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Marlis Petersen als neue Münchner Feldmarschallin in Barrie Koskys „Rosenkavalier“-Inszenierung. Foto: Wilfried Hösl
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Marlis Petersen als neue Münchner Feldmarschallin in Barrie Koskys „Rosenkavalier“-Inszenierung.

Bayerische Staatsoper

„Der Rosenkavalier“ in München: Jedes Ding hat seine Zeit

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Barrie Kosky beschert München nach 50 Jahren einen neuen „Rosenkavalier“.

Das ist eine Zeitenwende für das Münchner Publikum, aber der Regisseur Barrie Kosky denkt niemals klein genug, um nicht auch allen anderen etwas unbedingt Neues zu bieten. Auch wenn man es zuerst womöglich gar nicht merkt. Der Druck und die Lust mögen groß gewesen sein, Otto Schenks ultimativem „Rosenkavalier“ – die Premiere war im April 1972 – etwas entgegenzusetzen. Das ist einerseits nicht möglich, andererseits: da schau her!

Die Zeit, das sonderbare Ding, dominiert alles, im Werk von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal und in Koskys Neuinszenierung für die Staatsoper, die vorerst als Liveübertragung über die Bühne gehen muss. Gespielt wurde für die Premiere, auch dies zeitgebunden, um die Abstandsregeln im Orchestergraben einhalten zu können, eine Fassung des gegenwärtig besonders hoch im Kurs stehenden Komponisten Eberhard Kloke für eine kleinere Besetzung. Dass Kloke sich dafür an „Ariadne auf Naxos“ orientierte, unter anderem mit ausgeprägtem Klaviereinsatz, ist zwar trotzdem gewöhnungsbedürftig, hat aber einen starken Reiz, indem schon eine Strauss-Temperatur entstehen kann, eben eine frischere.

Sie passt ausgezeichnet zu Vladimir Jurowskis behendem Dirigat – der künftige Generalmusikdirektor mit einem insofern fulminanten Start am Haus – , in dem Süße, Leichtigkeit, maximale Beweglichkeit keinen Widerspruch darstellen. Sie passt auch ausgezeichnet zu der jungen Besetzung mit Marlis Petersen bei ihrem grandiosen Debüt als Feldmarschallin und Christof Fischesser als Ochs.

Jetzt kann man sich zwar die Frage stellen, ob man selbst inzwischen einfach zu alt ist. Tatsächlich aber haben sich die Zeiten geändert. Ochs muss kein abgehalfterter alter Mann sein, um Sophie zu entsetzen. Fischesser singt auch überhaupt nicht als röhrender Buffo, sondern mit einem großen, weichen Bass, mit schönen, geschmeidigen Höhen und vorhandenen Tiefen.

Die Feldmarschallin wiederum muss keine große ältere Dame sein, um Octavian an Sophie zu verlieren. Petersen macht sich nicht älter und seriöser, als sie ist, ihr Sopran strahlt immer noch jugendlich hell, traumhaft die Sicherheit in Stimme und Bewegung. Im ersten Akt ist eine Verführerin in einem Hauch von Negligé zu sehen, die Octavian gewiss nicht allein mit ihrer (selbstverständlich vorhandenen und beeindruckenden) Persönlichkeit gewonnen hat.

Die Zeiten haben sich geändert, und auch weiterhin wird an der Uhr gedreht. Kosky, Bühnenbildner Rufus Didwiszus und Kostümbildnerin Victoria Behr haben sich dazu eine wirkungsvolle Umgebung einfallen lassen, die für das quirlige Personal alles maximal flexibel hält.

Zu Aktbeginn schlägt jeweils die Stunde: Eine Standuhr im Schlafgemach der Feldmarschallin, in dem prächtig silbrige Wände und Pflanzen das Herz von Ausstattungsfreunden sowie -freundinnen erfreuen und zugleich betrügen (denn eigentlich ist gar nicht so viel zu sehen).

Ein altmodischer Wecker im Haus des Herrn von Faninal: Er steht an Sophies Bett. Die frisch geadelten Faninals haben bereits fleißig Alte Meister gekauft, so dass der Raum einem Museum gleicht, zugleich trägt man sich hier schon ziemlich zeitgenössisch-bürgerlich. Johannes Martin Kränzle macht aus Sophies Vater in seiner fabelhaften Lebhaftigkeit einen Spießer der Extraklasse und singt einen Gala-Faninal. Sophie, Katharina Konradi, platzt ihrerseits vor Lebenslust, Kosky zeigt hier eine lupenreine, fast schon grelle Familienkomödie und lässt als besonderen Gag eine silberne Kutsche (in Form und Wahnsinn mit einem München-, nämlich Ludwig-II-Bezug) auffahren. Die Pferde sind so gut wie echt.

Die Formulierung, dem Affen Zucker zu geben, ist für solche Situationen geschaffen worden, und wer sich das erste Zueinander von Sophie und Octavian eher überirdisch magisch und ganz inniglich vorstellt, wird hier vielleicht nicht gleich überzeugt sein. Allerdings wissen Konradi und Samantha Hankey stimmlich zu beglaubigen, was nun die Stunde geschlagen hat. Es ist die Stunde der Liebe.

Eine Kuckucksuhr in der Wirtschaft des dritten Aktes, hier ein Theater, denn das ist es, was für den dummen Ochs von Lerchenau nun gespielt wird. Man begreift, dass erneut Zeit vergangen ist, wir sind im Hier und Heute, der Zuschauersaal spröde provinziell, das Stück schierer Boulevard. Im dritten Akt pflegt dem „Rosenkavalier“ zunächst die Luft auszugehen, zu lange dauern die Vorbereitungen für die erwartbare Blamage des Hornochsen. Kosky zeigt jedoch, was er kann, und gibt dem Hin und Her solchen Schwung und lässt den Ochs so munter auf dem Tisch tanzen und so chaplinesk kokettieren, dass die Zeit verrast.

Bis sie zum Finale wieder stehenbleibt. Die Feldmarschallin hat weitgehend durch ihr bloßes Vorhandensein die Situation bereinigt, Marlis Petersen in extravagantem Schwarz, aber eine Frau am Ende höchstens eines Lebensabschnitts (und vielleicht doch nicht einmal des wichtigsten). Die Liebenden entschweben buchstäblich, das hat man noch nicht gesehen. Aber die Musik verträgt das alles, die Ironie und den tiefen Unernst, die eine überbordende Bebilderung immer mit sich bringt. Sie bekommt dem Leben und der Kunst. Auch geht es im „Rosenkavalier“ nicht um alles, sondern bloß um die Liebe.

Die Liebe: Cupido ist auf der Bühne allgegenwärtig, ein zarter Greis in Boxershorts und mit Flügelchen, die bessere Tage gesehen haben. Eine melancholische Setzung: Die Liebe ist nicht ewig jung, sie ist ewig alt. Aber man sollte sie nicht unterschätzen, und Kosky auch nicht. Eher hätte man nun die Vorstellung, dass am Ende die Uhren wieder vorwärts jagen werden, aber die Liebe hat anderes vor. Cupido schnappt sich einen Zeiger, bricht ihn ab und hat den Pfeil in der Hand. Und die Zeit bleibt endlich für immer stehen, wirklich.

Das Video findet sich noch bis zum 19. April in der Arte-Mediathek auf Arte Concert und wird auch für staatsoper.tv, die Video-Seite der Bayerischen Staatsoper, vorbereitet.

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