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„Der Antichrist“ mit der Kammeroper Frankfurt: Glaube, Liebe, Hoffnung und Furor

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Von: Stefan Michalzik

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Philosophischer Bilderbogen mit dem Ensemble der Frankfurter Kammeroper. Foto: Paul Williams
Philosophischer Bilderbogen mit dem Ensemble der Frankfurter Kammeroper. © Paul Williams

Die Uraufführung von Andrea Cavallaris Musiktheater „Der Antichrist“ mit der Kammeroper Frankfurt.

Fluch auf das Christenthum“ lautet der Untertitel zu der 1888 beendeten und sieben Jahre später veröffentlichten polemischen Schrift „Der Antichrist“ von Friedrich Nietzsche. Die darin dem christlichen Glauben attestierte verderbliche Wirkung schrieb Nietzsche nicht weniger auch der modernen Erlösungslehre des Sozialismus zu. Es ist das Heil der archaischen Kräfte eines Über-sich-hinaus-Strebens, auf das er setzt, die Idee vom Übermenschen.

Ort der Aufführung der von der Frankfurter Kammeroper bei dem Italiener Andrea Cavallari in Auftrag gegebenen Oper „Der Antichrist“ ist, na klar, eine Kirche, auch wenn diese ausdrücklich nicht so bezeichnet wird: die „Weihehalle“ der Unitarischen Freien Religionsgemeinde am östlichen Rand der Frankfurter Innenstadt, ein im Zusammenklang von bescheidener Geste und Monumentalität eindrücklicher Nachkriegsbau.

Wie gut lässt sich eine philosophische Kampfschrift „veropern“? Cavallaris Librettist Bert Bresgen hat sieben Szenen mit rudimentären Ansätzen von „Handlung“ geschrieben. Von einem „Bilderbogen“ ist im Programmheft die Rede, ein eher altmodischer Begriff, aber er trifft es nicht schlecht.

Das neunköpfige Instrumentalensemble, exzellent präpariert von Stanislav Rosenberg, ist besetzt mit zwei stark geforderten Schlagwerkern, einem Streichquartett, Bass, Flöte und Klarinette. Der Einfluss der musikalischen Nachkriegsavantgarde ist sehr deutlich, Cavallari selbst nennt Luciano Berio, John Cage und György Ligeti als Vorväter. Es ist aber durchaus eine eigene klangsprachliche Fasson, die er entwickelt hat.

Gespannt wirkt das Klangbild, ganz besonders auch in den vielen gedämpften Passagen. Beinahe schon stilzitathaft wirken die vereinzelten Momente von Oper im klassischen Sinne, etwa im Duett zwischen der Sopranistin Sol Crespo und dem Bariton Jared Ice als Prinzessin und Prinz in der dritten, mit „Glaube, Liebe, Hoffnung“ überschriebenen Szene. Den Abend zusammen hält eine Erzählerfigur, eine Sprechrolle für den Schauspieler Philipp Hunscha, der dieser ein enormes Format in einem zwielichtig abgründigen Komödiantentum gibt.

Die Regie von Rainer Pudenz, dem Gründer der Kammeroper, ist klar fokussiert auf die Figuren. In der Eingangszene beispielsweise gibt die Mezzosopranistin Dzuna Kalnina die gestrenge Lehrerin eines katholischen Internats durch und durch; ungeachtet der stilisierenden Deutlichkeit wirkt die Darstellungsweise auch in den anderen Rollen wie jener von Papst Pius IX. keineswegs klischeeklappernd platt. Viel expressionistischer Furor liegt in Gesang und Gebaren des fünfköpfigen Sängerinnen- und Sänger-Ensembles. Jeglicher „aktualisierender“ Zutat enthält sich Pudenz – und tut gut daran.

Kammeroper Frankfurt in der Weihehalle der Unitarischen Freien Religionsgemeinde, Fischerfeldstr. 16: 22., 24., 26., 28.. 29., 31. März, 2. April. www.kammeroper-frankfurt.de

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