Nina Hoss in ?Rückkehr nach Reims?.
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Nina Hoss in ?Rückkehr nach Reims?.

55. Theatertreffen

Die Debatten entstehen aus der Kunst

  • vonUlrich Seidler
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Die Auswahl des 55. Theatertreffens steht und lockt: Berlin, Hamburg, München, Zürich, Wien, Basel sind dabei.

Am Dienstagvormittag verkündete die Jury des 55. Berliner Theatertreffens (4. bis 20. Mai) ihre Auswahl. Berlin wurde gleich dreimal bedacht, und zumindest zwei dieser Einladungen haben es in sich. Frank Castorfs vorletzte Inszenierung an seiner Volksbühne, sein siebenstündiger Kraftakt-„Faust“ mit Martin Wuttke, Valery Tscheplanowa und vielen anderen in einem der aufwändigsten, mehrstöckigen Bühnenbilder von Aleksandar Denic – mit eigener U-Bahnstation „Stalingrad“ und Hölleneingang – übererfüllt natürlich das traditionelle Einladungskriterium „bemerkenswertest“ auf das Superlativste.

Glücklicherweise sind die eigentlich ja abgespielten Kulissen noch nicht im Schredder gelandet, wie man hört. Sie werden wohl irgendwie im Haus der Berliner Festspiele aufgebaut werden müssen, denn in der Volksbühne wird eine Castorf-Inszenierung, zumindest unter der Intendanz von seinem Nachfolger Chris Dercon, niemals mehr zu sehen sein. Warum nicht? Das Haus wird ohnehin nur sporadisch genutzt? Und nirgends würden die Einbauten so gut passen wie am Originalschauplatz? Wer so fragt, hat den Konflikt um die Volksbühne nicht verstanden. Da geht es nicht um Argumente, sondern um ... alles. Also: Nein! Es ist sowieso nicht klar, ob der Premieren-Triumph der „Faust“-Inszenierung wiederholt werden kann, da doch der nahe Untergang der Castorf-Volksbühne mit zur Erzählung dieses Kunstwerks gehört.

Ähnlich viel Aufwand für Yvonne Büdenhölzer und ihre Orga-Abteilung des Theatertreffens ist die Einladung des „Nationaltheaters Reinickendorf“ von den unkontrollierbaren Theatergenies Vegard Vinge und Ida Müller, das die Berliner Festspiele im vergangenen Frühsommer auf einem abgelegenen Gewerbegebiet im titelgebenden Stadtbezirk ermöglichte. Auch diese monströsen Aufbauten sind hoffentlich gut in irgendwelchen Containern verstaut.

Falk Richter mit Elfriede-Jelinek-Stück „Am Königsweg“

Als dritte Berliner Inszenierung ist nach einer langen Durststrecke einmal wieder die Schaubühne eingeladen mit Thomas Ostermeiers edel schlichter und hoch reflektierter Sachbuch-Inszenierung „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon. Die Hauptrolle mit autobiografischen Anteilen spielt Nina Hoss.

Die siebenköpfige Jury hat in diesem Jahr 409 Inszenierungen in 54 Städten des deutschsprachigen Raums gesichtet. 33 Produktionen kamen in die engere Wahl, und das Schlussvotum wurde in der Nacht zum Dienstag ausdiskutiert. Auch wenn die Regie-Männer und die Theatermetropolen wieder einmal deutlich in der Überzahl sind, scheint es – nicht nur wegen der genannten Berliner Produktionen – eine gute Wahl mit sicheren Bänken, aber auch mit mindestens einer Diskussionsvorlage.

Joachim Meyerhoff kommt mit seinem gefeierten Mammut-Solo „Die Welt im Rücken“ vom Burgtheater Wien, Regie: Jan Bosse. Auch für Thomas Melle, den Autor dieser herzverrückenden Autobiografie, ist das eine schöne Ehre. Wer das einmalige Berliner Gastspiel im Deutschen Theater verpasst hat, kann nun versuchen das nachzuholen.

Aber nicht nur aus Österreich, sondern auch aus der Schweiz lässt man sich was kommen: Vom Zürcher Schauspielhaus wird wieder einmal Karin Henkel eingeladen, diesmal mit einer Euripides-Adaption „Beute Frauen Krieg“ nach „Die Troerinnen“ und „Iphigenie in Aulis“. Und Ulrich Rasche, der im letzten Jahr mit seinen Münchner „Räubern“ zwar eingeladen, aber mit der rahmensprengenden Laufband-Bühne nicht in Berlin zu verwirklichen war, ist nun mit seinem in Theaterkreisen heiß umstrittenen „Woyzeck“ aus Basel dabei.

Hamburg ist zweimal erkoren worden, einmal das Schauspielhaus mit Falk Richters Inszenierung des neusten, von Donald Trump inspirierten Elfriede-Jelinek-Stück „Am Königsweg“ und das Thalia Theater mit „Die Odyssee“ von Antú Romero Nunes, der so glücklos die Oliver-Reese-Amtszeit am Berliner Ensemble mit „Caligula“ eröffnet hatte.

Auch zweimal, und zwar mit demselben Haus, ist München dabei, was Matthias Lilienthal (früher Volksbühne, danach HAU), dem in der Stadt umstrittenen Kammerspiele-Intendanten sicher Rückenwind geben wird. Sein Hausregisseur Christopher Rüping inszenierte eines der wenigen waschechten Stücke dieser Auswahl, nämlich Bertolt Brechts „Trommeln in der Nacht“. Und eine der größten Seltsamkeiten in der 55-jährigen an Seltsamkeiten nicht armen Geschichte des Theatertreffens stellt die Nachinszenierung der vor zwei Jahren eingeladenen Adaption des Sepp-Bierbichler-Romans „Mittelreich“ (Regie: Anna-Sophie Mahler) dar. Der Clou: Bei der Nachinszenierung von Anta Helena Recke handelt es sich um eine Kopie mit einem Unterschied: Es spielen nun ausschließlich dunkelhäutige Schauspieler. Die Debatten, die muss man nämlich gar nicht in irgendwelchen Rahmenprogrammen und Nebenreihen andoktern, wie es der Festspiele-Intendant Thomas Oberender so gern tut. Die entstehen aus der Kunst. Noch ganz schön lange hin bis zum Frühling.

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