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„Der Freischütz“ am Nationaltheater Mannheim: Die Überlebenden

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Von: Judith von Sternburg

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Samiel alias Melisa in der dystopischen Mannheimer „Freischütz“-Welt. Foto: Christian Kleine
Samiel alias Melisa in der dystopischen Mannheimer „Freischütz“-Welt. © Christian Kleine

Zurück zur Naturwissenschaft: Der „Freischütz“ in Mannheim gestaltet sich etwas verquer.

Carl Maria von Webers „Freischütz“ ist eine reichhaltige Projektionsfläche. Es geht um Psychologie und Gesellschaft, Glauben und Vernunft, aber auch die Gespenstergeschichten-Einsicht, dass es da noch etwas anderes gibt, etwas Dunkles, dem mit Alltagsfrömmigkeit und Alltagsnüchternheit nicht beizukommen ist. Ein Schlaraffenland für die Regie, das der Oper das Überleben in der ersten Reihe des Repertoires gesichert hat, während nach Marschners und Spohrs Werken auch die letzten romantischen Hits des Abonnentenlebens bis in die 1980er Jahre hinein zu Raritäten wurden („Zar und Zimmermann“, „Martha“, „Der Wildschütz“).

Natürlich geht es also um Aufklärung, dass aber ausgerechnet Samiel, Stellvertreter des Teufels, die Stimme der Vernunft sein sollte, dafür muss man schon ein paar Mal um die Ecke denken. Dies hat das Regie- und Konzeptkollektiv Kommando Himmelfahrt (Thomas Fiedler, Jan Dvoràk, Julia Warnemünde) getan und zeigt das Ergebnis am Nationaltheater Mannheim. „Der Freischütz“, eine wichtige Oper für das Haus, gespielt am Abend, als der Vorgängerbau 1943 beim umfassenden Bombardement der Stadt zerstört wurde, gespielt am Abend der Eröffnung des neuen (jetzt vor einer Großsanierung stehenden) Gebäudes, 1957.

Das Kommando Himmelfahrt hatte aber – während anderswo in Europa in einem grauenhaft klassischen Angriffskrieg erneut Theater bombardiert werden – andere, bei der Vorbereitungszeit sicher realistischer wirkende Konflikte vor Augen. „Der Freischütz“ spielt bei ihnen in einer künftigen, bürgerkriegszerstörten Welt, in der der Wald des attraktiven, drehbaren Bühnenbildes von Heike Vollmer die Ruinen eines Kraftwerks (als Wolfsschlucht) sehen lässt. Hier tummeln sich Überlebende in rückwärtsgewandter Dörflichkeit – so dass es fast aussieht wie immer, nur etwas ironischer (Kostüme: Kathi Maurer) – in einer unguten Natur, die sie nicht mehr verstehen. Das Kraftwerk muckt, spotzt und strahlt manchmal, den Menschen so schleierhaft wie vor Urzeiten ein Regenbogen (Video und Sounds: Carl-John Hoffmann).

Die überlebende Forscherin Melisa versucht nun unter dem Anagramm Samiel die Menschen zurück auf den Pfad der Naturwissenschaften zu führen. Kaspar, auf ihrer Seite, zaubert keine Freikugeln, sondern baut effizientere Geschosse. Kurzum scheitert Melisas Plan aber, logisch, steht er doch quer zur Handlung.

Die Schauspielerin Astrid Meyerfeldt bekommt dafür einen großen Sprechpart, was im mit Dialogmomenten durchsetzten „Freischütz“ legitim ist. Aber kürzer wäre klüger gewesen, auch würde man lieber angeregt als abgelenkt. An einem schön aussehenden, vorzüglich beleuchteten (von Nicole Berry) und musikalisch guten Abend.

Christopher Diffey ist ein weniger lyrischer als kraftvoller Max, Viktorija Kaminskaite seine untragische Agathe, denn die psychologischen Abgründe sind auf der Konzeptstrecke geblieben. Seunghee Kho überzeugt als eher silbern als golden zwitscherndes Ännchen, das sich mehr als sonst für Kaspar, den heldisch aufsingenden Bartosz Urbanowicz interessiert. Im Graben rührt Roberto Rizzi Brignoli kräftig an, die Koordination zur Bühne, auch zum exzellenten Chor (Dani Juris) wackelt gelegentlich, aber das wirkt zumindest quicklebendig.

Nationaltheater Mannheim: 17. April, 8., 15. Mai, 6. Juni. www.nationaltheater-mannheim.de

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