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Ein Ensemble im Ringen mit dem Morast.
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Ein Ensemble im Ringen mit dem Morast.

„Der Funke Leben“

„Der Funke Leben“ in Kassel: Todeskampf und Überlebenswillen

  • VonJoachim F. Tornau
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Lars-Ole Walburg bringt den KZ-Roman „Der Funke Leben“ von Erich Maria Remarque in Kassel auf die Bühne.

Sie rennen, sie stürzen. Sie drängen sich zusammen, ängstlich und wachsam; die, die noch am stärksten sind, schützen die Schwächsten. Sie tänzeln, kraftlos und irre, tasten sich vorwärts, rutschen aus, immer wieder. Und der tiefe morastige Boden färbt ihre Kleidung und ihre Gesichter immer schmutziger, fast bis zur Ununterscheidbarkeit.

Es dürfte kaum einen Theatermacher in Deutschland geben, der sich mit dem Werk von Erich Maria Remarque so intensiv auseinandergesetzt hat wie Lars-Ole Walburg. In Hannover, wo er zehn Jahre als Intendant das Schauspiel leitete, brachte Walburg gleich drei Romane des zumeist auf den Antikriegsklassiker „Im Westen nichts Neues“ reduzierten Schriftstellers auf die Bühne. Im vergangenen Jahr sollte in Oberhausen eine Bühnenfassung von Remarques 1952 veröffentlichtem KZ-Roman „Der Funke Leben“ folgen.

Doch wegen Corona musste die Uraufführung ausfallen. Jetzt wurde sie am Kasseler Staatstheater nachgeholt – mitgebracht, wenn man so will, von der neuen Kasseler Schauspieldirektorin Patricia Nickel-Dönicke, die zusammen mit mehreren Ensemblemitgliedern aus Oberhausen nach Nordhessen gewechselt ist. Remarque erzählt in seinem Roman von einem fiktiven nationalsozialistischen Konzentrationslager in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Von Gefangenen, die, weil nicht mehr arbeitsfähig, eigentlich dem Tod geweiht sind. Von sadistischen SS-Leuten. Und vom Herannahen der Alliierten, das die Verhältnisse umzukehren beginnt: Was beim Wachpersonal Unruhe auslöst, weckt bei den Lagerinsassen den Mut zum Widerstand und lässt sie an etwas denken, was jahrelang undenkbar war: an ein Leben nach dem KZ.

Walburg stellt in seinem 100-Minüter die Opfer, ihren Todeskampf und wiedererwachenden Überlebenswillen in den Vordergrund. Doch richtigerweise versucht er gar nicht erst, das Erzählte nachspielen zu lassen. Gefangen im scheinbar hoffnungslosen Ringen mit dem Morast, der alles zu beherrschen scheint, trägt das fünfköpfige Ensemble Romanpassagen vor, die nah am Original bleiben, beklemmend untermalt von Martin Engelbach an Konzertflügel, E-Gitarre und Schlagzeug.

Es ist gerade diese inszenatorische Zurückhaltung, die besonders eindringliche Bilder entstehen lässt – für die Entmenschlichung und Entindividualisierung im Lager, aber auch für die Solidarität unter den Insassen. Und über aller Düsternis schwebt eine schwankende Spiegelfläche, die das Geschehen unsicher reflektiert (Bühne: Andreas Strasser). Geschichte und Erinnerung, mahnt uns das, sind nie in Stein gemeißelt. Sondern immer umkämpft.

Den etwas pädagogischen Ausklang des Abends hätte es da gar nicht mehr gebraucht. Vom rechten Kampfbegriff des „Schuldkults“ ist auf bühnenhoch projizierten Texttafeln zu lesen, und es wird erklärt: „Mit der Verdrängung der NS-Zeit werden nationalistische politische Ziele angestrebt.“ Das ist zwar unbestreitbar richtig. Aber, vorsichtig formuliert, auch ein wenig überdeutlich.

Schauspielhaus , Kassel: 6., 9., 14. und 19. November. www.staatstheater-kassel.de

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