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Lea Ruckpaul und Marcel Kohler in „Das Bergwerk zu Falun“ von Hugo von Hofmannsthal.
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Lea Ruckpaul und Marcel Kohler in „Das Bergwerk zu Falun“ von Hugo von Hofmannsthal.

Salzburger Festspiele

„Das Bergwerk zu Falun“ in Salzburg: Schicht im Schacht

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Ausgrabung bei den Salzburger Festspielen: Jossi Wieler fällt zu Hofmannsthals „Bergwerk zu Falun“ eigenartig wenig ein.

Will alles immer ans Licht? Zur Geschichte von Hugo von Hofmannsthals „Das Bergwerk zu Falun“ gehört, dass es erst Jahre nach seinem Tod vollständig veröffentlicht und uraufgeführt wurde. Das Stück, um 1900 keineswegs in einem Rutsch entstanden, war da knapp 50 Jahre alt, das Werk eines 25-Jährigen, dessen persönliche Dimension nur zu ahnen ist und dazu beigetragen haben könnte, dass Hofmannsthal die Publikation zu Lebzeiten nicht zuließ. Literarisch ist es erstaunlich gewandt – neoromantisch, pathetisch, weise und abgrundtief traurig –, literaturgeschichtlich ist es sagenhaft.

Hofmannsthal nimmt E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Die Bergwerke zu Falun“ als Folie, die wiederum auf einer irgendwann einmal wahr gewesenen Begebenheit aus dem 18. Jahrhundert beruht, die dem 19. Jahrhundert als Anekdote – am berühmtesten in Johann Hebels Kalendergeschichte „Unverhofftes Wiedersehen“ – zur Verfügung stand. Der Kern der Anekdote: Jahrzehnte nach dem Verschwinden ihres Bräutigams in einem Bergwerk im schwedischen Falun erkennt die inzwischen greise Frau ihn in einer nun aufgefundenen, aus chemischen Gründen unverwesten Leiche wieder. Sensation, Tragik und die wunderbar sichtbar gewordene Aushebelung der Zeit durch den Tod kommen selten so zusammen. Faszinierend, dass Hofmannsthals Stück aber vor diesem Clou endet, mit dem Tod des Bergmanns, der hier Elis heißt.

Das „unverhoffte Wiedersehen“ spiegelt sich am ehesten in einer Anfangsszene: Elis, der an schweren Depressionen leidet, kehrt, hier noch als Seemann, unruhig in die Heimat zurück, wo eine inzwischen „gefallene“ Frau ihn wiedererkennt, die er einst geliebt hat. In einer schönen Volte greift Jossi Wielers Inszenierung im Salzburger Landestheater das nun auf: Die Frau, die nicht älter als Elis sein kann, wird hier von der 81-jährigen Hildegard Schmahl gespielt, die auf einmal, aus dem Stand kokett, drahtig, glücklich nach Mädchenart, viel jünger wirkt als der Elis-Schauspieler Marcel Kohler, 1991 geboren und mit den großen Gesten und dem achtlosen Seitenscheitel der Schwermut ausgestattet.

So dass auch im Landestheater die Zeit aus den Angeln gehoben wird, aber leider nur kurz. Hätte es doch mehr davon gegeben bei diesem ehrenwerten, aber blutleeren Versuch, eine fast nie gespielte Rarität für die Salzburger Festspiele – Hofmannsthal-Terrain! – zu entdecken und vielleicht für die Zukunft zu sichern.

Was dem gut hundertminütigen und damit für so ein großdimensioniertes Stück (schüchtern?) kurzen Abend in erster Linie zu fehlen scheint, ist die Vielschichtigkeit, die sich für eine Tiefenbohrung in die Erde, in die Seele und eben auch in die Literaturgeschichte gehört. Was ihm nicht fehlt, ist Respekt gegenüber dem Text, ein Respekt, der sich als hinderlich erweist. Beides, der Mangel an Vielschichtigkeit und der Respekt, führen dazu, dass auf der Bühne am Ende an einer Oberfläche herumgescharrt wird.

Das kann nicht die Absicht von Regisseur Wieler gewesen sein, der auch als Mann der Oper einen intensiven Umgang mit Hofmannsthal-Texten pflegt. Vielleicht schwebte ihm eher vor, die Figuren in einer Schicht des Bergwerks feststecken zu lassen, es geht nicht vorwärts, nicht zurück, während Hofmannsthal mit „Ariadne auf Naxos“-großen Verwandlungen arbeitet. Am Anfang bei Wieler steht auch ein Donnerschlag, das Unglück könnte schon eingetreten sein. Gespenster geben sich nun ein Stelldichein untertage, Schicht im Schacht.

Die Bühne von Muriel Gerstner wird von gräulichen Hohlblocksteinen beherrscht, die zunächst nur Reste von Mauern zeigen, in der Mitte türmt sich Schutt. Als der todessüchtige Elis nach einer ersten Begegnung mit der Bergkönigin Bergmann wird und zwar ein sehr fähiger Bergmann, werden die Hohlblocksteine mit vereinten Kräften flugs zur Rundmauer aufgerichtet. Annette ter Meulen leuchtet das weiterhin nur mäßig sonnig aus, eine gleichbleibende Gespensterunterwelt. Die Musik von Lars Wittershagen lässt ein Geisterpiano tropfen und Streicherklänge flimmern, man lechzt nach den mächtigen Gefühlen der Verzweiflung, aber auch der Möglichkeit von Glück und Gelingen, die sich beim Lesen doch einstellen, und ist froh darüber.

Wieler indes misstraut dem Lebensglück, das Elis mit Anna, der quicklebendigen Lea Ruckpaul, blühen könnte, misstraut auch Elis’ Erfolgen, die hier weitgehend unterschlagen werden. Annas Vater, Edmund Telgenkämper, bekommt noch weniger Spielraum als ihre blinde, aber seherische Großmutter, wieder Hildegard Schmahl. Wie überhaupt die natürlich notwendigen Kürzungen, die Wieler und Dramaturgin Marion Tiedtke vorgenommen haben, zum Teil nicht hilfreich sind, wesentliche mysteriöse Stränge wie die Geschichte des Fischersohns (seine Wunderheilung ist immerhin ein religiös äußerst aufgeladener Vorgang) auf halber Strecke gekappt werden. Das Fragmentarische und Mysteriöse will doch lieber aufgefächert als noch mehr komprimiert sein. Stattdessen entsteht ein zwar kürzeres, aber noch größeres Rätsel, bei dem die Frage offen bleibt, warum es der Lösung wert sein sollte.

Denn es gelingt Wieler weder, Interesse für die Figuren noch für die Konstellation zu wecken. Relativ unspezifisch wird hier gelitten und gehadert, selbst der seltsam flüchtige, vielleicht mephistophelische, vielleicht ahasverische, vielleicht Elis spiegelnde Torbern, André Jung, tappt lediglich mürrisch herum. Sylvana Krappatsch, die Bergkönigin, bleibt kühl und unverbindlich. Ist sie der Tod? Ist sei ein sexuell uninteressiertes Venus-Hörselberg-Pendant? In Salzburg lässt sie sich nicht in die Karten blicken. Weder böser noch heilender Zauber will sich einstellen, während der junge Hofmannsthal doch aufs Ganze gehen wollte.

Dass Elis am Ende mit Hildegard Schmahl einen kleinen Totentanz tanzt, dass Anna in wallendem Tüll (Kostüme: Anja Rabes) zur Gespensterbraut gemacht wird: ein paar starke, wenn auch pauschale Bilder. Der Beifall wohlwollend, aber uneuphorisch. Daraus wird nicht viel erwachsen.

Landestheater Salzburg: 9., 11., 13., 17., 19., 21. August. www.salzburger-festspiele.at

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