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„Der Fall Medea“ in der Wartburg: Frauen, die ihre Kinder töten

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Von: Judith von Sternburg

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„Der Fall Medea“: Medea und Helga auf der Bühne der Wiesbadener Wartburg. Foto: Karl und Monika Forster
„Der Fall Medea“: Medea und Helga auf der Bühne der Wiesbadener Wartburg. Foto: Karl und Monika Forster © Karl und Monika Forster

Die Geschichte von Medea und Helga: „Der Fall Medea“ am Staatstheater Wiesbaden.

Dass es in der Kultur von der Antike bis zu „Inspektor Barnaby“ von mordenden Frauen wimmelt, ist vermutlich nicht ausschließlich ein Ausdruck von Misogynie. Auch die Komplexität der Motive hat ihren Reiz, und obwohl sie ebenfalls ein Stereotyp sind, ist es immerhin eines, dem selbst viele Frauen etwas abgewinnen können. Nicht umsonst ist die Begegnung mit unterkomplexen Kapitalverbrecherinnen besonders schockierend.

Hier geht es aber um einen besonders empfindlichen Bereich. Für einen kompakten Abend auf der Studiobühne Wartburg des Wiesbadener Staatstheaters steckt die Regisseurin Sophia Aurich, Jahrgang 1992, zwei Geschichten über Frauen zusammen, die ihre Kinder ermordet haben. Schlimmer geht es nicht, sagen Kultur und Volksseele. Dass im Fall von „Helga“, über den die Gerichtsreporterin Sabine Rückert in der „Zeit“ berichtete, sogar die Staatsanwaltschaft auf Freispruch plädierte, spricht aber Bände über die ungeheuerliche Tragik dieser Geschichte. Verbunden wird sie mit dem titelgebenden „Fall Medea“. Medea hatte als antike Figur besonders lange unter dem Ruf des Monsters zu leiden. Bei Christa Wolf, von der ebenso Text eingearbeitet ist wie von Franz Grillparzer, liest es sich etwas anders.

Bei Aurich nun im Zentrum: Zwei Frauen, die in die Enge getrieben sind. Medea, die für Jason alles aufgegeben hat, soll nicht nur einfach verschwinden (aber wohin, wohin?), sondern auch die Kinder zurücklassen. „Helga“, ruiniert, todkrank, muss davon ausgehen, dass ihr Ex-Mann die drei Kinder nach ihrem Tod ins Heim geben wird. Sabine Rückerts Satz wird man nicht mehr los werden: „Besonders die Tötung des sportlichen Sohnes war der Angeklagten nur unter Aufbietung aller Kräfte möglich.“ Ihr eigener Suizid misslingt dann.

Davon ist auf der Bühne wenig zu sehen, nur etwas Blut. Am Anfang ein starkes Bild: Christina Tzatzaraki, Medea, wiegt ein Bündel. Ist aber nur Stoff. Auch die Kinder von Helga, Marie Luisa Kerkhoff, sind nie zu sehen, nur ihr Lachen ist da noch irgendwo. Die Frauen sind wie gefangen in sich und in Kim Zumsteins Bühnenbild. Karge Räume werden noch labyrinthischer durch geschickte Videos. Lukas Schrenk als Jason/Helgas Mann, Ipek Özgen als Freundin und Martin Plass als Chef/Kreon verzahnen die Geschichten und vergößern die Einsamkeit der Frauen.

Der Abend ist spannend, dazu anstrengend, auf die Art, wie Geschichten von übermäßigem Leid anstrengend sind. Es gibt nicht den Hauch einer Perspektive. Stumm zieht man von dannen.

Staatstheater Wiesbaden, Wartburg: 8. Januar. www.staatstheater-wiesbaden.de

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