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Klare und krasse Bewegungsansagen des Ensembles in "Bullshit".

Tanz

Und dann und wann die Zunge zeigen

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Der junge Choreograf Nadav Zelner bekommt bei Gauthier Dance in Stuttgart eine Chance und trumpft auf mit „Bullshit“.

Eric Gauthier, einst Tänzer beim Stuttgarter Ballett, nun im elften Jahr stolzer Chef einer eigenen Company, hat nicht nur in Stuttgart zu großem Können herangewachsene Choreografen wie Christian Spuck und Marco Goecke schon für Gauthier Dance engagiert, er scheint nun auch die Nachwuchsförderung noch übernehmen zu wollen. Und zeigt dabei Mut. Denn das allererste abendfüllende Stück eines jungen Choreografen herauszubringen, der bisher vor allem durch minutenkurze Videoclips in Erscheinung getreten ist, das erfordert Vertrauen – auch in die eigene Urteilskraft.

Jetzt hatte Nadav Zelners „Bullshit“ im Theaterhaus, wo Gauthier Dance residiert, Uraufführung, mit dem provozierenden Titel, den der 1992 geborene Israeli sich wünschte, außerdem in schrillem Pink-in-Pink, was ebenfalls zu seinen ersten Ideen gehörte. Netta Dror, Bühne, lässt viele rosafarbene Bänder aus dem Bühnenhimmel hängen. Maor Zabar, Kostüme, steckt alle 16 Tänzerinnen und Tänzer in unterschiedlich gesmokte rosa Oberteile, zarte kurze Hosen, in der Mitte eine hautfarbene, dicke Plastikwölbung. Hände und Füße bis etwa zur Mitte der Waden sind ebenfalls pink eingefärbt. Die Aufmachung von „Bullshit“ signalisiert: das wird kein stiller Abend. Und bald wird sich zeigen: Die Choreografie des jungen Israeli ist in übertragenem wie in buchstäblichem Sinn breitbeinig.

Diese Tanzsprache setzt auf Überwältigung und Oberfläche, mit Lust trägt sie dick auf, denkt sich immer weitere Variationen des Grellen und Krassen aus. Manchmal schmeichelt sie sich momentan ein, neckt und spielt die Kesse, bisweilen auch die Tuntige. Aber sie kann durchaus unwirsch sein, eine Glättung der dominierenden rau-eckigen Bewegungen verweigern. Oft wird das Becken vorgeschoben, gern bei weit geöffneten Beinen, oder der Po schwenkt hin und her. Der Rücken wird gorillahaft gerundet, Arme baumeln. Dazu sind die Tänzer als Grimassenschneider gefordert, sie rollen die Augen, zeigen die Zähne, strecken die Zunge raus, ahmen einen Furz nach. Und trippeln im nächsten Augenblick, typisch klassische Bewegungsmuster parodierend.

Dazu gibt es einen wilden Musikmix, das Prinzip Zelners dabei scheint zu sein: Hauptsache laut, Hauptsache emotional. Es beginnt mit Klängen wie aus alten amerikanischen Tanzfilmen, dann kommt viel Afrikanisches, aber auch Gospelartiges (etwa vom Soweto Gospel Choir, von Miriam Makeba, Ayub Ogada, Samite of Uganda), eine Nummer klingt nach Bollywood – aber gleich übernimmt ein Klavier, ein bisschen dröhnend. Ganz offensichtlich unterwirft Nadav Zelner die Musik seinen Absichten, die weder subtil noch zurückhaltend sind.

Es gibt gegen Ende eine langsamere, auch mal in blaues Licht getauchte Passage einer Gruppe von Tänzerinnen – doch die Ankündigung Eric Gauthiers, die Choreografie sei „in-your-face“, also schrill, trifft achtundneunzigprozentig zu. „Bullshit“ zielt auf Effekt, deswegen gibt es auch viele schnelle, gleichsam chorische, nach vorne wogende Ensembles; und wem das nicht passt, dem wird frech die Zunge rausgestreckt.

Aber es ist doch auch eine Art von Effekt, der durch seine Geradlinigkeit und Unbefangenheit besticht. Zelner nimmt sich selbst nicht über Gebühr ernst, tut nicht so, als stecke Bedeutsames hinter den überwiegend groben, kantigen, trotzigen Bewegungen. Es ist gewiss die Direktheit, wie sie auch in den kleinen Videos Zelners zum Einsatz kommt. Oder in seinen Musical-Choreografien.

Er könnte damit ein Gegenpol zum israelischen Meister der nachtdunklen Stücke, Hofesh Shechter, werden. Eine charakteristische, eigenwillige Bewegungsprache scheint er schon zu haben, mit gerade einmal Mitte zwanzig. Im Ausdruck tendiert sie ab und zu arg ins Groteske, Übertriebene, Respektlose, aber sie hat auch eine interessante Sperrigkeit. Und genug Variationsbreite, um die Aufmerksamkeit zu halten. Trotz durchgängigem, kreischendem Rosarot.

Die Farbe geht der Rezensentin, zugegeben, auf die Nerven, aber der Choreograf, der auf ihr bestand, könnte doch eine Entdeckung sein. Er hat gerade erst angefangen.

Theaterhaus Stuttgart: 23.-25. Februar, dann im Mai. www.theaterhaus.com

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