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Dinge passieren hier nur, weil sie es sagen, flüstern: Sandra Hüller und Jens Harzer.

Penthesilea

Er denkt, sie werde ihm schon nichts tun

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Johan Simons zeigt Kleists "Penthesilea" bei den Salzburger Festspielen als zartes ziviles Missverständnis in Endlosschleife.

Die vielerwähnte Unspielbarkeit von Heinrich von Kleists „Penthesilea“ (1808 entstanden, 1876 uraufgeführt) ruft andererseits ein breites Ideenarsenal auf den Plan, das permanent das Gegenteil beweist. Wenn auch unter Mühen. Diesmal bei der ersten Schauspielpremiere der Salzburger Festspiele im Landestheater, wo Sandra Hüller und Jens Harzer unter der Regie von Johan Simons sich bei einem Pas de deux verausgaben, sich an ein Pas de deux ausliefern, das extrem konsequent gestaltet ist. Simons, von kommender Spielzeit an Intendant am Schauspielhaus Bochum, wird die Koproduktion auch dort zeigen.

Der Bühnenraum (Johannes Schütz) pechschwarz, am vorderen Rand ein Neonstreifen, der sich zwischenzeitlich verbreitert. So minimalistisch geht es hier zu, dass diese temporäre Verbreiterung schon mysteriös wirkt wie die gelegentlichen Spurenelemente ratschender Geräusche (als würde massives Klebeband abgezogen? Sounddesign: Annemarie Schagerl). Sie vermengen sich mit dem Knarren der Sitze, und die Hustenden überlegen es sich an diesem stillen Abend bestimmt viermal, bevor sie dann aber naturgemäß doch husten. Die Kostüme (Nina von Mechow) sind dunkle antikisierende Gewänder, anliegend, aber elastisch. Penthesilea zuppelt an dem schmalen Streifen, der ihre Brust bedeckt, und am Taillenrand des langen Rockes. Achill ist nachlässiger.

135-minütiges Sehen-und-gesehen-Werden

Aus ungewisser Quelle legt sich eine Art Vollmondlicht über den hier auf einmal sehr ornamental wirkenden Zuschauerraum (Lichtdesign: Bernd Felder). Es entwickelt sich parallel zum Bühnengeschehen auch ein 135-minütiges Sehen-und-gesehen-Werden – die Prominenten, die Schlafenden, die Zappeligen, und endlich weiß man einmal, wessen Handy klingelt –, aber es wird einem auch klar, dass das Publikum auf diese Weise theoretisch die permanente Beobachtung übernimmt, der Penthesilea und Achill ausgesetzt sind. Während sie am Missverständnis der Liebe zugrunde gehen, sind sie nie wirklich allein. Und sind es doch in diesem Zweipersonenstück, das der Dramaturg Vasco Boenisch aus Kleists Text zusammengestellt hat. Lösen sich eingangs aus dem Dunkel heraus – die weiße Haut ist zuerst zu sehen –, springen herbei, Sandra Hüller ein flinkes Böcklein, Jens Harzer abwartender, beide schon etwas atemlos und flüsternd im Gespräch und neugierig aufeinander, eine Kennenlernszene, die vorher schon begonnen haben muss.

Alles entwickelt sich aber aus der tänzerischen Bewegung und aus dem Wort heraus. Es passiert nur, weil sie es sagen. Denn eigentlich passiert nichts. Das ist eindrucksvoll, wenn Achill etwa erzählt, wie Penthesilea nun vom Pferd stürzt, und Penthesilea will unter keinen Umständen stürzen, aber sie muss, gezwungen vom Wort und von Achills Arm. Umgekehrt funktioniert das nicht, nein, funktioniert das nur, wenn Achill es will. Penthesileas Stimme ist zu leise, ihre Hand nicht stark genug. Sie wird niedergedrückt. Er lässt sich niederdrücken. Sie sehnen sich ohnehin nach etwas ganz anderem, und auch als scheue Turteltauben stehen sie zwischendurch nebeneinander.

Achill und Penthesilea in einer Seelenlandschaft

Eigentlich passiert also nichts. Johan Simons hebt Achill und Penthesilea weg vom Schlachtfeld vor Troja – eine Möglichkeit, die Göttern und Regisseuren und sonst den wenigsten zur Verfügung steht –, hinein in eine Seelenlandschaft, in der es nur um die beiden und ihre Liebesunglück gehen soll. Da es darum aber eh und immer geht, zeigen sich Licht- und Schattenseiten. Das Schlachtfeld vor Troja ist – auf diesen Gedanken kann man schon kommen, während Achill und Penthesilea tänzeln, sich annähern, nicht berühren, für eine Sekunde berühren und erst im Tode sich umschlingen, umklammern werden – für den ehemaligen Soldaten Kleist keine abstrakte Größe. So originell es ist, auf der Bühne nicht einen Tropfen Theaterblut vergossen zu sehen, so reinlich ist es. Wer in Frankfurt 2015 Michael Thalheimers nicht unähnlich strukturierte Drei-Personen-Variante gesehen hat, wird im blutüberströmten Felix Rech vielleicht schon eine heikle Konkurrenz zum ätherisch schweißfrei leidenden Jens Harzer erkennen. Übrigens auch in der publikumsspaltenden Frage der Nacktheit, bei Rech brutal, bei Harzer zurückhaltend. In einer stark gedachten Szene, in der Achill bereit ist, sich Penthesilea hinzugeben und dafür das tut, was sonst eher Frauen abverlangt wird. Der spürbare Wille, diese Szene geschmacklich nicht zu überreizen, ist irritierend dezent in diesem definitiv indezenten Stück.

Bruchstückhaft – in kluger Absicht, weil die Seelen ebenso in Stücken liegen – brandet der zum Teil mäßig verständlich gesprochene Text an, es gibt Wiederholungen, denen sich einiges abgewinnen lässt. Der Mord am von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellten Achill wird zweimal vollzogen, einmal scheint der Hass zu regieren, beim zweiten Mal die Liebe, aber das Ergebnis ist immer gleich. Der Verzicht auf die großen Erzählbögen trägt allerdings eher zur Verwirrung als zur Intensivierung bei.

Insgesamt wird das gescheite Konzept seine Herkunft als Kopfgeburt nicht ganz los, lässt dafür aber Hüller und Harzer Raum. Dass sie präsent sind, aber vom Typ her keine Rampengiganten, macht ihre Leistung, die nicht zuletzt eine Konzentrations- und Konditionsleistung ist, eigenwilliger. Hüllers Penthesilea ist gerade in ihrer Unsicherheit, sogar in ihrem Zu-leise-Sein interessant. Vor platter Modernität schützt sie sich durch eine Körpersprache zwischen Kult und Pein (Gezappel, aber so individuell, dass es nicht zur Manier wird). Ihre Befangenheit ist überwältigend, ihre Stimmungswechsel sind es ebenfalls. Harzers Achill unterstützt sie dabei. Er ist der melancholische, sogar softe Typ – in einer Schlacht unvorstellbar, rührend weichlich sein „Sie tut mir nichts“, bevor sie ihn massakriert –, umso markanter seine punktuelle Machtausübung. Es zeigt sich ein konventionelles Männer-Frauen-Bild, sogar mit ironischen Einsprengseln, wenn Achill seinen Achselgeruch genießt oder einen Satz lang einen Gangsta-Rapper imitiert. Viele Regisseure und Darstellerinnen wollen „Penthesilea“ eher darüber hinweghelfen, aber bei Kleist ist das natürlich angelegt. Sichtbar wird auch: Er lügt, sie nicht. Dass Penthesileas und Achills Verhalten untrennbar mit ihrer Rolle und Umgebung verbunden ist, kommt hingegen in Salzburg schlichtweg nicht vor.

Genial das Ende. Wem es ein bisschen bagatellig vorkommt, dass sich Sandra Hüller mit dem Zeigefinger den durchtrainierten Bauch schlitzt (entsprechend folgenlos), der wird dennoch nicht vergessen, wie nachher – das Publikum schon applaudierbereit – beide hinten wieder zarte Bocksprünge machen, sich ansprechen, anrufen. Geister in einer Endlosschleife. Kein neuer Trick, aber wieder unheimlich wirkungsvoll.

Landestheater Salzburg: 31. Juli, 1., 3., 5.-9. August. Premiere am Schauspielhaus Bochum am 10. November. www.salzburgfestival.at

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