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Da zeigt sie sich, die Liebe in Puschkins „Schneesturm“, aber ein außergewöhnliches Hindernis wartet schon: Ksmia Ryzhkova (r.), hier mit Vladimir, Jonah Cook. Foto: Yan Revazov
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Da zeigt sie sich, die Liebe in Puschkins „Schneesturm“, aber ein außergewöhnliches Hindernis wartet schon: Ksmia Ryzhkova (r.), hier mit Vladimir, Jonah Cook.

Ballett im Livestream

„Der Schneesturm“ aus München: Die Frau, die aus Versehen den Richtigen heiratet

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Das Staatsballett aus München sendet Andrey Kaydanovskiys straffes Handlungsballett nach Puschkins Erzählung „Der Schneesturm“.

Alexander Puschkin schrieb die Erzählung „Der Schneesturm“, eine von fünf „Geschichten des verstorbenen Iwan Petrowitsch Belkin“, 1830 auf seinem Landgut, als er wegen einer Cholera-Epidemie dort monatelang ausharren musste. Aber nicht deswegen wählte der in Moskau geborene, in Stuttgart und Wien ausgebildete Andrey Kaydanovskiy (seit letzter Saison Hauschoreograf in München) den Stoff für ein netto anderthalbstündiges Handlungsballett.

Eine Pandemie spielt in der kurzen Erzählung keine Rolle, stattdessen die Gewalten der Natur, des Krieges und eine kuriose Hochzeit mit dem Falschen, der dann doch der Richtige ist. Es passiert dauernd etwas in „Der Schneesturm“, so erklärt Kaydanoskiy in einem Pausen-Film, das mache die Sache leichter, für ihn und die Tänzer. Hinzufügen kann man: Dass nicht viel Personal gebraucht wird, ist ein zusätzlicher Vorteil. Der Handlung wird auch folgen können, wer sie vorher nicht nachgelesen hat.

Auf der Seite des Bayerischen Staatsballetts, das „Der Schneesturm“ jetzt im Nationaltheater als Uraufführung (wenn auch vorerst nur als Stream) herausbrachte, kann man sich die Puschkin-Erzählung übrigens von Mechthild Großmann, Staatsanwältin im Münster-Tatort, vorlesen lassen. Ballettchef Igor Zelensky hat auch beim Zusatzmaterial für Zuhause an nichts gespart und die Menschen im Hintergrund agieren, als hätten sie das schon immer getan: einen veritablen Tanzfilm gedreht.

„Marja Gavrilovna war mit französischen Romanen erzogen worden, folglich war sie verliebt“: Puschkins Ton ist ironisch, wenn er von Marjas (Tochter aus gutem Hause) Schwärmerei für Vladimir (Sohn armer Eltern) erzählt. Sie beschließen, heimlich zu heiraten, denn selbstverständlich sind Marjas Eltern dagegen. Doch ein Schneesturm verhindert, dass Vladimir rechtzeitig bei der Kirche ankommt, Marja heiratet also aus Versehen – und weil das Licht so schlecht ist! – einen Fremden. Aus Kummer zieht Vladimir in den Krieg, wird sogleich getötet. Aber die Zeit vergeht, und nach dem Krieg trifft die traurige Marja auf einem Fest Burmin, verliebt sich auf der Stelle – ein Glück, dass sie schon mit ihm verheiratet ist.

Kaydanovskiy und sein Kostümbildner Arthur Arbesser versetzen die in den 1810er Jahren spielende Geschichte weniger ins Heute als in eine gewisse Zeitlosigkeit. Die Kostüme sind eine kühn kombinierte, ziemlich farbenfrohe Mischung, Marjas Brautkleid zum Beispiel könnte ein Haut-Couture-Regencape sein, Burmin trägt damit korrespondierende Plastikstreifen auf dem Anzug. Der originellen Üppigkeit der Kleidung macht das Bühnenbild keine Konkurrenz: Karoline Hogl hat einen simplen Lichtumriss für Marjas Elternhaus entworfen, auch die Kirche besteht nur aus Lämpchen. Und der Schneesturm aus Papierschnipseln und Windmaschine.

Sowie aus Geistern des Sturms, Gestalten ganz in Weiß mit Sturmhauben, die den stolpernden und stürzenden, den verwirrten und verirrten Vladimir umkreisen und bedrängen. Choreograf Kaydanovskiy scheut das Eindeutige und Naheliegende nicht, aber er schafft es, dabei den Ausdruck der Körper nicht melodramatisch oder sentimental werden zu lassen. „Der Schneesturm“ ist außerdem in seiner Bauart ein recht traditionelles Handlungs-, aber kein Spitzenschuh-Ballett. Puschkins ironischer Ton taucht gleichsam in der Bewegungssprache wieder auf. Wie die Familie Marjas, Zofe und Knecht dazu, sich immer wieder zu einem imaginären Foto aufstellt, setzt behutsam Slapstick-Elemente ein.

Kaydanovskiys Marja, die frisch-natürliche Ksmia Ryzhkova, ist, französische Romane hin oder her, eine moderne junge Frau, die ungeliebten Verehrern trotzig widersteht, die ihrem Vladimir (Jonah Cook) auch mal buchstäblich den Kopf zurechtrückt, die sich mit Burmin (Jinhao Zhang) das Recht nimmt, wieder glücklich zu sein. Die Pas de deux sind fein ziseliert, haben eine spielerische Munterkeit und jugendliche Unbefangenheit. Dazu bringt Burmins Freund Belkin, getanzt vom flinken und ausdrucksstarken Osiel Gouneo, das Trauma des Krieges nach Hause. Und holt zuletzt Burmin von Marja weg und in einen neuen Sturm, so dass man zweifeln kann am Happyend.

Auch die Musik dazu wurde uraufgeführt, das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Gavin Sutherland spielte eine Komposition Lorenz Dangels. Teils dramatisch wie Filmmusik, aber wie die Choreografie nicht zu dick aufgetragen, akustische Signale gebend (Trommelwirbel, als Vladimir in den Krieg zieht, Windbrausen, wenn es stürmt), doch nicht bloß die Hörgewohnheiten bedienend.

Man liest, dass bei der Produktion in festen Kleingruppen gearbeitet werden musste, und dass Andrey Kaydanovskiy, sobald das wieder erlaubt ist, noch einmal an der Choreografie feilen möchte, um mehr physischen Kontakt zwischen Tänzerinnen und Tänzern herzustellen. Man hat freilich kaum den Eindruck des zu häufigen und zu großen Abstands. Auch ist erstaunlich, wie gut man sich in das Streamen eines Balletts fügen kann, wenn dies so professionell erfolgt wie hier und man auch jeden wichtigen Blick und jedes Heben einer Augenbraue verfolgen kann.

Bayerisches Staatsballett in München auf staatsoper.tv: Digitale Ballettfestwoche mit täglich einem kostenlosen Stream bis zum 25. April. „Der Schneesturm“ ab 23. April 30 Tage lang als kostenpflichtiges Video-on-Demand.

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