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David Bowie, nein, natürlich David Moorbach als Newton. 

Musical

David Bowies „Lazarus“ in Gießen: Newtons Spirale

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David Bowies Musical „Lazarus“ im Gießener Stadttheater.

Eine Flasche ist immer griffbereit und erinnert daran, dass Thomas Jerome Newton einst auf die Erde kam, um Wasser für seinen Wüstenplaneten zu besorgen. David Bowie, der 1976 in Nicolas Roegs Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“ die Hauptrolle spielte, hat die Geschichte als Musical fortgeschrieben: In „Lazarus“ will ein verzweifelnder, halluzinierender Thomas Newton nach Hause zurückkehren oder sterben. Beides ist nicht zu schaffen. Die Rakete besteht nur aus Umrissen aus rotem Klebeband, und seine Unsterblichkeit verhindert friedliches Ableben.

So vegetiert er in unstillbarer Sehnsucht in seinem Apartment in New York („This Is Not America“), in der Flasche ist nicht Wasser, sondern Gin, Innenwelt und Außenwelt, reale und eingebildete Personen sind ununterscheidbar geworden.

Katharina Ramsers Inszenierung im Stadttheater Gießen hat der mehrdeutig dahin schwebenden Geschichte keine Eindeutigkeiten aufgebügelt. Die verschiedenen Ebenen und Handlungsstränge bleiben gleichberechtigt. Als zusätzliche Erzählregion gibt es Videoprojektionen auf einem Gazevorhang und auf konzentrischen Kreisen, die sich nach hinten verengen und das wirkungsvolle Bühnenbild (Michael Böhler) ausmachen, indem sie mal die Fläche gliedern, mal wie eine Spirale erscheinen, in deren Ende sich Thomas Newton hilflos wälzt.

Die handelnden Personen im verwirrenden Plot sind Newton (David Moorbach) sowie dessen Avatare Valentine (Stephan Hirschpointner) und Michael (Pascal Thomas); ein (irreales) Mädchen, das Newton helfen will und ihn irgendwie an seine große Liebe aus dem alten Film erinnert (signalisiert mit einer leisen Einspielung von Ricky Nelsons „Hello Mary Lou“); die (reale) Elly (Anne-Elise Minetti), eine Art persönliche Referentin, die Newton gewogen ist und sich von ihrem zunehmend vorwurfsvollen Lebensabschnittspartner (Thomas Wild) zunehmend abwendet. Dazu kommen songweise drei Teenage Girls, denn es gilt immerhin, 16 David-Bowie-Songs erklingen zu lassen.

Dabei hilft kompetent und effektvoll die sechsköpfige Band im Bühnenhintergrund, geleitet von Christian Keul. Und natürlich muss David Bowie, nein, Moorbach auch ein bisschen Gitarre spielen.

Das Stadttheater Gießen kann nicht mit einer teuer zusammengecasteten Musical-Profi-Truppe aufwarten. Die Songs, die das Stück tragen und die gesprochenen Text kommentieren, werden von den Ensemblemitgliedern gesungen, was in zufriedenstellender Qualität geschieht. Einige Male allerdings ist die Wirkung so eindrucksvoll, dass es Fan-Applaus auf offener Szene gibt, etwa für Anne-Elise Minetti.

Es sind vor allem die bekannten Songs, die dieser multiperspektivisch und assoziativ gebauten Geschichte eine bühnenwirksame Struktur geben. Bühnenbild, Lichtregie und Kostüme lassen nichts zu wünschen übrig. Die eingespielten Videos, die phantasievoll das urbane und landschaftliche Umfeld nutzen, zaubern einen Hauch von heimischer Vertrautheit in den theatralen Weltraum, zusammen mit dem Schluss-Song „Heroes“, dessen Text eine Art Liebesgeschichte im Schatten der Berliner Mauer erzählt. Die ja auch nur vorübergehend eine feste Struktur in der Welt war.

Stadttheater Gießen:  21. März, 2., 18. April. www.stadttheater-giessen.de

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