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Titelheldin Rahel Weiss, hinten Sista Judith Florence Ehrhardt.
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Titelheldin Rahel Weiss, hinten Sista Judith Florence Ehrhardt.

Staatstheater Kassel

„Der goldene Schwanz“ in Kassel: Gut geht es selten aus

  • VonJoachim F. Tornau
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Aschenputtel, nüchtern: Rebbekka Kricheldorfs „Der goldene Schwanz“ erlebte in Kassel seine analoge Uraufführung.

Gesellschaftlicher Aufstieg durch Bildung? Wohlstand durch Leistung? Träum weiter, Aschenputtel. „Dein Problem ist, Kind, dass du in einer Märchenwelt lebst“, sagt die böse Stiefmutter und mahnt zu Realismus: Die einzige Chance, sich aus dem Elend zu erlösen, sei doch der, na ja, Märchenprinz. Will sagen: die reiche Heirat. Der Griff nach dem goldenen Schwanz. Lebensglück durch Liebe? Vergiss es. Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm – so viel Brecht kennt man auch im Hause Thousandbeauty.

Nach 17 Jahren endet am Kasseler Staatstheater dieser Tage die Ära von Thomas Bockelmann. Rebekka Kricheldorfs Aschenputtel-Variante „Der goldene Schwanz“, inszeniert von Schirin Khodadadian, war jetzt als letzte Premiere seiner Intendanz auf der Bühne des Schauspielhauses zu sehen.

Zählt man das Online-Gastspiel bei den Mülheimer Theatertagen im Mai nicht mit, war es sogar eine Uraufführung. Auch wenn diese Spielplangestaltung allein dem Corona-Lockdown geschuldet war: Ein passenderer Schlusspunkt hätte sich kaum setzen lassen. Kricheldorf war so etwas wie die Kasseler Hausautorin, bei niemandem hat der scheidende Intendant so viele Stücke in Auftrag gegeben. Neun, um genau zu sein. Nicht nur einmal setzte sich die Berliner Autorin dabei mit einem Grimm’schen Märchen auseinander. Zum Abschied wagte sie sich nun an eines der bekanntesten. Und gewann.

Sie holt lieber ihr Abitur nach

„Der goldene Schwanz“ – falls die Frage aufkommen sollte: ja, dieser Titel ist genauso vulgär gemeint, wie er klingt – führt die Geschichte von Aschenputtel auf ihren nüchternen Kern zurück. Und betrachtet ihn mit einem feministischen Blick, viel Scharfsinn und jede Menge Witz. Es geht um das weibliche Streben nach Glück und um die Rolle, die Männern dabei zukommen soll. Aschenputtels Stiefschwestern Sis und Sista (Meret Engelhardt und Judith Florence Ehrhardt), zickig, aber instagramgestählt, setzen voll auf ihr „sexuelles Kapital“. Das Ziel: Aufstieg durch Heirat. „Trophäenfrau ist doch ein schöner Beruf.“ Mom, eine desillusionierte Ex-Beautyqueen (Anke Stedingk), hat ihnen beigebracht: Schon an einem einzigen goldenen Schwanz könnte sich die Patchworkfamilie Thousandbeauty emporziehen. Nur Aschenputtel (zugleich derb und treuherzig: Rahel Weiss) möchte da nicht mitmachen. Sie, im blauen Arbeitsanzug und ständig etwas reparierend, holt gerade das Abitur nach, will ein selbstbestimmtes Leben führen, auf Augenhöhe mit einem Partner.

Und so konkurrieren sie um Prinz (Aljoscha Langel), einen gealterten ehemaligen Teenie-Filmstar, der sich dann doch nicht ganz als das entpuppt, was die Frauen in ihm sehen. Oder sehen wollen. Dad (Jürgen Wink) hat zu alledem nicht mehr beizutragen als ein gelegentliches „Äh“, und am Ende liefert sich die Familie einen gehässigen Wettstreit, was nach dem „und wenn sie nicht gestorben sind“ folgen wird. Spoiler: Gut geht es selten aus.

Kricheldorf, sprachgewandt wie gewohnt, hat ein pointensattes Stück geschrieben, leichtfüßig surfend auf der an Anglizismen und Achtsamkeitsfloskeln reichen Diskurssprache der Gegenwart. Das ist komisch, aber nie hämisch, nie denunzierend. Khodadadian zeigt es auf engem Raum, zwischen Gerüstteilen, Maschendraht und abblätternder Blumentapete; die von Daniel Roskamp gestaltete Bühne ist eine Mischung aus Abbruchhaus und Hühnerstall respektive Taubenschlag. Denn auch ohne Ruckediguh kommt den Tauben – oder der Taube, man weiß es nicht so genau (Eva-Maria Keller) – eine tragende Rolle zu, als Erzählerinnen mit Neigung zur Dramatik, als feministische Lehrmeisterinnen.

Es ist nicht besonders originell, derzeit das fehlende große Publikum zu vermissen. Trotzdem: Dieses Stück, diese Inszenierung hätte einen vollen Saal verdient gehabt. Er hätte getost.

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