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„Animals on the Beach“ in Frankfurt. 

Mousonturm

Deborah Hay im Mousonturm: Mehr ein geistiger als körperlicher Vorgang

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US-Choreografin Deborah Hay mit einem schönen, leicht nostalgischen Doppelabend im Mousonturm.

Gut zwanzig Minuten dauerte Hays Solo „my choreographed body ... revisited“, das im Frankfurter Mousonturm fließend in „Animals on the Beach“ für fünf Tänzerinnen und Tänzer (Michelle Boulé, Jeanine Durning, Vera Nevanlinna, Tilman O’Donnell, Ros Warby) überging. Man muss nicht Sally Banes’ wichtiges Buch „Terpsichore in Sneakers“ auf dem Schirm haben, um Deborah Hay als Mitgründerin des legendären „Judson Dance Theater“ und damit des Post-Modern Dance zu kennen.

Es war im Sommer 1962, als sich im New Yorker Greenwich Village vierzehn Choreografinnen und Choreografen nach ihrer Kompositionsklasse bei einem John-Cage-Schüler mit Komponisten und Künstlern der Avantgarde als Kollektiv zusammentaten. Zwei Jahre lang hielten Yvonne Rainer, Deborah Hay, Steve Paxton, Trisha Brown, Lucinda Childs, Simone Forti und andere in der Judson Memorial Church wöchentlich experimentelle Tanz-Workshops mit Diskussion ab: das „Judson Dance Theatre“, die Keimzelle des Post-Modern Dance.

Ihre Arbeiten strebten vom Tanz als Ausdruck und Struktur aus Thema plus Variation fort, sahen das Gehen und Rennen ganz neu, ja entdeckten den Boden unter ihren bloßen Füßen. Im Einklang mit Komponisten wie Cage und Künstlern wie Rauschenberg und Warhol streiften sie mehr und mehr Lässliches ab und waren minimalistisch auf Wesentliches aus. So wie Cages Erfindung des präparierten Klaviers dem Piano unvorhergesehene Harmonien geschenkt habe, sagte Hay, hätten die neuen Ansätze den Tänzern ungenutztes Körperwissen erschlossen.

Manches aus jener Zeit samt ihrer tanzästhetischen Spannung von Ost- und Westküste (Rainer und Forti stammten aus Kalifornien und hatten dort bei Anna Halprin studiert) lässt sich Hays Solo und dem zweiten Tanzstück immer noch ablesen. Da wäre die regelhafte Windschiefheit Hays in ihrer dunklen Dreiviertelhose zum schlangengemusterten T-Shirt um den schmächtig-alten, zeitlosen Tänzerkörper. Und da wäre der „kalifornische“ Aspekt im abstrakt hellen Raum aus eckiger Tanzfläche und Hinterwand: ein schamanenhaftes Einswerden mit der Natur in aller Stille (Klang: Mattef Kuhlmey) und Langsamkeit, dazu der extrem reduzierte Einsatz von „indianischem“ Singsang.

Hay verschlug es zwar nur nach Vermont und Texas, nicht Kalifornien, doch solange sie auf ihre ruhig enigmatische Art tanzt, und das ist bei ihr mehr ein geistiger als körperlicher Vorgang, wähnt man sich vergangenen Zeiten nah, als jeder intellektuelle Hippie seine Magic-Mushroom-Weisheiten von „Don Juan“ hatte und als Königsweg zum Kosmos ernstnahm. Hays Buchtitel „Moving through the Universe in bare Feet“, „Lamb at the Altar“ und „My Body, the Buddhist“ deuten etwas davon an.

Auf stillen Wegen

„Animals on the Beach“ knüpft ans Windschiefe phasenweise an und hält die eingeschlagene Stille mit umso wirkmächtigeren Lauten und Geräuschen durch. Ansonsten ändert sich vieles. Wie die vier Tänzerinnen und ein Tänzer in schwarzen Kostümen wechselnden Zuschnitts auf weißem Grund tanzen, gleicht einem schwarz-auf-weißen Schreibvorgang mit bedächtig zögernden, zeilenartigen bis scherenschnittmäßigen Figurationen im Nichts und vermittelt eine Entrücktheit, die kaum zu Interaktionen, eher schon zum Kreiseln um sich findet. Ein schöner, leicht nostalgischer Abend.

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