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„Der große Kunstraub“ von Alexander Eisenach: Blätterteig und Platzpatronen

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Von: Sylvia Staude

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Das Ensemble mit Trojanischem Pferd.
Das Ensemble mit Trojanischem Pferd. © Robert Schittko

Alexander Eisenachs „Der große Kunstraub“ im Bockenheimer Depot.

Die „Stückentwicklungen“ (mit diesem Begriff werden die Abende angekündigt) des Regisseurs Alexander Eisenach sind Wundertüten, Überraschungseier. Handlung und Stringenz? Eisenach pfeift darauf. Dafür gibt es Blödelei, die es zwischendurch plötzlich ernst meint. Gibt es Jux auf niedrigem Niveau. Auch Jux auf hohem Niveau, der die Kenntnis aktueller Diskurse unbedingt verlangt. Trivial- und Hochkultur sind etwas, das fröhlich gepflückt und geplündert wird, um in einem großen (Ein-)Topf zu landen. Obendrauf kommt dann noch ein Klecks, in dem das Theater sich selbst spiegelt. In der Science-Fiction-Parodie „Eternal Peace“ war das eine kleine Publikumsbeschimpfung. Im neuen Abend „Der große Kunstraub“ wartet das Ensemble zuletzt darauf, dass das Publikum mit Zugucken fertig wird. Gern dürfen wir uns Zeit lassen.

Die Uraufführung von „Der große Kunstraub“ musste zweimal verschoben werden; dafür startet das Stück nun in eine sich entspannende Zeit. Das Schauspiel Frankfurt bespielt damit wieder einmal das Bockenheimer Depot, aus dessen Höhe sich Darsteller abseilen – „Mission Impossible“ lässt grüßen –, aus dessen Tiefe ein trojanisches Pferd hereinrollt. Denn wenn es bei Alexander Eisenach um Kunstraub geht, geht es nicht nur um Nazi-Raubkunst. Es geht schon mindestens um alles, um alle europäischen Beutezüge vom Kolonialismus über Schliemanns Trojaplünderei bis zu Otto Abetz, Bilderdieb im Dienst Adolf Hitlers. Und es geht, hier ist auch schon der aktuelle Diskurs, um das Humboldt-Forum, das aber nicht als Humboldt-Forum auftaucht, sondern als „von Reaktionären“ finanziertes Stadtschloss.

Nicht doch lieber Lacan?

Ins Stadtschloss wollen einbrechen, um ein „weißes Kreuz“ zu stehlen beziehungsweise „den Safe unserer Gewissheiten“ leer zu räumen: Deleuze, Christoph Pütthoff, Foucault, Caroline Dietrich, Derrida, Annie Nowak, dazu Hemingway, Holger Stockhaus. Natürlich merkt auch „Hemingway“ gleich, dass er sich nicht den passenden Decknamen gewählt hat, denn sind die anderen nicht alle Strukturalisten? Darf er sich noch umbennen zu Lacan? Aber nein, beruhigt Deleuze, Schriftsteller ist gut, er soll doch die Geschichte erzählen, Spannung erzeugen.

Hemingway hat sich abgeseilt zu den anderen dreien (und hat bei der Premiere zu kämpfen, ehe er wieder loskommt von den Seilen), man beugt sich über einen Tisch mit Gebäudeplänen, dann ein Modell (Bühne: Daniel Wollenzin). Foucault hat schließlich eine im wahrsten Sinn des Worts zündende Idee, die U-Bahn und eine Sprengung spielen eine Rolle. Sowie die Eröffnung des Stadtschlosses durch Helmut Kohl. Im Kofferraum seiner Limousine soll Derrida reingeschmuggelt werden. Und das weiße Kreuz sekundengenau in den Schoß von Deleuze aka U-Bahn-Fahrer Dieter Grabowski fallen lassen.

Dafür ein Rokoko-Kohl

Helmut Kohl? Holger Stockhaus hat optisch keinerlei Ähnlichkeit und tritt im zierlichen Rokoko-Kostüm auf (Kostüme: Julia Wassner), mit Kratzfuß und Flötenspiel-Pantomime; dafür gibt er akustisch den Kohl-Imitator. Er feiert eine Messe mit Fleischwurst und Gatorade (Kirchenkritik hat ja noch gefehlt, irgendwie). Und verheddert sich in einer Litanei aus Himmelsrichtungen, warum auch immer.

Spätestens jetzt werden Sie sich angesichts der Überschrift vielleicht fragen: Moment, Blätterteig und Platzpatronen?

Das Wort Blätterteig fällt, so schichtet sich nach Meinung der „Sonderermittlerin für Semiotik“ Geschichte. Oder Bedeutung. Oder beides. Sonderermittlerin? Oh ja, denn es gibt auch zwei Kunstraub-Kommissare von der hessischen Polizei, mal cool, mal schwitzend (in einer Sauna) gespielt von Sebastian Reiß und Luana Velis. Und so kommen schließlich die Platzpatronen ins Spiel und in Mengen, denn jeder und jede (inklusive Souffleuse und Musiker Sven Michelson) schießt auf jeden und jede.

Und Alexander Eisenach schießt in diesen zweieinviertel pausenlosen Stunden auf alles, was nicht bei drei von der Probebühne runter war, und schüttelt noch die letzte Raubkunst-Kunstraub-Strukturalismus-Kolonialismus-usw.-usf.-Anspielung raus. Schüttelt das Bernsteinzimmer raus (das ist doch aber zu groß für den Abtransport, zweifelt Deleuze) und die „white supremacy“ (ja nicht, mahnt Derrida), rechte Stadtschloss-Spender und fidele Preußen-Fans. Einen eitlen Schliemann (Stockhaus), dem seine Frau Sophia (Dietrich) schwören muss, dass er der größte Archäologe aller Zeiten ist. Aber sollte der Schatz des Priamos nicht in Griechenland bleiben? Papperlapapp, findet ihr Gatte.

„Der große Kunstraub“ ist manchmal scharf, manchmal herrlich überkandidelt. Aber der Abend verläppert doch auch in einem allzu beliebigen Allerlei. Ja, alles mag auf der Welt mit allem zu tun haben, aber Spannung geht anders. Man hätte Hemingway fragen können.

Schauspiel Frankfurt im Bockenheimer Depot: 19., 21., 24., 28. Februar. www.schauspielfrankfurt.de

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