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„Gelbes Gold“ am Staatstheater Kassel: Das Leben ist eine Pommesbude

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Von: Joachim F. Tornau

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Christina Weiser und Aljoscha Langel vor Ort.	Isabel Machado Rios
„Gelbes Gold“ in Kassel: Christina Weiser und Aljoscha Langel vor Ort. © Isabel Machado Rios

Ausweg aus der Ausweglosigkeit: „Gelbes Gold“ von Fabienne Dür in Kassel uraufgeführt.

Da gibt es Sätze, die sind von unendlicher Traurigkeit. „Alles hier stirbt“, sagt Juli. „Und wenn ich bleibe, sterbe ich einfach mit.“ Und da gibt es Sätze, die bei aller Tristesse einfach nur unsterblich komisch sind. „Traurige, betrunkene Männer oben ohne bei elf Grad“, fasst Ana zusammen, nachdem sie mit ihrem Vater im Fußballstadion war. Eine Definition für die Ewigkeit.

„Gelbes Gold“ ist der Bühnenerstling der jungen Berliner Autorin Fabienne Dür, Jahrgang 1993, und ein Stück von beeindruckender Klarheit und Prägnanz. Der 100-Minüter, im vergangenen Jahr eingeladen zum Heidelberger Stückemarkt und jetzt am Kasseler Staatstheater uraufgeführt, erzählt vom Festsitzen. Vom Festsitzen in der Provinz und in der sozialen Klasse. In Lebenslügen und Träumen, die hartnäckig scheitern. In Übergangslösungen, die Jahre dauern und, ehrlich betrachtet, weder Übergang noch Lösung sind. Und doch ist da immer dieses kleine Lächeln, wie es sich manchmal, unmerklich fast, auch auf Anas graues Gesicht stiehlt.

Ana und Juli sind Freundinnen oder waren es einmal, so genau weiß man das nicht. Ana (wunderbar: Emilia Reichenbach) ist nach dem Abitur in die große Stadt gezogen, so weit weg wie möglich von der Kleinstadt, den Plattenbauten, der väterlichen Pommesbude. Jetzt kommt sie zurück, geflüchtet vor der letzten Prüfung ihres Studiums, vertrieben von der Angst, es als Arbeiterkind in der bildungsbürgerlichen Welt sowieso nie schaffen zu können.

Sie begegnet Juli (Tamara Romera Ginés) wieder, einst geblieben wegen einer Beziehung, die man nur toxisch nennen kann, und unterdessen zum Provinzvamp geworden, aus Langweile, so scheint es. Ana besucht ihren Vater Fritz (Aljoscha Langel), dessen Imbiss „Zum gelben Gold“ im abrissgeweihten Plattenbauviertel kaum noch Kundschaft hat, der aber unverdrossen nach der durchbruchverheißenden Idealrezeptur sucht. „Noch drei, vier Versuche“, verkündet er, nicht nur einmal. „Ich bin da an was dran.“ Und dann ist da noch Mimi (Christina Weiser), die Mitarbeiterin und irgendwie auch neue Lebensgefährtin des Vaters, fleischgewordene Frustration und Desillusionierung.

Die Konflikte und Kommunikationsunfälle, aber auch die Annäherungen und Veränderungen, die durch Anas Rückkehr ausgelöst werden, hat Tobias Schilling in Kassel auf die Bühne gebracht. Und der junge Regisseur, wie die Autorin noch keine 30 Jahre alt, tut das präzise und auf den Punkt.

Der Chor der Kleinstadt

Das hervorragend eingestellte Quartett auf der Bühne lässt Schilling auch den Chor der Kleinstadtbevölkerung sprechen, die geifernd tratschen und sich das Maul zerreißen über die Unglücklichen, deren Schicksal sie mit ihrer Missgunst immer weiter festtackern. Hätten Ana & Co. nicht schon mit sich selbst genug zu kämpfen, spätestens gegen diese Urgewalten von Hass und Häme, Lüge und Verleumdung wären sie machtlos.

Der titelgebende Imbiss, den Sibylle Pfeiffer mit viel Liebe zum Detail auf die Studiobühne im Fridericianum gebaut hat, ist hier der Fixstern, um den alles kreist. Erst als er schließen muss, eröffnet das einen Ausweg aus der Ausweglosigkeit. Ein Happy End, aber traurig.

Staatstheater Kassel, Studiobühne tif: 10., 18., 25., 31. Dezember. www.staatstheater-kassel.de

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