass sie Männern nicht alles zutraut, auch Eddie, aber es hilft eben nichts. Anlass für Lindas Wutanfall ist ausgerechnet Sandras alte Freundin Dairne, die früher ein Junge war. Denn auch die bizarre Konkurrenz zwischen Frauen und Transsexuellen über die jeweilige Opferrolle in einer Männerwelt wird noch eingebaut.

Zu viel also? Im Theater, was soll man sagen, ist es leise wie selten. Nur die einschlägigen Argumente schallen einem in den Ohren. Ist Sandra sich sicher, dass es wirklich Eddie war? Sandra wollte es doch auch. Sandra war doch total betrunken. Eddie war doch total betrunken. Auch Eddie hat sich danach schlecht gefühlt.

Auch entwickelt Autorin Kinahan den Fortgang der Begegnung bei aller Direktheit kunstvoll. Und sie beantwortet, indem sie mehrere Versionen erzählt, die Frage, ob es besser für alle gewesen wäre, hätte Sandra weiter geschwiegen, mit Bitterkeit: Ja, vermutlich wäre es zumindest angenehmer für alle gewesen. „Der Vorfall“, ein Tabu sondergleichen.

Die Deutsche Erstaufführung am Staatstheater Mainz, in 90 Minuten durchgespielt, wird von Kathrin Mädler als konzentriertes Konversationsstück präsentiert. Das Elternhaus – vorne ein Schlafzimmer, hinten sind Wohnzimmer und Bad zu ahnen – ist vom vagen Charme vergangener Jahrzehnte geprägt, aber nicht überladen, Ausstatterin Mareike Delaquis-Porschka und Mädler platzieren Statistinnen in Prinzessinnenballkleidern hier und dort, die Gespenster der Vergangenheit. Erst sieht man sie in der Vorfreude auf den Abend – sich auf einen schönen Abend zu freuen, eine der rührendsten Seiten in einem jungen Menschen –, in abgrundtiefer Erschlagenheit danach.

Im Vordergrund das Quintett, Erwachsene, die man sich kaum noch als Prinzesschen vorstellen kann: Hannah von Peinen ist Sandra. Wenn dieser Sandra so etwas passieren kann, dann kann es jeder passieren. Katharina Hackhausen ist die Immobilienmaklerin, das penetrant tiefe Dekolleté macht sie nicht unglaubwürdiger. Wie die Schablonen im Text ist die Typisierung der Figuren (leider) eher unverblümt als vereinfachend. Klaus Köhler ist der grundanständige Ray und, ja, so sieht er auch aus, Vincent Doddema ist der Vergewaltiger Eddie, dem es man es nicht ansieht (wie auch). Isa Weiß macht das Beste aus Dairne, am ehesten eine Kunstfigur, aber mit Würde.

Staatstheater Mainz, Kleines Haus: 20. Mai, 13., 27. Juni. www.staatstheater-mainz.com

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