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„Der Vater“ in Wiesbaden: Die Angst und die Langeweile

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Von: Judith von Sternburg

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Sieht harmlos aus, ist es aber nicht: Anne Lebinsky und Rainer Kühn in „Der Vater“.
Sieht harmlos aus, ist es aber nicht: Anne Lebinsky und Rainer Kühn in „Der Vater“. © Karl und Monika Forster

Am Staatstheater Wiesbaden wird Strindbergs „Der Vater“ recht plakativ abgehandelt, und es gibt eine klare Gewinnerin.

August Strindbergs Stück „Der Vater“, 1887 uraufgeführt und der misogynen Haltung des Autors wegen berüchtigt, kann man als ätzende, hemmungslos parteiische Schilderung einer ganz bestimmten katastrophalen Ehesituation behandeln, wobei Strindberg selbst natürlich Gesellschaftspolitik mit seinem Privatleben betrieb. Die auf Demütigung und Zerstörung ausgerichteten Dialoge, die Vivisektion einer Beziehung, lassen einem gleichwohl das Blut in den Adern gefrieren.

Evgeny Titov entscheidet sich im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden jedoch für die brachiale Variante, in seiner Fassung wird das Drama zum allgemeinen theoretischen und praktischen Kampf der Geschlechter hin aufsprengt. Und damit es ja keiner verpasst, wird auch das Bühnenbild aufgesprengt. Duri Bischoff und Florian Schaaf haben es zunächst gediegen eingerichtet, Bücherregale, Teppiche, Jagdtrophäen, der Widerschein eines Kaminfeuers. Die Sessel so thronartig pompös, dass Ironie ins Spiel kommt. Und dass überm Kamin Rembrandts „Die Opferung Isaaks“ hängt, weckt Misstrauen, wenn auch in die falsche Richtung. Klar ist aber: Die Familie ist ein mordsgefährlicher Ort. Er reibt die Seele auf und ruiniert den Verstand.

Auf zwei der Thronsessel, am Kamin, mit Sherry, vorerst der Rittmeister, Rainer Kühn, und der Pastor, Peter Clös. Sehr lange schweigen sie uns an. Ein Bild männlicher Selbstgenügsamkeit in einer überholt, um nicht zu sagen: erledigt wirkenden, aber behaglich eingerichteten Welt. Endlich geht im Zuschauerraum doch noch das Licht aus, die Herren verständigen sich kurz, der Ton ein wenig exaltiert, weil der Abend mit dem Bürgerlichen und dem Psychologischen wirklich nichts anfangen kann und will.

Dann kommt Anne Lebinsky, Rittmeisters Frau, in ihrem Fahrwasser Tochter Bertha, Maria Wördemann, und es wird ungemütlich. Lebinsky: zeitlos chic (Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer), mit dem aggressiven Lachen von Frauen, die sich gerade noch beherrschen, aber das soll auch jeder merken. Wördemann: eine modelhafte Projektionsfläche der eiskalten, messerscharfen Frau, eine Männerfantasie für Lüste und Ängste, wobei sich die Ängste als berechtigter erweisen.

Knapp wird noch eben die Strindberg-Thematik umrissen: Es geht um die Macht der ansonsten machtlosen Mutter, die im eskalierenden Elternzank über den Berufsweg der Tochter – Künstlerin (Mutter) oder Lehrerin (Vater) – nur eine Karte ziehen kann und zieht: dass der Rittmeister womöglich gar nicht Berthas Vater ist. Das sitzt. Rainer Kühn leidet eine Weile zwischen der verbitterten Frau, die er gleichwohl beiläufig (machtbesessen) begehrt, der eisigen, unverbindlichen Tochter und der Amme, Ingrid Domann, die wiederum das Stereotyp der gefährlichen Mutter ist. Ihr fällt es leicht, den sofort regredierenden Rittmeister in die Zwangsjacke zu locken.

Der Befreiungsversuch – für das Theater endgültig heraus aus einem Text, mit dem es offenbar wenig anfangen kann, für den Rittmeister heraus aus bedrängter Lage – führt direkt durch das repräsentative Bücherregal, durch das Kühn sich schlägt. Es stürzt dann um, dahinter eine gleißend helle Irrenhauskammer.

Der Text wendet sich zunehmend einer Collage zu, die die Frauenfeindlichkeit aus abgrundtiefer Angst und den Männerhass aus ebenso großer Langeweile und Unterforderung heraus zu entwickeln scheint und sich mit dem Plakativsten begnügt. Nein, die Zwangsjacke reicht noch nicht, es reicht nicht, dass er in der Ecke kauert. Entmannt muss er werden, und das Blut spritzt.

Es hat Pfiff, dass die kalte Tochter davon am Ende erwärmt wird und zum Schlussbild als Künstlerin das Blut als Wandfarbe für ihr erstes Werk nutzt. Die Mutter hatte recht, Strindberg aber auch, gehen die Frauen doch über Leichen. Insofern steckt hinter dem Pfiff ein fades Patt.

Staatstheater Wiesbaden: 24., 25. Februar, 5., 8., 13. März. www.staatstheater-wiesbaden.de

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