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„Das Spiel von Liebe und Zufall“ in Frankfurt: Wie die Väter es wollen

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Von: Judith von Sternburg

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„Das Spiel von Liebe und Zufall“ von Marivaux im Fritz Rémond Theater in Frankfurt: Katarina Schmidt als Lisette, Marko Pustisek als Herr Orgon, Carolin Freund als Silvia (v.l.).
„Das Spiel von Liebe und Zufall“ von Marivaux im Fritz Rémond Theater in Frankfurt: Katarina Schmidt als Lisette, Marko Pustisek als Herr Orgon, Carolin Freund als Silvia (v.l.). © Helmut Seuffert

Marivaux’ sehr gewitztes und die Dinge heiter bejahendes „Spiel von Liebe und Zufall“ gelingt ganz ausgezeichnet am Fritz Rémond Theater Frankfurt.

Pierre Carlet de Marivaux’ 1730 uraufgeführte Komödie „Das Spiel von Liebe und Zufall“ ist perfekt gebaut und atmet die süße, frische Luft des Sich-Verliebens, der aufgeklärten Erziehungsprinzipien und einer Ichsucht, die keinen gravierenden Schaden anrichtet. Denn der letzten, aber ebenfalls glückenden Prüfung, vor die Silvia ihren Dorante stellt – er soll um ihre Hand anhalten, obwohl er sie für eine Zofe halten muss –, haftet doch mehr Eitelkeit als Liebe an. Frauen sind in diesem Stück (noch) eitler als Männer. Angesichts des psychologisch überzeugenden Gesamtablaufs wird hier nur schlapp widersprochen.

Der große Rollentausch

Kurzum geht es um Folgendes: Die Ehe von Silvia und Dorante ist aus der Ferne von den Vätern angeplant worden, die aber – antimolièrerisch – ihren Kindern die Entscheidung überlassen wollen. Marivaux lässt Tochter wie Sohn unabhängig voneinander auf die Idee kommen, für die Erstbegegnung die Rolle mit der Dienerschaft zu tauschen, um sich die väterliche Wahl mit etwas Abstand anschauen zu können. Silvia tauscht Kostüm und Rang mit ihrer frechen Zofe Lisette, Dorante hat schon im Off das gleiche mit seinem Diener Arlequin getan. Silvias Vater und Bruder, Orgon und Mario, sind über alles informiert und ziehen milde die Fäden – wir sind hier zwar in einer Commedia-dell’arte-Verwirrung und Freiheit ist eine feine Sache, aber es herrschen doch Sitte und Ordnung. Trotzdem ist es ein toller Spaß und geht auch gut aus.

Silvia und Dorante verlieben sich nämlich trotz der Maskerade stehenden Fußes ineinander. Auch Lisette und Arlequin finden sofort Gefallen aneinander, die ihrerseits als peinliche Neureiche auftreten. Denn natürlich ist der temporäre Karneval unfair. Zu Recht haben Diener und Zofe gehofft, die Partie ihres Lebens zu machen. Die brennende Frage ist zudem, was passiert wäre, hätten sich die vier nicht in der „richtigen“ Kombination verliebt.

Wobei sich die Frage innerhalb des Stücks nicht stellt, das von einem Triumph der Aufklärung in konservativem Rahmen erzählt: Just die Freiheit führt zu einem Ergebnis, das den Lauf der Dinge aufs Schönste im Lot hält. Ist das akzeptabel? Wohin mit unserem Unbehagen, für das Marivaux’ Personal noch keine Worte hat?

Für seine blitzgescheite Inszenierung am Frankfurter Fritz Rémond Theater hat Regisseur Heinz Kreidl hierfür eine eigene Schlussvolte vorgesehen. Lisette und Arlequin wissen inzwischen, was los ist. Alles ein bisschen blamabel, aber sie finden sich drein. Selbstironie ist ihnen weniger fremd als den Herrschaften. Aber deshalb muss man sich nicht über sie lustig machen. Kreidl lässt aber genau das geschehen: Lisette und Arlequin, bereit, das Spiel gutmütig zu Ende zu bringen, stehen auf dem Tisch wie auf einer Bühne, das Gelächter der feinen Leute brandet aber maßlos an. Da hat Lisette auf einmal eine rote Fahne auf der Heugabel, und wie ist die Pistole in Arlequins Hände gekommen? Die anderen merken nichts, zufrieden, wie sie sind. Wird man 60 Jahre später dann sehen, wer zuletzt lacht.

Eine unaufdringliche Pointe an einem zutiefst spielfreudigen Abend, denkbar geeignet für die Theatersehnsucht in diesen schon wieder so dünn werdenden Wochen. Der Text ist gewitzt, die Garderobe von Ulla Röhrs chic, die Bühne gut zu bespielen, von Tom Grasshof mit buntstiftfarbenen Wänden, Ausgängen, einer Treppe, einer Schaukel versehen und abstrakt, aber nicht kühl.

Der gerechte Zorn

Das Ensemble fidel und fit: Carolin Freund ist die kokette Silvia (deren Bedenken gegen Ehemänner übrigens nicht aus der Luft gegriffen zu sein scheinen, ihren schaurigen Beispielen widerspricht keiner), Thomas Jansen der Sympathikus Dorante. Katarina Schmidt und Thomas Zimmer als Lisette und Arlequin bieten bravouröse Registerwechsel zwischen Menschlichkeit, allzumenschlichem Sich-gehen-Lassen und dem Keimen des gerechten Zorns.

Die coolen Wächter über diese Leidenschaften, Marko Pustisek als Orgon und Pascal Simon Grote als Mario, mag man so sehr oder wenig wie Don Alfonso in „Così fan tutte“. Aber auch sie bringen Schwung mit. Eine glückliche Gratwanderung für eine Konstellation, die gemeinhin in Tragödien führt.

Fritz Rémond Theater, Frankfurt: bis 27. Februar. www.fritzremond.de

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