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Im Netz des Kaisers.

Oper am Rhein

Der müde Tod

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Viktor Ullmanns Meisterwerk „Der Kaiser von Atlantis“, jetzt an der Oper am Rhein in Düsseldorf zu erleben.

Angesichts der Qualität, Bedeutung und Entstehungsgeschichte des „Kaisers von Atlantis“ erscheint es nahezu sinnlos, noch über Oper zu sprechen oder nachzudenken, ohne das letzte Werk von Viktor Ullmann ständig miteinzubeziehen. Bevor der 46-Jährige zusammen mit seinem 25-jährigen Librettisten Peter Kien – und auch dessen Familie und auch den Komponisten Hans Krása und Pavel Haas – im Oktober 1944 auf einem „Künstlertransport“ von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde, überließ er das Material einem Vertrauten. Aber erst 1975 kam es in Amsterdam zur Uraufführung (einer Fassung) des Werkes.

Sich den dann abgebrochenen Probenverlauf im Lager Theresienstadt, in dem die Nazis Kultur als Aushängeschild zuließen, vorzustellen, ist praktisch unmöglich. Aus zynischster Prahlerei, als deutsche „Kulturnation“ die schönen Künste auch der nächsten Mordopfer zu befördern, erwuchs aber ja tatsächlich große Kunst. Die Wendung „aus der Not geboren“ bekommt hier eine fundamentale Bedeutung. Zugleich, das dokumentiert das Programmheft zur aktuellen Aufführung in Düsseldorf, war der Schwung der Akteure groß. Gezeigt wird hier beispielsweise eine Folge von zynischen, aber auch witzigen Cartoons, auf denen Kien zeichnete, wie zwischen Werk und Aufführung ersteres immer mehr verändert und zurechtgeschnitten wird („der Regisseur hat eine Idee“, schnipp, dann tritt die Zensur heran, schnapp), so dass da am Ende etwas ganz anderes steht.

Die Zensur: Die Macher und das kleine Ensemble müssen sich in höchster existenzieller Angst gefragt haben, wie weit sie gehen durften, ohne den Beteiligten zu schaden. Die lodernde Aktualität des aber vielschichtigen „Kaisers von Atlantis“ erschließt sich unmittelbar. Kaiser Overall, begleitet von der in Moll gewendeten Deutschlandlied-Melodie, proklamiert in seinem Hochmut den „Krieg aller gegen alle“, aber dem Tod ist diese Maßlosigkeit zuwider. Er verweigert den Dienst. Die Soldaten staunen nicht schlecht (Verwundungen tragen sie dennoch davon). Overall versucht zwar, die Abschaffung des Todes als eigenen Coup darzustellen (schon sind wir im postfaktischen Zeitalter), aber auf Dauer ist die Situation unhaltbar. Die Soldaten revoltieren, der Tod nimmt seine Arbeit erst wieder auf, als Overall bereit ist, ihm als erster zu folgen.

Dazu Ullmanns Musik zwischen Mahlers „Lied von der Erde“, Eislers aggressiver Munterkeit und einem kecken (todesmutigen) Umgang mit Zitaten: Auch ohne die ungeheuerlichen Umstände seiner Entstehung wäre „Der Kaiser von Atlantis“ ein (nur einstündiges) Meisterwerk. Die Produktion an der Oper am Rhein in Düsseldorf kann davon vor allem musikalisch, aber in einer klugen, dezenten Inszenierung auch szenisch überzeugen: Scharf und straff lässt GMD Axel Kober das kleine Orchester aus dem Graben blitzen, funkeln, knattern. Ausstatterin Emine Güner greift die Angespanntheit mit einem über die ganze Bühne gezogenen Schnüre-Objekt (wie ein greifbarer Lichtdom, insofern monströs), in dessen Mitte Overall thront oder wie eine Spinne im Netz sitzt oder Gefangener seines eigenen Systems ist. Die futuristisch-clownesken Kostüme legen sich hingegen auf nichts fest, auch die Inszenierung von Ilaria Lanzino bleibt offen, ohne unverbindlich zu sein.

Klar wird, dass Overalls Hof aus Pappmännchen besteht: Die Statisten schweigen und buckeln, es singen Thorsten Grümbel als aufgedrehter Lautsprecher und Kimberley Boettger-Soller als stoischer Trommler, aparterweise (vielleicht durch die Situation erzwungen) eine Altpartie. Overall selbst ist der markante Bariton Emmet O’Hanlon, den die Regisseurin als durchaus zweiflerische, zagende Figur zeigt: Hinter der Goldfarbe im Gesicht ein Mensch wie der Soldat und das Mädchen, Sergej Khomov und Anke Krabbe.

Am menschlichsten aber sind das Leben und der Tod: das Leben der gleißende, durchschlagende Tenor und Harlekin David Fischer, der Tod der sanfte Finsterling Luke Stoker, der sich nach der Arbeitsniederlegung am Rand der Bühne häuslich niederlässt. Dass beide am Ende erstrahlen, die Arbeitskleidung (schwarzes Cape, Rautenkostüm) wieder wie neu, ist die optimistischste Lesart, die sich hier bietet: Leben und Tod können weitermachen wie immer.

Wir gehen übrigens davon aus, dass heute jede Schulabgängerin und jeder Schulabgänger im Lande im Unterricht Gelegenheit hatte, sich einmal mit dem „Kaiser von Atlantis“ zu beschäftigen, und weiß, wer Viktor Ullmann ist. Es kann gar nicht anders sein.

Oper am Rhein in Düsseldorf: 27. September, 3., 8., 10., 16. Oktober, 9., 12., 19. November. www.operamrhein.de

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