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Michael Quast als Referent in der Zeitkapsel. Foto: Wolfgang Runkel
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Michael Quast als Referent in der Zeitkapsel.

Der Fall Nitribitt

„Der Fall Nitribitt – gelöst!“ an der Volksbühne Frankfurt: So, so, so oder so

  • VonMarcus Hladek
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Steile Thesen auf dem Bürgerhaus-Podium: „Der Fall Nitribitt – gelöst!“ mit der Volksbühne Frankfurt.

Eigentlich verspricht Marc Beckers Komödie „Der Fall Nitribitt – gelöst!“, den Mord an Rosemarie Nitribitt im November 1957 aufzuklären. Verlassen sollte man sich darauf nicht. Zwar gibt Beckers skurrile Expertenrunde in der Regie von Matthias Faltz, Ex-Intendant des Landestheaters Marburg, in revueartig loser Struktur brav Antwort auf die Täterfrage. Oder besser gesagt, und da geht es los: Antworten. Plural.

Denn auf die pompöse Ankündigung können sich der kurzsichtige Stadtreferent (Michael Quast), der rationale Kriminalist (Detlev Nyga), die feministische Psychologin (Franziska Knetsch) und der Boulevardpresse-Chauvi (Natanaël Lienhard) gerade noch einigen. Ansonsten gilt: drei Experten, eine Expertin – 21 Täter.

Macht nichts. Der Weg ist das Ziel und eine, laut Untertitel, „steile These“ so gut wie die andere – einer oder 18, Tier oder Mensch, Bürger oder Edelmann, Hurenbock oder Nachbar, auch in Tateinheit. Real vorstellbar wäre solch eine Runde als Podiumsdiskussion im Bürgerhaus. Dazu passt, wie Christian Robert Müller (Bühne) die Szene mit kokett laienhaftem Lokal- und Zeitkolorit vollrümpelt. Die Gebäude-Prospekte zeigen das Hotel Frankfurter Hof und den Tatort Stiftstraße 36 am Eschenheimer Turm, ergänzt um Nitribitts Mercedes 190SL, die dank Onstage-Kamera zu Film-noir-Leben erwachen werden. Eine „Quick“ auf der Videowand verheißt 50 000 DM Belohnung.

Zudem stehen Instrumente bereit, mit denen das Quartett beim Auftritt zur Jazzkombo wird und Michael Lohmanns Lieder spielt. Kaum legt Stadtreferent Theo Gross sein silberglitzerndes Jackett ab (Kostüme: Ina Rettkowski), wird er zum kauzigen Beamten und politischen Weißwäscher. Zwei Koffer öffnet er, Inhalt: neue Fundstücke. Die entfalten bald ihre Zeitkapsel-Dramaturgie, was den Fall Nitribitt mal dokumentarisch, mal satirisch zu referieren erlaubt.

Klang die Band zunächst, mit viel Playback, wie ein freundlich-ranziges Echo des Wirtschaftswunder-Jazz, so macht sie in Person der Psychologin dann auf Girl-Punk oder rappt sich, „voll im Flow“, durch den Casus Nitribitt wie eine Seniorenband mit Frühlingsgefühlen. Beim Sprücheklopfen („Ich bin Geschäftsfrau, Heilige und Drecksau“) übertrumpft sich das Quartett. Sind die Figuren eher flach als tief, so ist es hübsch gemacht, wie verschieden sie die Nitribitt zeichnen.

Nennt Lienhard als Journalist Ronni die Nitribitt frivol „die Edelhure, die es geschafft hat, sich in unsere Köpfe zu bumsen“, so stilisiert Frau Dr. Neumann sie zur Früh-Emanzipierten. Nyga als Detektiv kommt analytisch auf den Hund. Quasts Stadtschranze scheint beim verlegenen Hantieren mit Konzeptkarten daran gelegen, dass ja niemand Konkretes für den Mord einstehen muss.

Zwischen Songs, Verehrerbriefen, Pennälerhumor, Travestie und einer katzbuckelnden Polizei nähern wir uns der Frage, womit es sich das 24-jährige Opfer eines brutalen Mordes verdient hat, von 1957 bis heute als Objekt einer Frankfurter „Whoreploitation“-Folklore herzuhalten. Nitribitt-Sätze wie „Wer nicht mit mir ins Bett will, ist mir nur noch nicht begegnet“ erklären das so wenig, wie der Feminismus das Verschwiemelte rund um die luxuriöse Sexarbeiterin einzuholen vermag.

Lohnt der Besuch? Ja. Schon Faltz als Regisseur einer Klamotte ist es wert. Quast natürlich auch.

Volksbühne im Großen Hirschgraben, Frankfurt: 30. Oktober. volksbuehne.net

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