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„Das Rheingold“ in Saarbrücken: Die Geheimnisse der Götter in Weiß

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Von: Judith von Sternburg

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Der Chef, die Chefin, Peter Schöne mit Judith Braun. Foto: Martin Kaufhold
Der Chef, die Chefin, Peter Schöne mit Judith Braun. Foto: Martin Kaufhold © Martin Kaufhold

Das Staatstheater Saarbrücken stemmt den Ring und startet mit einem ehrgeizigen „Rheingold“.

Wer nach dem Bayreuther „Ring“-Inszenierungsfiasko gehofft hatte, es werde für einige Jahre ein Kinderauftrittsverbot in Produktionen von Richard Wagners Tetralogie geben, hatte sich getäuscht. Überhaupt war es unheimlich interessant, kurz nach der Festspiel-Lesart von Valentin Schwarz einen weiteren Versuch zu erleben, der so radikal überschreibt und unterläuft, was hier geschieht.

Einen weiteren Versuch zudem, der jahrelang eingelagert werden musste. Denn auch der Saarbrücker „Ring“ von Alexandra Szemerédy und Magdolna Pardikta hätte 2020 starten sollen, Corona unterbrach das jäh und lässt nun die in weißen Schutzanzügen arbeitenden Laborangestellten auf der Bühne viel gegenwärtiger und auch zeitgeistiger erscheinen, als es geplant gewesen sein muss.

Alles ein großes Experiment

Auch diesmal ist vorab zu lesen, dass Szemerédy und Parditka, ein aus Ungarn stammendes Regie- und Ausstattungsduo, das seit ein paar Jahren erfolgreich an kleineren und größeren Häusern arbeitet, ohne Götter und Mythen auskommen wollen und stattdessen den Stoff „für die Jetztzeit decodieren“. Das sollte sich zwar heute von selbst verstehen. Aber nun kommt ein Konzept, und die beiden probieren es zumindest einmal rigoros durch.

Smarte Videos von Leonard Koch wirken irgendwie wissenschaftlich, die Wände sind mit dem auf Dauer tiefsinnigen PR-Motto „war ist wird“ bedruckt: Wotan und Fricka haben mit ihrer Familie ein Biotechnologie-Unternehmen aufgezogen, in dessen schicken unterirdischen Laboren Menschen gezüchtet und (noch eine Etage tiefer) aufbewahrt werden, semmelblond wie der Firmenchef und die Seinen. Allein der Geburtsvorgang scheint noch wie gehabt zu verlaufen, anschließend wird die Mutter aber wohl beiseite geschafft – auch Erdas Schicksal, wie zu sehen ist – und das Baby für Höheres und Blonderes präpariert. Das Rheingold: die stummen, pflanzenhaften Wesen, bei denen noch nicht klar wird, was mit ihnen anzufangen sein könnte (Menschenmaterial ist freilich immer nützlich, wie viele grausige Beispiele zeigen). Der Ring: eine Ampulle frischgezapftes Blut.

Packender ist aber: Alle stecken mit drin. Mime und Alberich sind hier als Hausboten unterwegs, die Rheintöchter sind als Laborantinnen für die Pflege der Säuglinge zuständig. Und obwohl es sich um eine irre Kopfgeburt handelt – was die beiden Erfinderinnen auch sicher nicht leugnen würden –, und obwohl Szemerédy und Pardikta allen Feinsinn und alle Psychologie und fast alle Menschlichkeit im „Rheingold“ fahren lassen, um bei ihrer Labor-Erzählung zu bleiben, machen sie an dieser Stelle doch einen faszinierenden Punkt: Wenn alles zu einer großen (unbegreiflichen) Versuchsanordnung gehört, wissen die Beteiligten diesmal so gut wie das wagneraffine Publikum, was als nächstes passieren wird.

Schauen auf die Uhr, weil sie auf die Ankunft der Riesen warten, und da kommen sie schon. Beobachten sich selbst dabei, wie sie in die Handlung hineingezogen werden. Schütteln das Unangenehme eines solchen Experiments ab (Freia ist nicht begeistert, mit den Riesen zu gehen, und anschließend in einer großen Maschine dupliziert zu werden, aber sie wird es überleben). Analysieren mit weiterem Personal, das am Ende auf die Bühne strömt und das Experiment vielleicht beobachtet hat, Zwischenergebnisse, anstatt zum musikalischen Pomp nach Walhall zu ziehen. Da sind sie auch schon wieder abgelenkt und beim nächsten Teil: Zwei ineinander verkrallte Teenager (Siegmund und Sieglinde, nehmen wir an) werden quasi chirurgisch voneinander getrennt.

Die Götter in Weiß verfolgen ihre Experimente, die Regisseurinnen ebenso, auch das ist konsequent. In der Realität wirkt es nicht nur unpsychologisch, sondern auch mehr als ein wenig statisch. Es kann einem aber passieren, dass man ausgesprochen neugierig auf den Fortgang der Dinge ist. Sollte es – wie zu befürchten – in eine Sackgasse führen, dann zumindest eine radikale.

Respekt vor dem Mumm ist ohnehin geboten. Der Kraftakt für ein Opernhaus von der Größe des Saarbrückers muss immens sein. Vor allem das Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Sébastien Rouland wird erst einmal glänzend damit fertig, kommt ohne Lärm und Bombast und mit schöner Klangkultur durch den Abend. Die Bläser haben gute Nerven, der Dirigent einen Sinn für die großen Bögen des Geschehens und dazu die Sensibilität, die das Ensemble auf der Bühne braucht.

Große „Rheingold“-Rollen aus dem eigenen Haus zu besetzen, ist aufregend und mutig. Nun erlebt man etwa Peter Schöne als leichten, aber charakteristischen Wotan, Algirdas Drevinskas als Loge ohne die übliche Schärfe, was sich gut anhört, Judith Braun als Fricka, die keineswegs an ihrer Leistungsgrenze zu sein scheint. Unter den Gästen Daria Samarskaya als imposante Erda. In der besuchten zweiten Vorstellung mussten drei (!) Erkrankte umbesetzt werden, was galamäßig unter anderem den Altsaarbrücker Ólafur Sigurdarson (eben noch in Bayreuth) als Alberich zurückbrachte und – in letzter Minute und an der Seite platziert – den in Frankfurt wohlbekannten Simon Bailey als prächtigen Donner. Und doch lief er dem hauseigenen Froh, Angelos Samartzis, nicht den Rang ab.

Staatstheater Saarbrücken: 30. September, 9., 14. Oktober, 1., 5. November. staatstheater.saarland

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