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Higgins-Myschkin (vorne links) und Zuhörerinnen.

„Der Idiot“ in Darmstadt

Es liegt einiges an

  • vonMarcus Hladek
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Verweiblicht, verweltlicht: Dostojewskis „Idiot“ am Staatstheater Darmstadt.

Kein Zweifel, Regisseur Andreas Merz-Raykov gönnt seiner Drei-Stunden-Fassung des „Idioten“ im Staatstheater Darmstadt ein Arsenal an Schönheiten. Weil er Dostojewski und seinen Titelhelden Fürst Myschkin aber aus dem Effeff kennt und sich wohl langweilen würde, arbeitet er lieber all das Interessante heraus, das sonst noch so mitläuft. Statt den (natürlich) epileptischen Protagonisten als die eine positive und schöne, noch den Schlimmsten Liebe und Achtung einflößende Christus-Figur zu zeigen, deren Güte sie hell von Dostojewskis sonstigen Nihilisten, Selbstmördern, Fanatikern nebst Teufel-Cameos abhebt, um wie sachter russischer Schneefall in uns nachzuwirken, macht er aus dem christusgleichen „Idioten“ in scharfem Schnitt: eine Frau. Denn besetzt ist der Fürst, der nach Jahren auf einem Schweizer Zauberberg für Nervenkranke an Russlands Mutterbusen heimkehrt, mit Jessica Higgins.

Higgins kann nichts dafür. Und sie spielt Myschkin in solchen Grenzen sehr brauchbar. Ihre schmächtige Gestalt passt zum Helden, dessen fröhlich helles Wesen uns im Westen auch Franziskus in den Sinn bringt. Leicht asexuell war Dostojewskis „Idiot“ ja schon, nur hielt man das dem Jesus-Kern zugute, ohne auszuschließen, sein russischer Wiedergänger hätte die von zwei Frauen geforderte persönliche Liebe doch noch verschenken können, Menschheit hin, Pan-Russen her. Bei Merz-Raykov macht ihn das zur Frau und das Asexuelle zum Vorwurf, da er realen Frauen nicht gerecht wird.

Als weiblicher Russen-Messias reist Higgins-Myschkin von einer verkorksten Familie, einem Verhältnis, einem Gut zum nächsten und hinterlässt überall ihren Stachel. Jan Hendrik Neidert und Lorena Díaz Stephens (Bühne, Kostüme) stellen eine eckig-abstrakte Großform bis hoch zur Bühnendecke auf die Drehbühne, die an den hohlen Triumphbogen „L’Arche de la Défense“ in Paris erinnert. In seinem Beton-Modernismus steht dieser Bau, der nicht unkomisch immer neue Türen nebst Feuerstelle zum Rubel-Verbrennen preisgibt und in dem es sogar schneit, für alle Häuser. Esstische und Frauenkränze zieht er auf sich wie ein Fliegenfänger. Nach der Pause füllt ihn eine Ausrolltreppe mit Hinterbau und Projektionsflächen, die vorher als Lichtleiter wartete, mittendrin bespielt und nachher von Bühnenarbeitern abgebaut wird. Dazu viele hübsche Requisiten.

Brechtisches Finale

In Sachen Kostüme herrschen 19. Jahrhundert plus Verfremdung. Die manifestiert sich in netzartigen Stoffersatz, bevor im Finale alle Akteure brechtisch aussteigen und Haut-Kostüme tragen, um den ollen Dosto von heute aus zu stunt-schmähen. Zwischendurch wandelt Higgins-Myschkin als Holbeins Obduktions-Christus im bemalten Bodysuit einher: ecce Christus, problematisiert.

Wichtig sodann das Musikalische (Timo Willecke), denn wenn das Spiel wie eine Tschechow-Regie von Peter Stein mit lauter kleinen, somatisch getüpfelten Klangzeichen anhebt und Vier-Akter-mäßig Balancen schafft, trägt die Musik zum Tschechow-Effekt viel bei.

Im Roman bricht der „Idiot“ als ein Don Quixote an einer heillosen Welt; hier hechelt er Aktualitäten hinterher, weil das Familienalbum mit Frauen (klasse Marielle Layher als Nastassja Filippowna, sehr gut Edda Wiersch als Aglaja, knorrig-sensible Charakterisierung: Karin Klein als Mutter) beim Feminismus als so was von 19. Jahrhundert entlarvt wird. Toll wiederum, wie die Regie bis zur Statisterie die russische Sprache ins Spiel bringt. Unter den Männern gefallen Daniel Scholz als Rogoschin und der geschundene Opportunist Ganja (Robert Lang-Vogel).

Verloren geht ein „Fürst Christus“, dem noch Walter Benjamin zugestand: „Alle Geschehnisse ... besitzen eine Gravitation auf ihn zu, und dieses Gravitieren ... macht den Inhalt des Buches aus.“ Hier weniger so; der religiös-ästhetische Kern zerfleddert eher in Anliegen. Einen Dostojewski nur fast gestemmt zu haben, ist indes kein bisschen ehrenrührig.

Staatstheater Darmstadt, Kleines Haus: 13., 20., 26. September, 3. Oktober. www.staatstheater-darmstadt.de

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