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Das Theater Willy Praml eröffnet in der Frankfurter Naxoshalle die Saison mit Hölderlins „Antigone“ nach Sophokles.

Theater

Das größte Übel ist der Unverstand

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Das Theater Willy Praml eröffnet in der Frankfurter Naxoshalle die Saison mit Hölderlins „Antigone“ nach Sophokles.

Das Blut ist geflossen, in Strömen, die hohen Stufen hinab. Immerhin: „Der Krieg ist aus“, sagt der Sänger, spricht Willy Praml Martin Walsers Prolog zur „Antigone“, „am liebsten schlüpften wir in eine neue Haut und dächten nicht mehr an das vorgestrige Grauen.“ Aber schlimme Geschichte soll erzählt werden an diesem Abend, auf dass die Gegenwart weiß, woher sie kommt. Die neben Praml sieben Akteure werden sich gleich aus Leichensäcken schälen, werden wiederauferstehen in legerer, teils auch wie für den Clubabend designter, weißer oder silberfarbener Kleidung (Michael Weber), sie werden die Rollen öfter wechseln, aber dann das als Kreon oder Ismene eingeführte Gesichtsabbild halten; diese Abbilder sind größer als ein Tennisschläger und allemal auch als Corona-Barriere geeignet.

Das Theater Willy Praml eröffnet die neue Saison mit einer von Praml und Michael Weber inszenierten „Antigone“ von Hölderlin nach Sophokles. Die riesige Naxoshalle, in der das Ensemble winters bibberte, während das Publikum auf der nicht sehr großen Tribüne eingemummelt saß, erweist sich nun als Glück: Man spielt auf der Tribüne und verteilt die Zuschauer großzügig in der hohen Halle. Leider hatte man am Premierenabend Probleme mit krachenden, kratzenden Mikroports, aber das wird sich sicher beheben lassen.

Beim Theater Willy Praml darf man getrost davon ausgehen, dass man keinen Hölderlin in einfacher Sprache bekommt, dafür einen auch in Verästelungen hinein sorgfältig gesprochenen. Auf den blutigen Stufen dieser Polis wird also verhandelt, wie Antigone gegen Kreons Anordnung ihren Bruder Polyneikes beerdigt; wie Kreon Antigone töten lassen will, obwohl sie nur das ihrer Meinung nach höhere Gesetz der Götter befolgt hat; wie Kreons jüngster Sohn Hämon den Vater bittet, seine Braut zu verschonen; wie Kreon seinem Sohn vorwirft, vor einem Weib zu kuschen. – So verliert Kreon, da, wie der Chor weiß, „Einsicht immer zu spät kommt“, Sohn und Frau durch jeweils eigene Hand, und auch Antigone nimmt sich das Leben.

Fast notgedrungen ist diese Inszenierung recht streng und statisch – die sieben Akteure müssen ja auch Abstand halten. Aber angeregt durch Hölderlins Biografen Christoph Theodor Schwab hat Praml drei Musikstücke Schuberts ausgesucht. So begleitet das Notturno in Es-Dur Antigone ins „allesschweigende Bett“. Sam Michelson spielt sie in dieser Szene als wild Entschlossene. Zwar ruckt sie an ihrem blutroten Kleid, eine Geste der Angst, aber sie steigt doch auch zielstrebig ihrem Tod entgegen, ihrem „Schicksal wie eine Göttliche“.

An Kreons Starrsinn ist bei Hölderlin „die Stadt erkrankt“. Heute würde man auch von Misogynie und von einem Mangel an Empathie sprechen und müsste für einen solchen Herrscher nur über den Atlantik schauen. Eine Fremdheit begleitet den Text, über den, oder eher seine teils kuriose Übersetzung durch Hölderlin sich einst mancher lustig machte. Gleichzeitig hat das Theater Willy Praml wieder einmal eine Parabel für unsere Zeit ausfindig gemacht. In den zwei Stunden der Aufführung lässt sich so mancher Satz memorieren, dem nicht zu widersprechen ist, etwa: „Das größte Übel ist der Unverstand“.

Theater Willy Praml in der Naxoshalle, Frankfurt: 4.-6., 11.-13., 18.-20. September. theaterwillypraml.de

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